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Erschütternder Bericht vor dem Gericht in Limburg

Zwei Jahre hinter Gleichaltrigen zurück

Prozess um mögliche Misshandlung eines Babys fortgesetzt

Limburg/Merenberg -Nach kaum einer Stunde war gestern der dritte Verhandlungstag im Prozess gegen einen 33-Jährigen, der im Spätsommer 2017 dem vier Wochen alte Baby seiner Lebensgefährtin in Merenberg ein Schütteltrauma zugefügt haben soll, beendet. Der Kindsmutter wurde danach vom Familiengericht das Sorgerecht entzogen. Im November 2017 übernahm das Jugendamt die Vormundschaft. Im Zeugenstand berichtete eine 39-jährige Mitarbeiterin der Behörde über die Arbeit mit dem Kind, das sie regelmäßig besucht.

Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kam das Kind damals in die Bereitschaftspflege. "Die Pflegemutter, eine ausgebildete Kinderkrankenschwester, berichtete von Atemaussetzern bei dem Baby und hielt es für fraglich, ob es überhaupt überleben wird", so die Jugendamtsmitarbeiterin. Tatsächlich sei bereits Kontakt zu einem Kinderhospiz hergestellt worden.

Doch der Zustand des Säuglings besserte sich und im Dezember 2017 kam das Kind in eine Pflegefamilie, wo es bis heute lebt. "Dort ist die Kleine wirklich sehr gut aufgehoben", sagte die Jugendamtsmitarbeiterin. Die Pflegeeltern seien beide in der Heilerziehungspflege erfahren und würden liebevoll und geduldig mit dem Kind, dass immer wieder an Schreikrämpfen und epileptischen Anfällen leide, umgehen.

Epileptische Anfälle

häuften sich

Nach Angaben der Pflegeeltern hatten sich im April 2019 die epileptischen Anfälle gehäuft, woraufhin die Medikation angepasst werden musste. Zu dieser Zeit sei auch ein Antrag nach dem Schwerbehindertengesetz gestellt und bewilligt worden. Danach ist das Mädchen zu 100 Prozent behindert und wurde in den Pflegegrad drei eingestuft.

Im Herbst 2019 wurde gemeinsam vom Jugendamt und den Pflegeeltern überlegt, die Kleine im Kindergarten anzumelden. Zunächst ging die Pflegemutter mit, dann war endlich eine Integrationskraft gefunden. Danach habe es eine ganze Weile gebraucht, bis sich der Kindergartenalltag eingespielt habe. "Zu Beginn war es wohl mehr Isolation als Integration", so die Jugendamtsmitarbeiterin. Sie beschreibt das behinderte Mädchen als fröhliches Kind mit Freude an Musik. "Aber wenn es ihr zu viel wird, fängt sie an zu schreien und zeigt selbstverletzendes Verhalten, indem sie sich beißt oder ihre Finger auf die Augen presst."

Als Vormund habe das Jugendamt Einblick in alle medizinischen Dokumentationen. So wisse sie, dass bei dem Mädchen eine Entwicklungs- und Bewegungsstörung diagnostiziert wurde, ebenso der Verdacht auf eingeschränkte Sehfähigkeit. Das Hirn sei definitiv geschädigt. "Die Kleine ist jetzt drei Jahre und vier Monate alt. Doch in ihrer Entwicklung ist sie etwa zwei Jahre hinter Gleichaltrigen zurück." Zu einem proaktiven Kontakt zu anderen Kindern sei das Mädchen unfähig und wenn sie angespielt würde, bringe sie das oft in Überforderung.

Aufgrund der Erkenntnis, dass die heute Dreijährige wahrscheinlich immer sozial isoliert bleiben wird, müsse darüber nachgedacht werden, ob es beim Strafmaß für den 33-Jährigen auf schwere Körperverletzung hinauslaufe, so der Vorsitzende Richter Andreas Janisch. "Dafür brauchen wir mehr Klarheit." Deshalb sollen weitere Zeugen geladen und gegebenenfalls ein medizinischer Gutachter beauftragt werden.

Somit wird sich der Prozess in die Länge ziehen. Der nächste Verhandlungstag ist am 10. Dezember.

Kerstin Kaminsky

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