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Schuy sucht Bewerber von Alien bis Zwitter (Symbolbild)

Von Lob bis Rassismus-Vorwürfen

Unternehmer sucht Bewerber von Alien bis Zwitter - und sorgt für Diskussionen

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Michael Schuy hat mit einer Stellenanzeige die gendergerechte Sprache auf die Schippe genommen. Statt der heute korrekten Hinweise mit dem Zusatz m/w/d für männlich, weiblich und divers listete der Unternehmer das komplette ABC auf - mit der Erklärung, dass sich von "Alien bis Zwitter" jeder bei ihm bewerben kann.

Limburg  - Man(n) hat's nicht mehr leicht mit der korrekten gendergerechten Schreibweise, liebe Leser und Leserinnen. Oder sollten wir nicht besser Leser/-innen, Leser(innen), Leser*Innen, Leser!nen oder LeserInnen schreiben? Doppelform, Schrägstrich, Klammer, Gendergap, Gendersternchen und Binnen-I: Alles erlaubt, nur einfach Leser ist ganz schlecht. Lesende wäre in diesem Fall auch noch okay, analog zu Studierenden

Viele sprechen deshalb vom sprachlichen "Genderwahn". Aber wir werden uns hüten, diesen Begriff zu verwenden, denn ". . . der Ausdruck ist eine abwertende und diffamierende Bezeichnung für als übertrieben und falsch empfundene Gleichstellungsmaßnahmen und Maßnahmen, die zu einer geschlechtergerechten und inklusiven Sprache führen sollen".

So steht es im ersten Beitrag zu diesem Thema im Internet. Das Wort werde in konservativen und rechten Milieus verwendet und damit würden Bemühungen, die zu mehr Geschlechtergerechtigkeit und zu mehr Gleichstellung der Geschlechter führen sollen, kritisiert und verunglimpft.

Alles klar - und damit tabu für Journalisten. Doch an solche Maßregeln für Zeitungsleute muss sich nicht jeder halten, zumindest noch nicht. Unternehmer zum Beispiel, wenn sie wirtschaftlich unabhängig sind.

Der Limburger Michael Schuy ist so einer - und dafür bekannt, dass er sehr offen seine Meinung sagt und sich nicht den Mund verbieten lässt. Unsinnige Vorschriften und vermeintliche Auswüchse der neuen Sprachregelung gehen dem 63-Jährigen gewaltig auf die Nerven.

Er hat die Entwicklung jetzt ironisch auf die Schippe genommen: in Form einer Stellenanzeige in dieser Zeitung. Viele fanden es witzig, aber nicht alle konnten darüber lachen. Im Gegenteil. Wie man es heute richtig macht, dokumentierte die Stadtverwaltung Runkel direkt darunter. Sie suchte eine/n Erzieher/in (m/w/d). Also männlich, weiblich oder divers.

Schuy und die Tradition

Das 100 Jahre alte Familienunternehmen hielt es dagegen mit der Tradition. Die Recyclingfirma suchte zum sofortigen Eintritt einen kaufmännischen Mitarbeiter - listete in der Zeile darunter das gesamte Alphabet auf und fügte am Ende ein Sternchen hinzu. Die Erklärung: "Von Alien bis Zwitter kann sich jeder bewerben."

Michael Schuy leitet in dritter Generation das 100 Jahre alte Familienunternehmen in Limburg.

Oha. Weil der Chef die Annonce auch noch selbst auf Facebook postete, war die Resonanz gewaltig. Schuy bekam ungewöhnlich viele Bewerbungen für eine solche Stelle - und zahlreiche Kommentare im Netz. Positive und negative.

"Super Stellenausschreibung. Hätte ich keine Arbeit und würde in der Nähe wohnen, hätte ich mich sofort beworben. Eine Firma, die gegen den Wahnsinn, der zurzeit herrscht, humorvoll angeht", lobt einer. Und ein anderer: "Ich bin kein Alien und kein Zwitter, würde mich aber bei Ihrer Firma jederzeit bewerben . . . Wir haben uns auf die Schenkel geklopft . . . Endlich traut sich jemand, dieses Treiben auf den Arm zu nehmen. Anders geht es ja kaum noch."

"Niemand diskriminiert"

Es gab aber auch schwere Vorwürfe. "Extreme Rassisten . . . Machen sich auf der Suche nach Mitarbeitern über Trans etc. lustig und betiteln diese als Aliens", hieß es. Und: "Stellenausschreibungen zum Spaß diskriminierend ausgeschrieben. Sorry, vom Leben nichts verstanden. So was ist nicht lustig, sondern einfach nur unseriös!" Die Stellenanzeige sei diffamierend und an Geschmacklosigkeit kaum zu überbieten, lauteten weitere Kommentare.

Schuy hat allen geantwortet, ganz ernst. Er bedauere die Interpretationen und Empfindungen; er habe niemanden diffamiert und diskriminiert. "Wir haben ausdrücklich klargestellt, dass sich wirklich jeder bewerben kann, und zwar unabhängig von der Herkunft, dem Geschlecht, der Hautfarbe oder der Zugehörigkeit sonstiger differenzierbarer Gruppen." Das "A/B/C/. . ." richte sich ausschließlich gegen die gesetzlich vorgeschriebene Buchstabenfolge. In England etwa sei jedem klar, dass in der männlichen Berufsbezeichnung Frauen eingeschlossen sind.

Die allermeisten Leser hätten seine Ironie verstanden, sagte Michael Schuy gestern dieser Zeitung. Der Zusatz "in" hinter dem Schrägstrich und "m/w" in Klammern sei okay, aber dass nun noch ein d vermerkt werden sollte, gehe ihm zu weit. "Von mir aus kann ein Mitarbeiter divers oder was sonst auch immer sein", stellt er klar. "Ich ärgere mich allerdings, dass dieser Genderismus übertrieben und zur Regel erhoben wird."

Die Stelle hat übrigens eine Frau bekommen. Der Ehrenpräsident des Verbandes der europäischen Recyclingindustrie hat die Führungsspitze in seinem Unternehmen paritätisch mit Frauen und Männern besetzt; das gilt für Geschäftsführung und Prokuristen. "Also frauenfeindlich bin ich ganz bestimmt nicht", sagt Michael Schuy.

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