Für Dieter Zecha war die Werkstatt der Lebenshilfe genau der richtige Arbeitsplatz. Am 31. März ist er jetzt in Rente gegangen - nach 44 Jahren.
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Für Dieter Zecha war die Werkstatt der Lebenshilfe genau der richtige Arbeitsplatz. Am 31. März ist er jetzt in Rente gegangen - nach 44 Jahren.

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Limburg-Weilburg: "Arbeit hat für alle Menschen einen hohen Stellenwert"

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Menschen mit "Vermittlungshemmnissen" haben in der Pandemie noch größere Probleme, eine Beschäftigung zu finden - Um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, meldet sich das Netzwerk Beschäftigung zu Wort

Erst kamen kaum neue Aufträge, was eigentlich ein Glück war, denn die Beschäftigten durften sowieso nicht in die Werkstätten: Im Frühjahr 2020 galt ein Betretungsverbot. Was damals abzuarbeiten war, haben Festangestellte der Lebenshilfe übernommen, schließlich mussten die Verträge erfüllt werden; So kamen auch mal zum Beispiel die Busfahrer an den Schweißroboter oder die Kreissäge, auch wenn der Landeswohlfahrtsverband ausdrücklich untersagt hatte, dass Fachkräfte in der Werkstatt eingesetzt werden. "Aber wir haben uns über die große Solidarität der Kollegen gefreut", sagt Patrik Steinebach, Bereichsleiter der Werk- und Tagesförderstätten der Lebenshilfe Limburg Diez.

Im Sommer durften die rund 440 Beschäftigten dann wieder arbeiten, aber da hatten sie eigentlich nichts mehr zu tun. Jetzt läuft es bei den Kunden wieder, es kommen wieder Aufträge en masse, "aber wir können sie nicht bedienen". Weil das Personal fehlt. Um die Abstandsregeln einhalten zu können, darf nur mit halber Besetzung gearbeitet werden, und aus Angst vor Ansteckung kommen sowieso nur zwei Drittel der Beschäftigten in die Werkstatt - in Wechselschicht, eine Woche die eine Gruppe, in der nächsten die andere. Und so wird in den fünf Werkstätten der Lebenshilfe Limburg Diez weniger gearbeitet als eigentlich nötig wäre. Und als die Klienten eigentlich wollen.

"Arbeit hat für alle Menschen einen hohen Stellenwert", sagt Klaus-Dieter Ringleb, Leiter der Lebenshilfewerkstatt Diez. "Aber für unsere Klienten gilt das ganz besonders." Viele würden lieber auf ihren Urlaub verzichten als auf das Gefühl, gebraucht zu werden, auf die Wertschätzung der Kunden und natürlich auch auf das Geld. "Wir machen hier keine Beschäftigungstherapie, sondern Arbeit", sagt Klaus-Dieter Ringleb.

Und zu der gehört natürlich das Recht auf Bezahlung. Die ist im Moment schlecht, auch wenn die Werkstätten längst zu veritablen Wirtschaftsbetrieben geworden sind. "Der Gedanke, Arbeitsplätze für Menschen mit geistigen oder seelischen Behinderungen zu schaffen, ist leider in den Hintergrund getreten. Der Profit ist wichtiger geworden", sagt Patrik Steinebach.

Aktuell gibt es keinen Steigerungsbetrag

Für die Finanzierung der Werkstätten ist der Landeswohlfahrtsverband zuständig, er übernimmt 80 Prozent der Kosten. Der Rest muss erwirtschaftet werden. Der Überschuss aus dem Wirtschaftsbetrieb wird den Klienten als Lohn ausbezahlt, jedenfalls der größte Teil, 30 Prozent darf die Lebenshilfe für die Refinanzierung einbehalten. Doch wenn kein Überschuss erwirtschaftet werden kann, sinken die Löhne, zumindest fällt der Steigerungsbetrag weg, der Betrag, den die Klienten zusätzlich zum Grundlohn und zum Arbeitsförderungsgeld bekommen. "Den Steigerungsbetrag können wir im Moment nicht zahlen", sagt Patrik Steinebach. Und die Lohnersatzleistungen, die bislang vom Landeswohlfahrtsverband gezahlt wurden, waren auch nicht der Rede wert. Insgesamt 100 000 Euro gab es für die Lebenshilfe Limburg Diez. Das waren gerade mal 30 Euro pro Mann (oder Frau) und Monat. "Das verpufft."

Der Lohn reicht nicht mehr fürs Leben

Und das hat fatale Folgen: Viele der Werkstattbeschäftigten mussten Grundsicherung beantragen, weil ihr Lohn nicht mehr fürs Leben reicht. "Dabei waren sie eigentlich stolz, dass sie selbst arbeiten und etwas leisten können", sagt Patrik Steinebach. Und jetzt wird es für viele Beschäftigte noch knapper: Eigentlich habe der Landeswohlfahrtsverband zugesagt, die Kostensätze bis Ende Januar zu übernehmen, egal, ob die Klienten in Wechselschicht arbeiten oder zu Hause bleiben, weil sie oder ein Angehöriger zur Risikogruppe gehören.Jetzt drohe der LWV allen, die zu Hause bleiben, mit der Streichung der Kostenzusage. "Das ist nicht rechtens", sagt Patrik Steinebach. Aber es klage niemand dagegen. Die Lebenshilfe würde es ja tun, aber sie darf nicht. Denn nach dem Bundesteilhabegesetz sei nicht die Einrichtung berechtigt, eine Kostenzusage zu erwirken, sondern nur der gesetzliche Betreuer. Und der LWV werde nicht locker lassen. Er werde die Klienten auffordern, wieder in die Werkstätten zu gehen. Wer das nicht will, dem bliebe nichts anderes übrig, als sich ein Attest zu besorgen. Aber die Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten lasse auch nicht locker. "Wir kämpfen weiter um Anerkennung als systemrelevante Einrichtung", sagt Patrik Steinebach. Denn wer systemrelevant ist, bekommt Lohnersatzleistungen.

Und wieder geht es ums Geld. Das merken die Werkstätten auch daran, dass so viele Menschen wie möglich auf dem ersten Arbeitsmarkt untergebracht werden sollen. Aber nicht jeder könne dem Druck in einem Betrieb standhalten. Viele kämen nach einigen Enttäuschungen wieder zurück zur Lebenshilfe. Der Trend, die Leistungsstärkeren in sozialversicherungspflichtige Jobs zu vermitteln, hat auch Folgen für die Werkstätten: "Die Fitten fehlen uns." Die Produktivität nimmt ab, die Erlöse sinken, die Werkstattmitarbeiter verdienen weniger Geld.

"Die Politik hat es versäumt, angemessene Löhne für behinderte Menschen zu schaffen", sagt Patrik Steinebach. Und angemessene Löhne hätten etwas mit Wertschätzung zu tun. Genau wie ein angemessener Arbeitsplatz. Um herauszufinden, welcher Platz zu ihnen passt, haben die Klienten der Lebenshilfe zwei Jahre Zeit. So lange bleiben sie im Berufsbildungsbereich, können in den verschiedenen Werkstätten der Lebenshilfe ihre Stärken und Schwächen, ihre Talente kennenlernen. Und dann wird entschieden, ob eine Ausbildung oder ein Job auf dem ersten Arbeitsmarkt passt, ob eine Werkstatt das Richtige ist oder vielleicht doch eine Tagesförderstätte.

Wer in der Werkstatt bleibt, bekommt einen maßgeschneiderten Arbeitsplatz: Wer es kann, kommt an die Kreissäge oder den Schweißroboter, aber es gibt ja auch noch den Verpackungsbereich oder die Recycling-Abteilung, wo die Klienten ihr Arbeitstempo und ihren Arbeitsplatz ganz individuell gestalten können. Die Produktivität soll gar nicht Priorität haben - jedenfalls nicht für die Lebenshilfe. "Wir wollen nah am Menschen sein", sagt Patrik Steinebach.

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