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Limburg-Weilburg: "Die Landwirtschaft kann das Ruder nicht alleine herumreißen"

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Marco Hepp, Vorsitzender des KBV Limburg-Weilburg
Marco Hepp, Vorsitzender des KBV Limburg-Weilburg © Privat

Marco Hepp, Vorsitzender des KBV Limburg-Weilburg, über die Herausforderungen, denen sich die Bauern 2022 stellen müssen

Limburg-Weilburg -Die Herausforderungen in unsere Branche nehmen von Jahr zu Jahr zu. Hier nun mein Versuch, die größten "Baustellen" der Arbeit für den Kreisbauernverband Limburg-Weilburg zu benennen.

"Grünere" Agrarpolitik : Die neue Bundesregierung ist im Amt und wird nun nicht mehr an Worten, sondern an Taten gemessen. Umweltministerin Steffi Lemke und Landwirtschaftsminister Cem Özdemir haben bereits eine deutlich "grünere" Ausrichtung der künftigen Agrarpolitik angekündigt. Doch schon die ersten Reaktionen auf dadurch steigende Produktionskosten und letztlich steigende Verbraucherpreise haben ein gemischtes Echo hervorgerufen.

Wir Landwirtinnen und Landwirte können die Mehrkosten dieses politisch-gesellschaftlich gewollten Umbaus unserer Produktion nicht einseitig tragen. Bereits jetzt ist die Einkommenssituation in vielen Betriebszweigen unzureichend. Ein Mehr an Auflagen oder eine extensivere Produktionsweise muss daher von unseren Kunden - letztlich dem Verbraucher - nicht nur moralisch, sondern auch monetär mitgetragen werden. "Wer bestellt, bezahlt", so lautet, wie überall, auch hier die Maxime. Ob und wie die Politik hier vermitteln und letztlich eine Lösung herbeiführen kann, wird von uns kritisch beobachtet.

Neue "Gemeinsame Agrarpolitik" der EU (GAP) : Ähnliche Ziele wie die nationale Ebene verfolgt auch die europäische Politik. In ganz Europa soll die Landwirtschaft grüner und nachhaltiger werden, weshalb die flächengebundene Betriebsprämie stark reduziert wird. Ein teilweiser Ausgleich der Kürzung wird erst durch die Erbringung zusätzlicher ökologischer Leistungen möglich. Der Einkommensverlust für alle Formen der Landbewirtschaftung ist dennoch immens! Starten soll die neue EU-Förderung, mit dreijähriger Verspätung in 2023. In 2022 muss die nationale Ausgestaltung der Förderung also verabschiedet und beschlossen werden.

Ob hier ein wirklich tragfähiges Modell für alle Betriebe gefunden wird, darf bezweifelt werden. Bisherige Entwürfe und Ankündigungen zeigten vor allem eines: Ein neues, gigantisches Bürokratiemonster kommt auf uns Bauern zu. Es geht soweit, dass nicht nur die Umsetzung für uns nur schwer zu schaffen sein wird - auch die Verwaltung dürfte hier an ihre Grenzen stoßen. Denn die Umsetzung geschieht nicht in Brüssel, sondern vor Ort im Amt für den ländlichen Raum in Hadamar, wo man der neuen GAP mit ähnlich gemischten Gefühlen entgegensieht wie auf den Bauernhöfen des Landkreises.

Krise am Fleischmarkt: Der durch Corona und die Afrikanische Schweinepest (ASP) bedingte Einbruch der Erzeugerpreise für Schweinefleisch ist mittlerweile zur größten jemals dagewesenen Krise der Brache angewachsen. Man kann darüber streiten, wer schuld ist und auch, wie die Krise gelöst werden kann. Aber eines ist sicher: So kann es nicht bleiben. Die momentan gezahlten etwa 1,20 Euro pro Kilogramm Schweinefleisch decken nicht im Ansatz die Kosten der Produktion, während die Rohstoffe beständig teurer werden. So sind schon in 2021 viele Betriebe aus der Schweinehaltung ausgestiegen - eine Entwicklung, die in 2022 nochmals Fahrt aufnehmen dürfte.

Sicher, zu viele Tiere auf zu kleiner Fläche können nicht gut sein, doch in den meisten Regionen Deutschlands ist dieses Problem schlicht nicht vorhanden - in unserem Landkreis mit geringen Tierzahlen sowieso nicht. Mittel- und langfristig ist die Kreislaufwirtschaft mit aus der Tierhaltung entstehendem organischen Dünger ein wichtiger Baustein zur Erhaltung der guten Bodenfruchtbarkeit, des Humusaufbaus und damit auch der CO2-Senke im Boden. Daher muss die - in unserem Land und mit unseren Auflagen - nun mal teurere Form der Tierhaltung trotz Freihandel und anderer wirtschaftlicher Interessen vor Ort gehalten werden. Denn weniger Tiere werden nicht gehalten, sie leben nur anderswo auf der Welt. Wer glaubt, dies geschehe besser, tiergerechter und nachhaltiger, der informiere sich über chinesische Schweinefabriken oder amerikanische Feedlots. Soll das die Zukunft sein?

Verwerfungen der internationalen Rohstoffmärkte: Dass dieses Problem nicht "nur" in fehlender Mikroelektronik und teurem Gas besteht, sondern auch die Landwirtschaft direkt betrifft, ist bisher medial kaum in Erscheinung getreten. Doch Futter- und vor allem Düngemittelpreise sind im Herbst 2021 regelrecht explodiert. Dünger kostet momentan etwa 300 Prozent des Preises mehr als im vergangenen Sommer. Ob man überhaupt Dünger bekommt, ist beim Kauf aber dennoch nicht sicher. Und auch andere Produkte sind vom Lieferausfall bedroht: Futtermittel (vor allem Aminosäuren), Medikamente, Pflanzenschutzmittel und natürlich auch Maschinen sowie sonstige Betriebsmittel.

Sollte es hier nicht gelingen, die Versorgung der Landwirtschaft zu sichern, drohen Ertrags- und Qualitätsverluste und damit ein Rückgang der Versorgungssicherheit. In anderen Teilen der Welt dürfte das Problem noch stärker auftreten, da die Marktpreise schon kaum bezahlbar sind.

Wegfall und Verteuerung der landwirtschaftlichen Nutzfläche: Viele Akteure betrachten unsere Felder und Wiesen mit anderen Augen als wir Bäuerinnen und Bauern: Kommunen, Industrie, Energieversorger, Investoren . . . die Liste ließe sich noch deutlich erweitern. Und sie alle wollen mehr: Mehr Gewerbesteuer, mehr Wohnraum, wehr Ökostrom, mehr Rendite, mehr Investitionssicherheit.

Doch letztlich führt all das zu weniger: Weniger Biodiversität, weniger Insektenschutz, weniger CO2-Bindung, weniger Sauerstoffproduktion, weniger Grundwasserneubildung, weniger Lebensmittelproduktion. Das alles passiert vor unserer Haustür, unwiederbringlich verloren durch Flächenverbrauch. Wir Landwirte können uns wirtschaftlich nicht gegen finanzkräftige Investoren wehren, aber wir können und werden die Folgen von Flächenverbrauch benennen und ein rasches Umdenken fordern.

Denn letztlich stimmt es ja, wenn vor allem die junge Generation ein Umdenken in unserem Handeln einfordert - ja, das muss passieren. Der Bauernverband hat mit seiner Unterschrift unter das Ergebnispapier der Zukunftskommission Landwirtschaft auch den Weg unserer Branche hierbei aufgezeigt. Gesamtgesellschaftlich muss nun ein Umdenken erfolgen. Die Landwirtschaft kann das Ruder nicht alleine herumreißen. Diese Botschaft nach außen zu tragen, und dabei die Leistungen der heimischen Landwirtschaft zu untermauern, dürfte im neuen Jahr die wichtigste verbandliche Aufgabe sein.

Für das Jahr 2022 wünsche ich daher allen Leserinnen und Lesern zunächst viel Gesundheit, Glück und persönliches Wohlergehen, aber auch Ruhe und Zeit für das Wesentliche, zum Beispiel für lösungsorientierte Diskussionen zum Beitrag jedes Einzelnen zu mehr Nachhaltigkeit.

Denn wenn wir alle etwas weniger Masse und dafür etwas mehr Klasse fordern, wie es von der Landwirtschaft verlangt und auch schon umgesetzt wird, dann kann sicher viel gelingen. Packen wir es also gemeinsam an.

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