Die 1959 in der Holzheimer Straße 67 eröffnete Damenkleiderfabrik Windisch stellte fast 300 Näherinnen ein.
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Die 1959 in der Holzheimer Straße 67 eröffnete Damenkleiderfabrik Windisch stellte fast 300 Näherinnen ein.

Wechselvolle Geschichte

Vergessene Plätze: Was wurde aus der ehemaligen Textilfabrik in Limburg?

Die Textilfabrik Windisch in Limburg ist ein beinahe vergessener Platz. Sie hat ein unrühmliches Schicksal ereilt. Doch das Areal wird jetzt anderweitig genutzt.

Limburg – Um an vergessene Plätze und deren wechselvolle Geschichte zu erinnern, bedarf es mitunter keines Rückblicks in frühere Jahrhunderte. Auch die Neuzeit birgt vielfältige Beispiele für Veränderungen, an die sich Menschen nur schwer oder gar nicht mehr erinnern. Wer kennt schon noch die Textilfabrik Windisch, die einst in der oberen Holzheimer Straße bis zu 300 Beschäftigte zählte und sogar einen werkseigenen Ganztagskindergarten unterhielt. Mit zunehmender Produktion in Billiglohnländern kam 1985 das Aus.

Wer in den 1960er Jahren in der Holzheimer Straße wohnte, weiß noch von den großen Fußgruppen junger Frauen, die spät Nachmittags nach Feierabend in regem verbalen Austausch den fast zwei Kilometer langen Fußweg bergab zu Bussen und Bahn bewältigten. Es war die Hochzeit der Textilmanufaktur in der Kreisstadt, die ab 1950 mühsam von Wilhelm Windisch aufgebaut wurde, der nach der Flucht aus Ostdeutschland in Limburg neu begann.

Textilfabrik in Limburg beginnt im Jahr 1950 mit 16 Näherinnen

Der Fabrikant stammte aus dem Vogtland, wo er um 1880 sein Unternehmen gründete, das Produktionsräume unter anderem in Bergen, Treuen und Plauen unterhielt. Nach Kriegsende 1945 wurde er in der DDR enteignet und kam mit seiner Familie in den Westen. Windisch blieb seinem Handwerk treu und begann am 15. Januar 1950 mit 16 Näherinnen und drei Angestellten in unzureichenden Räumen auf der Plötze 21 in Limburg mit einer neuen Produktion von Damenkleidern. Bald schon kamen neue Räume im Walderdorffer Hof hinzu, so dass sein junges Unternehmen bereits nach 18 Monaten 130 Menschen beschäftigte.

1953 siedelte Windisch in eine im Krieg stark beschädigte ehemalige Papierfabrik an der Ecke Graben-/Konrad-Kurzbold-Straße um. Neben der eigenen Produktion von Damenkleidern wurden Lohnaufträge erledigt. Wilhelm Windisch, der in der Cahensly-Straße wohnte, starb im Alter von 79 Jahren kurz vor dem Richtfest seines Neubaus, der 1959 in der Holzheimer Straße 67 bezogen wurde.

Ansehnliches Fabrikgelände vor den Toren Limburgs

Es war ein ansehnliches Fabrikgebäude im Süden vor den Toren der Kreisstadt. Endlich konnte das Unternehmen wieder in einem eigenen modernen Produktions- und Verwaltungsgebäude produzieren. Neben dem Hauptgeschäft, das aus der Herstellung von Damenkleidern bestand, warb Windisch mit einer Plisseebrennerei für Textilien mit eingearbeiteten Falten. Der Aufschwung schien unaufhaltsam. Die Belegschaft wuchs auf rund 300 Personen.

Der Sohn des Gründers, der das Unternehmen weiterführte, eröffnete Ende September 1967 in der unteren Bahnhofstraße im Dom-Hotel die "Fundgrube", ein Geschäft für Stoffe und Nähzutaten. Im September 1969 richtete die Firma sogar einen werkseigenen Ganztags-Kindergarten für bis zu 30 Kinder ein. Dadurch war es jungen Müttern möglich, ihren Lebensunterhalt aufzubessern. Doch die allgemeine wirtschaftliche Lage und die zunehmende Billig-Konkurrenz in Asien zwang die Firmenleitung Anfang der siebziger Jahre, die Zahl der Beschäftigten auf 170 zu reduzieren und den nicht mehr ausgelasteten Kindergarten auch für externe Kinder zu öffnen. Kein gutes Omen für eine gedeihliche Weiterentwicklung. Sieben Jahre nach dem 25-jährigen Firmen-Jubiläum, das im Januar 1975 gefeiert werden konnte, musste der Kindergarten geschlossen werden. Weitere drei Jahre später gingen in der Fabrik infolge des Konkurses für immer die Lichter aus.

Bereits kurze Zeit später zog "Richter Spiel + Hobby" mit seiner Deutschlandzentrale in die leerstehende Immobilie ein. Doch auch dieses Limburger Unternehmen ereilte die Pleite. Im Juli 1992 von der Immobiliengesellschaft Collée ersteigert, fand im Folgejahr dort der Tobi-Markt mit seinen Sonderposten eine Bleibe. Später kam noch der Jugendtreff Blumenrod hinzu.

Nach 43 Jahren bleibt nur der Abriss der Limburger Textilfabrik

2002 war auch damit Schluss. Nach 43 Jahren wurde das ehemals stolze Fabrikgebäude dem Erdboden gleichgemacht. Die neuen Eigentümer von Collée Konzeptbau verwirklichten dort ihre Pläne für die Errichtung eines Mehrfamilienhauses, der Wohnanlage "Porfina", was frei übersetzt so viel bedeutet wie "zum guten Schluss". Das Gebäude auf dem Areal Holzheimer Straße/Raiffeisenstraße wurde die Pforte für das neue, 10 000 Quadratmeter große Wohngebiet "Am Paradies", wie dieser Bereich in Anlehnung an den angrenzende Blumenröder Grüngürtel genannt wird. (Dieter Fluck)

In der gleichen Straße in Limburg wurde schon vor Jahren eine alte Baracke aus dem Krieg abgerissen.

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