Ein Grund zum Feiern: Nicoletta Elsner, Yasmina Anger, Liones Nemetz, Jannis Trost, Moritz Krause und Thomas Riedel haben an der Tilemannschule ein Einser-Abi gemacht.
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Ein Grund zum Feiern: Nicoletta Elsner, Yasmina Anger, Liones Nemetz, Jannis Trost, Moritz Krause und Thomas Riedel haben an der Tilemannschule ein Einser-Abi gemacht.

Von wegen Notabitur

Limburg-Weilburg: Ein außerordentlich guter Jahrgang

  • Sabine Rauch
    VonSabine Rauch
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Junge Leute zeigen herausragende Leistungen

Limburg-Weilburg -Ein ganz spezieller Jahrgang. Nicht, weil alle mit Maske und Schnelltest durchs Abitur mussten. Nicht, weil sie auf die Abschlussfahrt, den Abi-Ball und all die anderen Feste verzichten mussten. Nicht, weil es in diesem Jahr nur 489 Prüflinge waren und damit fast 300 weniger als im vergangenen Jahr. Sondern weil sie alle eines Besseren belehrt haben, die diesem Jahrgang ein besonders schlechtes, weil schlecht vorbereitetes Abitur prophezeit hatten.

"Sensationell" nennt Regine Eiser-Müller, die Leiterin der Tilemannschule, ihren Abi-Jahrgang. Denn er ist ein außerordentlich guter Jahrgang: 2,1 ist der Schnitt. An der Marienschule liegt der Durchschnitt bei 2,05. "Die Mathematiker haben dann 2,1 daraus gemacht", sagt Schulleiterin Dr. Henrike Zilling und lacht. Und trotzdem war der Schnitt an der Limburger Privatschule so gut wie selten. Ralf Abel, der Leiter der Adolf-Reichwein-Schule spricht vom besten Jahrgang in der mehr als 40-jährigen Geschichte des beruflichen Gymnasiums an der ARS. Der Jahrgang an der Fürst-Johann-Ludwig-Schule in Hadamar, der größten allgemeinbildenden Schule im Kreis, ist zwar nicht der beste aller Zeiten, aber der kleinste und derjenige, der es am schwersten hatte, die allgemeine Hochschulreife zu bekommen. Nur 13 junge Frauen und Männer haben in diesem Jahr hier Abitur gemacht, denn vor acht Jahren wechselte die Schule von G8 zu G9. Die 13 Abiturienten sind allesamt vom Realschul- in den Gymnasialzweig der Gesamtschule gewechselt. Was sowieso schon eine Herausforderung ist, aber dann das Abi mit Mathe- und Englisch- oder Geschichtsleistungskurs zu schaffen und ohne die Möglichkeit, die ungeliebten Fächer einfach abzuwählen, ist eine große Leistung. "Die sind den harten Weg gegangen", sagt Schulleiter Peter Laux. Und das nicht nur, weil sie im Winter mit Jacke und Decken im Unterricht saßen. Da ist der Durchschnitt von 2,6 eigentlich Nebensache.

Insgesamt drei Schulen im Kreis hatten sich vor acht Jahren für einen längeren Weg zum Abitur entschieden. Am Gymnasium Philippinum in Weilburg gibt es deshalb in diesem Jahr gar keine Abiturienten, an der Taunusschule in Bad Camberg sind es 19 - allesamt Schüler, die die von der Realschule kamen. Und auch sie haben ein Abitur wie vor Jahrzehnten gemacht - im Klassenverband und ohne große Wahlmöglichkeit. "Wir sind sehr stolz auf die 19", sagt Jörg Schouler, der Oberstufenleiter. Und auf den Schnitt von 2,6. "Dieses Abi war wirklich nicht geschenkt."

"Vielleicht aus Langeweile gelernt?"

Keine Spur von Corona-Bonus. Die Aufgaben seien eigentlich wie immer gewesen, sagt Dirk Fredl, der Sprecher des Staatlichen Schulamtes, nicht leichter und nicht schwerer. Nur ein Zugeständnis wurde den Schülern gemacht: "Es gab keine Verpflichtung, die Inhalte des Halbjahres Q4 zu bearbeiten." Das heißt: Die meisten Schüler mussten den Stoff von drei Halbjahren pauken, nicht von vier.

Das könnte eine Erklärung für die überdurchschnittlich gute Abiturientia in diesem Jahr sein. Vielleicht war es aber auch die komprimierte Prüfungsphase. Nach den Osterferien ging es los, dann ging es Schlag auf Schlag, erst die schriftlichen, dann die mündlichen Prüfungen.

Aber gibt auch noch andere Vermutungen: "Es gab in der Vorbereitungsphase wenig ablenkende Ereignisse", sagt Dirk Fredl. Regine Eiser-Müller, die Leiterin der Tilemannschule, formuliert es so: "Vielleicht haben sie alle aus Langeweile gelernt." Schließlich war fast alles geschlossen, Partys waren verboten. Aber das alleine könne es auch nicht gewesen sein. Die 69 jungen Frauen und Männer seien stoisch an die Arbeit gegangen, "leidensfähig, aber leidenschaftslos". Sie seien höchst leistungsorientiert und konzentriert gewesen. Und sehr leistungsstark.

Maskenpflicht und Distanzunterricht

Für sechs von ihnen gilt das ganz besonders: Sie waren so gut, dass es besser fast gar nicht geht: Sie haben eine glatte 1 im Abi-Zeugnis. Überhaupt hat fast die Hälfte der 69 Tilemann-Abiturienten eine 1 vor dem Komma - und das trotz G8, Maskenpflicht und Distanzunterricht und all der sozialen Einschränkungen durch die Pandemie. Oder vielleicht gerade deshalb? Auf jeden Fall hätten die Abiturienten vom Distanzunterricht profitiert, sagt Regine Eiser-Müller. Sie hätten das Lernen gelernt, sie seien selbstständig geworden. Und: "Sie sind resilient geworden."

Auf alle Fälle habe der Distanzunterricht die Schülerinnen und Schüler perfekt auf die Uni vorbereitet, sagt Henrike Zilling, die Leiterin der Marienschule. 98 junge Frauen und Männer haben hier in diesem Jahr Abitur gemacht, zwei von ihnen mit einem Schnitt von 1,1, und sowieso sehr viele mit einer 1 vor dem Komma. Die Schüler seien sehr gut vorbereitet gewesen, sie hätten gelernt, sich selbst zu organisieren, ihre Ressourcen zu nutzen. "So, wie es später an der Uni gefragt ist." Und natürlich hätten alle ziemlich viel gelernt und seien immer ausgeschlafen gewesen. "Sie waren alle sehr seriös." Anders als die Abiturienten in anderen Zeiten.

Fleiß, Durchhaltevermögen, Talent und ein Ziel

Jetzt erst einmal die freie Zeit genießen, ein bisschen reisen. Und dann ein Studium, Medizin, Physik, Chemie. Und vermutlich werden sie auch das mit Bravour meistern, in kürzester Zeit. So, wie sie ihr Abitur geschafft haben, in kürzester Zeit, mit Auszeichnung. Mit einem Durchschnitt von 1,0. Gleich sechs Tilemänner und Tilefrauen und eine Schülerin der Adolf-Reichwein-Schule haben in diesem Jahr ein Traum-Abi geschafft. Mit viel Fleiß, Durchhaltevermögen, Talent und einem klaren Ziel vor Augen. Ein Patentrezept für das Einser-Abi haben sie alle nicht, aber ein paar Tipps schon. Die Mitarbeit im Unterricht sei am wichtigsten, sagt Jannis Trost. "Schüler, die nicht gut aufpassen und mitmachen, haben die schlechtesten Chancen", sagt er. Weil die mündliche Note wichtig ist, weil mündliche Mitarbeit Sympathie beim Lehrer bringt und "weil man den Stoff dann bereits in der Schule gelernt hat und zu Hause nur noch wenig machen muss". So bleibe dann auch noch Zeit für ein Hobby. Zur Abiturvorbereitung durfte es dann doch ein bisschen mehr sein: Lernzettel können alle Einser-Abiturienten empfehlen. Jannis Trost hat sich zusätzlich noch alte Abituraufgaben gesucht und fast täglich bearbeitet - zumindest für seine schriftlichen Prüfungen in Chemie, Mathe und Powi. Nebenbei hat er sich noch auf den Medizinertest vorbereitet. "Für die Prüfungsphase war ein Ziel wichtig, um nicht mit dem Lernen aufzuhören."

Thomas Riedel hat ein anderes Ziel. "Ich wollte schon immer gut sein", sagt er und lacht. Ihm gehe es um die Leistung an sich, er sei immer sehr ehrgeizig gewesen. Und sehr fleißig. Was ein Einser-Abiturient braucht? "Er muss viel Wissen in sich reinfressen und zum richtigen Zeitpunkt auskotzen können." Und er muss den Mund aufmachen. "Mündliche Mitarbeit, mit den Lehrern ins Gespräch kommen - das ist wichtig." Auch Moritz Krause sagt von sich, dass er schon immer sehr ehrgeizig war. "Ich wollte immer das Beste rausholen." Und dafür müsse man auch bereit sein, gelegentlich auf die "Annehmlichkeiten des Alltags" zu verzichten. Nur Sport müsse sein, Sport sei "ein extrem wichtiger Ausgleich in dieser doch eher zähen Zeit". Im Oktober geht es weiter für ihn: mit dem Chemie-Studium.

Nützliche Methode: Auswendiglernen

Wille und Disziplin sind das A und O, sagt Nicoletta Elsner. "Wenn man sich wirklich das Ziel eines Einser-Abis setzt und bereit ist, dafür zu arbeiten, kann man es definitiv schaffen." Wenn man die passende Lernmethode gefunden hat. Bei Nicoletta Elsner ist es das Auswendiglernen. Das sei ihr immer schon leicht gefallen. Im Medizinstudium sicher auch eine nützliche Methode. Liones Nemetz hat eine andere: "Für das Abitur habe ich in allen Abi-Fächern zweimal die gesamten behandelten Inhalte durchgelesen, geübt habe ich gar nicht", sagt er. Auch wenn er bei der Vorbereitung für das Abitur etwas fleißiger als sonst gewesen sei, "ist meine Abiturnote ganz klar auf meine Intelligenz zurückzuführen". Er möchte Physik studieren.

Acht Stunden täglich pauken

Erst jetzt sei ihr klar geworden, was sie in der Schule alles erreicht habe, sagt Yasmina Anger. Fleiß sei dafür natürlich eine Voraussetzung, "aber auch die intellektuelle Fähigkeit, übergeordnete Strukturen zu erkennen und bewerten zu können". Und strukturiert arbeiten zu können. Yasmina Anger hat gleich am Anfang der Q-Phase angefangen, sich aufs Abitur vorzubereiten. Jedenfalls hat sie ihre Lernzettel am PC so strukturiert, dass sie sie später für die Abiturvorbereitung nutzen konnte. Schon im Sommer 2020 hatte sie den Stoff ihrer Prüfungsfächer nachbereitet. Und beim Lernen setzte sie dann auf die "Active-Recall-Methode". "Dabei geht man die Themen nicht nur immer wieder durch, sondern bearbeitet sie zum Beispiel einen Tag später nochmal komplett aus dem Gedächtnis heraus." Vor den Osterferien habe sie dann angefangen, täglich mindestens acht Stunden zu lernen und einmal am Tag Sport zu machen, "um mich überhaupt so lange konzentrieren zu können". Schließlich wollte sie sich auch noch perfekt auf die Medizinerprüfung vorbereiten.

Franziska Giehl hat vor allem auf Lernzettel gesetzt. "Lesen bringt mir persönlich nicht so viel, da fasse ich mir Dinge lieber immer weiter zusammen, bis nur noch Schlagwörter übrig bleiben", sagt sie. "Ein wenig Ehrgeiz, ein wenig Glück und gute Lehrer" brauche man für ein gutes Abitur, sagt die Abiturientin der Adolf-Reichwein-Schule. Und die Unterstützung durch Freunde und Familie.

Und am besten Unterricht in der Schule. "Ich kann mir zwar Dinge gut selbst erarbeiten und Distanzunterricht bietet einem viele Freiheiten und Möglichkeiten, sich selbst zu organisieren", aber der Präsenzunterricht sei deutlich besser und vor allem interessanter, sagt sie. Und da sind sich alle Einser-Abiturienten und die anderen einig: Der Präsenzunterricht macht mehr Spaß, ist abwechslungsreicher. "Und irgendwann haben einem die Freunde und alles, was der Schulalltag so mit sich bringt, gefehlt", sagt Moritz Krause.

sabine Rauch

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