Sandra Völpel und ihre Kolleginnen von pro familia beraten Frauen, die ungewollt schwanger wurden und wissen, mit welcher Angst die Frauen zu ihnen kommen.
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Sandra Völpel und ihre Kolleginnen von pro familia beraten Frauen, die ungewollt schwanger wurden und wissen, mit welcher Angst die Frauen zu ihnen kommen.

Frauen fordern Reform

Limburg-Weilburg: Das Tabuthema rund um das Gesetz von 1871

  • Sabine Rauch
    VonSabine Rauch
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Schwangerschaftsabbrüche: Frauen fordern ein Recht auf Beratung statt einer Verurteilung

Limburg-Weilburg -Es gibt die Mädchen, die gleich "beim ersten Mal" schwanger wurden und die Frauen, deren One-Night-Stand unerwünschte Folgen hatte, aber in der Regel sind es Frauen zwischen 25 und 35, die in einer Partnerschaft leben und es sich einfach nicht vorstellen können, diese Schwangerschaft anzunehmen. "Ich hätte nie gedacht, dass ich mal hier sitze" ist einer der Sätze, den Sandra Völpel und ihre Kolleginnen von der Beratungsstelle Pro Familia in Limburg regelmäßig hören. Und genauso regelmäßig erleben sie, dass die Frauen mit Angst und voller Schuld- und Schamgefühle in die Beratung kommen. Denn sie kommen ja nicht freiwillig. Frauen, die sich in Deutschland für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden, müssen nachweisen, dass sie in einer anerkannten Beratungsstelle waren. Wer den Eingriff auf eigenen Wunsch vornehmen lassen will, dem droht eine Gefängnis- oder Geldstrafe - so steht es im Gesetz. In einem Gesetz, das inzwischen 150 Jahre alt ist. Am 15. Mai 1871 wurde das Gesetz zur strafrechtlichen Regelung des Schwangerschaftsabbruchs im Reichsstrafgesetzbuch festgeschrieben. Dass Schwangerschaftsabbrüche nach der sogenannten Beratungsregelung straffrei bleiben, ändere nichts daran, dass ihnen der Ruf der Illegalität anhaftet, sagt Sandra Völpel.

Und deshalb fordern sie und ihre Kolleginnen gemeinsam mit den Frauenbeauftragten des Kreises und der Stadt Limburg: "150 Jahre Kriminalisierung sind genug! Schwangerschaftsabbruch - Recht statt Verurteilung". Und wollen morgen, Mittwochnachmittag, 14. Juli, mitten in Limburg, am Neumarkt, über dieses Thema informieren, reden und vielleicht auch streiten.

Beratung sollte freiwillig sein

Dass Frauen, die ungeplant schwanger werden, eine Beratung bekommen, dass ihnen gezeigt wird, was ein Abbruch bedeutet und welche Hilfen es gibt, wenn sie sich für eine Schwangerschaft entscheiden, steht nicht zur Debatte. Nur freiwillig sollte diese Beratung sein, sagt Sandra Völpel. "Nicht in diesem Zwangskontext." Damit Frauen, die sich gegen eine Schwangerschaft entscheiden, nicht mehr stigmatisiert werden. Damit das Thema Schwangerschaftabbruch kein Tabuthema mehr ist.

193 Frauen (und viele Männer) haben im vergangenen Jahr die Beratungsstelle von Pro Familia Limburg aufgesucht, weil sie ungeplant schwanger waren. Die Zahl sei eigentlich seit Jahren konstant, sagt Sandra Völpel, es seien immer zwischen 160 und 200 Beratungen pro Jahr. Ob sich die Frauen dann tatsächlich für einen Abbruch entscheiden oder dagegen, erfahren Sandra Völpel und ihre Kolleginnen nicht. Höchstens dann, wenn die Frauen zur Beratungsnachsorge kommen, weil sie trauern, weil sie immer wieder mit ihre Partner über das Thema streiten, weil sie sich beim Eingriff selbst schlecht behandelt fühlten, weil sie immer noch nicht von ihrer Familie oder ihren Freunden unterstützt werden, weil sie sich nur im geschützten Rahmen trauen, über den Abbruch zu sprechen. Weil die moralische Bewertung des Schwangerschaftsabbruchs immer noch im Vordergrund steht, obwohl es einen breiten gesellschaftlichen Konsens darüber gibt, dass die Entscheidung für oder gegen das Austragen einer Schwangerschaft nur die Frau selbst treffen kann.

Keine Frau mache sich die Entscheidung leicht, sagt Sandra Völpel. In der Beratung hört sie oft, dass die Frauen über einen Abbruch nachdenken, weil sie ihre Familienplanung längst abgeschlossen haben, und dann beim Wechsel von einer Verhütungsmethode zur anderen ungewollt schwanger geworden sind. Manche haben nicht daran gedacht, dass die Pille während eines Magen-Darm-Infekts oder der Einnahme von Antibiotika nicht immer wirkt. Andere dachten, sie seien in den Wechseljahren und könnten gar nicht mehr schwanger werden. Und wenn dann noch wirtschaftliche Gründe dazukommen, Wohnungsnot oder ein neuer Job, ist ein Schwangerschaftabbruch für viele Frauen der einzige Ausweg - und das unabhängig von der sozialen Schicht und Bildung. Nur einen Trend sehen die Beraterinnen: Die Zahl der jungen Frauen geht seit Jahren zurück, "das haben wir der guten sexualpädagogischen Arbeit, der guten Prävention zu verdanken". Und die Zahl der Frauen zwischen 25 und 35 steigt.

Hilfe nicht so leicht zu finden

Und vielen ist gar nicht bewusst, dass sie nicht einfach selbst entscheiden können. Sie wenden sich an ihren Frauenarzt und hoffen auf Hilfe. Doch die ist gar nicht so leicht zu finden. Selbst mit Beratungsschein. Auch hier hat die Verortung des Schwangerschaftsabbruchs im Strafgesetzbuch Folgen: Viele Ärzte fürchten Ablehnung und Stigmatisierung - und Angriffe von Menschen, die Schwangerschaftsabbrüche komplett verbieten möchten. Gerade mal eine Praxis im Landkreis Limburg-Weilburg bietet den Eingriff an, seit das Krankenhaus in Weilburg keine gynäkologische Abteilung mehr hat. Also müssen die Frauen weit fahren. "Das sind wahnsinnig hohe Hürden für die Frauen."

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