1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg

Cannabis-Legalisierung: Sozialarbeiter und Mediziner in Sorge – „Wir sehen das kritisch“

Erstellt:

Von: Rolf Goeckel

Kommentare

Judith Hautzel (links) und Panja Schweder sitzen nebeneinander an einem Tisch.
Judith Hautzel (links) und Panja Schweder haben Vorbehalte gegen die geplante Cannabis-Freigabe. © Rolf Goeckel

Die Ampel-Koalition möchte den Cannabis-Konsum legalisieren. Sozialarbeiter und Mediziner im Kreis Limburg-Weilburg erfüllt das zum Teil mit Sorge.

Limburg-Weilburg – Was in Kanada und Teilen der USA bereits gilt, soll auch hierzulande Wirklichkeit werden: Die bisher illegale Droge Cannabis soll in Zukunft legal verkauft und konsumiert werden dürfen. Wie genau die künftige Bundesregierung die Cannabis-Legalisierung umsetzen will, ist noch unklar. Sicher ist laut dem zwischen SPD, FDP und Grünen geschlossenen Koalitionsvertrag nur, dass es dazu kommen soll. Eine Ankündigung, die nicht überall positiv gesehen wird. Im Gegenteil.

Die Jugend- und Drogenberatung (Judro) Limburg und Weilburg hat es mit Menschen, vor allem auch jüngeren, zu tun, die vom Drogenkonsum loskommen wollen. Dabei geht es keineswegs in erster Linie um harte Drogen wie Heroin oder Kokain, sondern sehr häufig um Cannabis, oftmals in Verbindung mit sogenannten „Partydrogen“ wie Ecstasy. Das berichten Judro-Leiterin Judith Hautzel und das Vorstandsmitglied des Vereins für Integration und Suchthilfe (VIS) Panja Schweder. Mit Blick auf die geplante Legalisierung seien sie zwiegespalten, sagen Schweder und Hautzel. „Wir sehen das kritisch.“

Cannabis-Legalisierung: Drogenberatung in Limburg besorgt, dass Konsum bagatellisiert wird

Zu begrüßen sei sicherlich, wenn der Konsum von Cannabisprodukten entkriminalisiert werden soll, zumal die Angst vor Strafe nur wenige vor dem Konsum abschrecken dürfte. Andererseits sei die Sorge nicht unbegründet, dass der Cannabis-Konsum mit der Freigabe weiter bagatellisiert wird.

Schon jetzt hafte der Droge das Image eines harmlosen Genussmittels an. Aber: „Cannabis ist ein Suchtmittel“, betonen Schweder und Hautzel. Ein Suchtmittel, das erfahrungsgemäß vor allem jüngere Menschen – aber nicht nur sie – gefährde. Ihre Forderung an die Politik laute deshalb: Cannabis darf unter keinen Umständen an Jugendliche abgegeben werden. Auch die Präventionsarbeit müsse verstärkt werden.

In der Debatte komme zu kurz, dass bei häufigem Konsum von Cannabis psychische Abhängigkeit drohe, aus der die Betroffenen ohne Hilfe nicht mehr herauskommen. Dazu kämen mitunter schwerwiegende Folgen für die Bewältigung des Alltags: Vom Abbruch der Schule oder Ausbildung bis hin zur sozialen Isolation.

Limburger Experten sehen Gefahr in Legalisierung: Einige Cannabis-Konsumenten bekommen Probleme

„Viele Abhängige können am normalen Alltagsleben gar nicht mehr teilhaben“, berichtet Sozialarbeiterin Judith Hautzel aus ihrer Erfahrung. Und Panja Schweder ergänzt: „Wir müssen uns lösen von der Vorstellung, dass es nur um Wohlstandsbürger geht, die sich am Abend mal einen Joint genehmigen.“ Diesen Personenkreis gebe es sicherlich auch, er suche aber keine Drogenberatungsstelle auf. „Zu uns kommen die Menschen, die Probleme haben“, sagt Schweder. Und zu den Problemen können auch psychische Schäden gehören, die einen Klinikaufenthalt erforderlich machen.

Zum Beispiel in der Vitos Klinik in Hadamar, in der unter anderem Psychosen behandelt werden, die von einem übermäßigen Cannabiskonsum verursacht wurden. „0,5 bis ein Prozent der Cannabiskonsumenten bekommen echte psychische Probleme bis hin zur Schizophrenie“, berichtet der Ärztliche Direktor Prof. Christoph Fehr. Oder anders formuliert: „Ein Drittel unserer Schizophrenie-Patienten hat ein Cannabis-Problem.“

Und je niedriger das Einstiegsalter der Konsumenten sei, desto eher könnten solche Psychosen auftreten. Hinzu komme ein Suchtproblem: Rund ein Fünftel aller Konsumenten sei abhängig von Cannabis-Produkten, so Fehr.

Mediziner aus Limburg zu Cannabis-Legalisierung: „Es handelt sich eher um ein politisches Thema“

Das heiße aber auch, dass 80 Prozent ihre Gesundheit nicht gefährden, weshalb ein Urteil über die Zweckmäßigkeit einer Cannabis-Freigabe gar nicht einfach sei, wie der Mediziner einräumt. Dennoch kommt Fehr zu dem Schluss: „In Abwägung aller Umstände bin ich gegen die Legalisierung von Cannabis.“ Zumal er den Eindruck habe, dass es sich um ein eher politisches Thema handele. „Es verbindet FDP und Grüne im Sinne einer gemeinsamen Projektidentifizierung.“

Einen besseren Gesundheitsschutz und ein dichteres Beratungsangebot im Umgang mit Cannabis hält auch der Klinikdirektor für unabdingbar, wenn es denn zu einer Legalisierung kommt. Eine Forderung, mit der der Mediziner bei den Sozialarbeitern der Jugend- und Drogenhilfe offene Türen einrennt. Zwar werde schon jetzt Aufklärung beispielsweise an Schulen betrieben. Doch das Angebot reicht nach Einschätzung von Schweder und Hautzel noch nicht aus. Für den gesamten Landkreis Limburg-Weilburg stünden nur fünf Fachkräfte zur Verfügung, die sich um die Jugend- und Drogenberatung kümmerten.

Zur Präventionsarbeit gehöre aber nicht nur, über die möglichen Folgen des Cannabis-Konsums zu informieren. Auch an der Beseitigung von Ursachen müsse gearbeitet werden. Dazu gehörten vor allem Gewalterfahrungen in der Kindheit und Jugend sowie traumatische Erlebnisse. Die Regierungspolitik, meinen Schweder und Hautzel, sollte daher ihr Augenmerk auch auf die Sozialpolitik lenken, damit erst gar nicht der Bedarf nach Drogenkonsum entsteht. Denn oftmals handele es sich dabei um eine fehlgeleitete Bewältigungsstrategie für schlimme Erfahrungen in frühen Lebensjahren.

Im Gegensatz zu Sozialarbeitern aus Limburg befürwortet Hessischer Richterbund Cannabis-Legalisierung

Aus einer ganz anderen Perspektive als Sozialarbeiter und Mediziner blicken Juristen auf die geplante Cannabis-Freigabe. „Der Richterbund Hessen begrüßt die im Koalitionsvertrag in Aussicht genommene kontrollierte Abgabe von Cannabis an Erwachsene zu Genusszwecken in lizenzierten Geschäften“, erklärte Vorsitzender Johannes Schmidt auf Anfrage dieser Zeitung.

Aus Sicht des Richterbundes habe die Strafbarkeit des Konsums von Cannabis weder dazu geführt, dass der Eigenkonsum unterbleibt, noch dass die organisierte Kriminalität zurückgedrängt werden konnte. Durch die Entkriminalisierung ließen sich überdies die Strafverfolgungsbehörden entlasten. „Dies ist nötig, um die dringend benötigten Ressourcen für die Bekämpfung der mittleren und schweren Kriminalität zu stärken.“

Allerdings, so Richter Schmidt, müsse bei der kontrollierten Abgabe von Drogen sichergestellt sein, dass das legal erhältliche Cannabis nicht aus illegalen Quellen stammt, damit nicht das organisierte Verbrechen am staatlichen Cannabis-Handel mitverdient. Auch Suchtprävention und Suchthilfe müssten in bedeutendem Umfang gestärkt werden, nicht nur im Bereich von Marketing und Sponsoring, sondern vor allem bei der Jugendhilfe und Sozialarbeit. (Rolf Goeckel)

Bislang halten illegale Cannabis-Plantagen die Polizei regelmäßig auf Trab. In Bad Camberg bei Limburg durchsuchte die Polizei eine Scheune. Dabei fanden die Beamten eine Cannabis-Plantage, mit deren Ausmaß sie nicht gerechnet hatten.

Auch interessant

Kommentare