Trotz Baustoffmangels wird auf den Baustellen der Albert Weil AG wie hier in Westerburg noch gearbeitet.
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Trotz Baustoffmangels wird auf den Baustellen der Albert Weil AG wie hier in Westerburg noch gearbeitet.

Kunden verschieben Bauvorhaben

Heimische Unternehmen sind alarmiert – "Baustoffpreise gehen durch die Decke"

  • Rolf Goeckel
    VonRolf Goeckel
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Bauen wird immer teurer. Das liegt vor allem an gestiegenen Preisen für Material. Unternehmen aus Limburg-Weilburg berichten.

Limburg-Weilburg – Die Preise für Baustoffe kennen seit Monaten nur eine Richtung: nach oben. „Stellenweise gehen die Preise durch die Decke“, berichtet Andreas Eisbach, kaufmännischer Leiter und Prokurist des Baustofflieferanten Retagne aus Dornburg. Bauholz koste im Vergleich zum Frühjahr das Zwei- bis Zweieinhalbfache, die Preise für Dämmstoffe und PVC-Rohre seien um 60 bis 80 Prozent gestiegen, ähnlich sehe es bei Metallwaren aus. Eine Entwicklung, die den heimischen Bauunternehmen und privaten Häuslebauern zunehmend zu schaffen mache. „Ich habe Kunden erlebt, die ihren Bau wegen gestiegener Baustoffpreise verschoben haben“, berichtet Eisfeld. Denn: „Da kommen schnell mal zusätzlich 50 000 bis 60 000 Euro zusammen“, rechnet der Baustoffhändler vor.

Bei Weton Massivhaus in Limburg drücken die gestiegenen Baustoffpreise auf das Geschäft mit Einfamilienhäusern im mittleren Preissegment, berichtet Geschäftsführer Manuel Hannappel. Häuser, die zwischen 300 000 und 500 000 Euro kosten, würden derzeit deutlich seltener nachgefragt. Wohingegen das Geschäft im höheren Preissegment angezogen habe. „Wir bauen weniger, aber teurer“, bringt Hannappel die Situation auf den Punkt. Gut laufe auch das Geschäft mit Mehrfamilien- und Reihenhäusern. Solche Bauten seien in Zeiten von Minuszinsen als Geldanlageobjekte sehr beliebt.

Limburg: Lieferengpässe bei manchen Baustoffen – Enge Bindungen zahlen sich aus

Die Situation im Baustoffhandel bei Weton ist laut Hannappel von "extrem hohen Preisen bei extrem hoher Nachfrage" gekennzeichnet. "Die Kunden kaufen fleißig und bezahlen es auch", so der Geschäftsführer. Teilweise dramatisch sei die Situation bei Abflussrohren aus Kunststoff und Dämmstoffen gewesen. Nur indem Weton sein Lieferantennetz deutlich ausgeweitet habe, seien bestimmte Baustoffe überhaupt noch verfügbar gewesen.

Der Obermeister des Bauhandwerks im Kreis Limburg-Weilburg, der Bad Camberger Bauunternehmer Bruno Vormann, ist alarmiert. Die Preissteigerungen für Baustoffe seien teilweise "brutal", sagt er. Betroffen seien vor allem die Rohbaufirmen, die im Bauhandwerk den höchsten Materialeinsatz zu leisten hätten. Sie hätten enorme Preissteigerungen zu verkraften, die sie nicht immer an die Auftaggeber weitergeben könnten. Dies sei vor allem bei länger bestehenden Aufträgen von privaten Bauherren der Fall, sagt Vormann. "Die haben ihre Finanzierung stehen und verlassen sich auf den Preis." Sollten sich auf einmal Preissteigerungen von 30 Prozent oder mehr ergeben, würde so manche Finanzierung wackeln. "Da probieren wir, den Ball so flach wie möglich zu halten", so der Obermeister. Für viele Unternehmen gingen die momentanen Preissteigerungen von den Gewinnen der Vorjahre ab. "Was wir momentan betreiben, ist mehr Geldwechseln als Geldverdienen." Das zehre am Eigenkapital vieler Unternehmen.

Dabei könnten sich die meisten Bauhandwerker über einen Mangel an Aufträgen nicht beklagen. "Die Auftragsbücher sind oft für sechs Monate voll", sagt Vormann. Allerdings müssten Kunden mitunter lange Verzögerungen in Kauf nehmen. Nicht selten müssten sie drei Monate auf die Erledigung ihres Auftrags warten, in "normalen Zeiten" seien es allenfalls sechs Wochen.

Preissteigerungen im Vergleich zum Rhein-Main-Gebiet noch für Handwerker machbar

Entspannter sei die Situation bei öffentlichen Aufträgen. "Verträge mit der öffentlichen Hand enthalten in der Regel Gleitklauseln, die steigende Preise für Baustoffe abfangen", so Obermeister Vormann. Umgekehrt bedeutet dies aber auch, dass viele Kommunen, sprich die Steuerzahler, seit Monaten drauflegen müssten.

Dabei hielten sich die Preissteigerungen der Baustofflieferanten im Kreis Limburg-Weilburg und in den Nachbarregionen noch einigermaßen in Grenzen, zumindest im Vergleich mit Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet. "Wir Handwerker werden noch gut bedient", lobt Vormann die heimischen Baustoffhändler. Ihm sei kein einziger Fall bekannt, in dem Lieferfirmen die Situation ausgenutzt und sich nicht an Preisabsprachen mit den Handwerksunternehmen gehalten hätten. Enge Bindungen zwischen Lieferanten und Handwerkern, zahlten sich nun vielfach aus. Viele Lieferfirmen hätten ihre Lagerbestände noch zu "moderaten Preisen" abgegeben. Von den zum Teil enormen Preissteigerungen seien daher vorrangig Neubauten betroffen, für die die Handwerker zu aktuellen Konditionen einkaufen müssten.

Bauunternehmer aus Kreis Limburg-Weilburg: "So kann es nicht weitergehen"

Eine Situation wie diese hat Vormann, wie er sagt, in 30 Jahren Selbstständigkeit noch nie erlebt. "So wie jetzt", sagt er, "kann es auch nicht weitergehen, sonst ist der Wohnungsbau in Zukunft massiv gefährdet." Auch für Andreas Eisfeld von Retagne ist die Situation völlig neu. "Es hat schon früher immer wieder mal Knappheit in einzelnen Materialbereichen geben", sagt er. "Aber nie so global wie jetzt."

Dr. Christoph Gelking, Geschäftsführer der Handwerkskammer (HwK) Wiesbaden, beobachtet Preissteigerungen bei verschiedensten Baustoffen bereits seit dem letzten Quartal 2020. "Bei einzelnen Materialien scheinen aber die vereinzelt gemeldeten Höchststände von 200 Prozent oder mehr überwunden zu sein", so seine Einschätzung. Nicht selten bestehe das Problem allerdings darin, dass Baumaterialien kurz- und mittelfristig gar nicht lieferbar seien. Betroffen seien nahezu alle Bau- und Ausbaugewerke, da diese Materialien wie Bauholz, Dämmstoffe, Gips, Farben, Lacke, aber auch kunststoffbasierte Materialien wie Bitumen, Styrole unter anderem für Styropordämmung, Kunststoffe für Rohre oder Kabelisolierungen, Baustahl und sogar Schrauben benötigten. Die zusätzliche Nachfrage aus den Überschwemmungsgebieten verstärke derzeit die Knappheitssituation bei einigen Baumaterialien, aber auch bei Baumaschinen und -geräten, so Gelking.

Etliche Neubauten müssten wegen längerer Lieferzeiten nach hinten geschoben werden. Höhere Einkaufspreise müssten in der Auftragskalkulation berücksichtigt und, soweit möglich, an die Auftraggeber weitergereicht werden, so Gelking. "Dies führt langfristig zu dem volkswirtschaftlichen Risiko, dass Bauherren die Finanzierung für Neubauten oder energetischen Sanierungen fehlt."

Noch keine größeren Lieferengpässe und Verzögerungen bei Albert Weil AG

Kritisch, so der HwK-Geschäftsführer, seien zum einen Bauaufträge, die schon vor Monaten zu damals gültigen Preisen abgeschlossen wurden und nun zu den massiv höheren Preisen ausgeführt werden sollen. Zum anderen Aufträge, die aufgrund fehlenden Materials gar nicht ausgeführt werden können, so dass sogar Vertragsstrafen drohen.

Davon ist das Limburger Bauunternehmen Albert Weil AG nach eigenen Angaben allerdings noch weit entfernt. „Bis heute sind wir vergleichsweise gut durch die Situation gekommen“, berichtet Pressesprecherin Christine Schäfer. „Wir haben höhere organisatorische Anforderungen an unsere Materialabrufe und müssen die Materialien frühzeitiger definieren und bestellen - letztlich müssen Entscheidungen bei unseren Auftraggebern und unseren Bauleitern schneller eingefordert werden.“ Das Unternehmen habe sich bemüht, sehr vorausschauend zu planen. „Dadurch kam es glücklicherweise auf unseren Baustellen bisher zu keinen größeren Lieferengpässen oder Verzögerungen. Darüber sind wir sehr froh.“

Gestiegene Nachfrage aus den USA und China

Die gegenwärtige Materialknappheit auf dem Baustoffsektor hat nach Einschätzung von Fachleuten mehrere Ursachen. Viele Hersteller haben während der Coronakrise die Produktion gedrosselt und könnten nun, da die Nachfrage wieder steigt, nicht schnell genug hochfahren. Aber auch eine verstärkte Nachfrage aus den USA, vor allem aber aus China, führt zu einer Materialverknappung hierzulande. Wie klein die Welt mitunter ist, erlebt Retagne-Einkäufer Eisbach im Wald vor der eigenen Haustür in Langendernbach. "Da stehen schon die Übersee-Container bereit, die Holz nach China abtransportieren."

Wie lange die Preiskrise in der Baustoffindustrie noch andauert, lässt sich derzeit kaum abschätzen. Bei einzelnen Baustoffen, zum Beispiel PVC-Rohren, sei bereits eine gewisse Entspannung sichtbar, so Eisfeld. Auch Rigips sei wieder "ganz gut zu haben". Lichtblick: Die Industrie nehme mittlerweile wieder Aufträge an, berichtet er. "Das war vor einigen Wochen noch anders." Bei Holz sei er allerdings skeptisch: "Da wird die jetzige Situation noch bis ins nächste Jahr andauern", so Eisfelds Prognose. Auch die meisten im Trockenbau benötigten Materialien dürften noch lange knapp bleiben.

Baustoffpreise in Limburg-Weilburg: Entspannung nicht vor dem Jahr 2022

Bei der Albert Weil AG rechnet man frühestens 2022 mit einer Entspannung der Lage. "Die Nachfrage nach diversen Baumaterialien ist nach wie vor hoch. Einige Unternehmen und Händler werden sicherlich versuchen, Material zu horten oder einzulagern, was erneut zu einer erhöhten Nachfrage führt", so Christine Schäfer. HwK-Geschäftsführer Gelking geht davon aus, dass sich "die überschießenden Entwicklungen bei den Preisen voraussichtlich wieder beruhigen werden." Eine Rückkehr zum Niveau vor der Krise sei allerdings nicht zu erwarten. Davon geht auch Weton-Chef Hannappel für den Neubausektor aus. Die Baustoffpreise würden zwar früher oder später sicherlich wieder zurückgehen, ist er überzeugt. Allerdings glaube er nicht, dass die Handwerker ihre oftmals deutlich angehobenen Stundensätze wieder zurücknehmen werden.

Die Beschäftigten in der Baubranche haben indes nur wenig zu befürchten, schätzt HwK-Chef Gelking. "In der Regel versuchen Handwerksbetriebe, ihre qualifizierten Fachkräfte auch in der derzeitigen Situation in jedem Fall zu halten, da diese nach einer Entspannung der Lage erfahrungsgemäß oft nicht wieder zurückzugewinnen sind", sagt er. Allerdings, schränkt er ein, gebe es vereinzelt auch Berichte über Kurzarbeit aufgrund stillstehender Baustellen. (Rolf Goeckel)

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