Eine Impfung dauert im Schnitt 17 bis 18 Minuten. Das hat Hausärztin Ulrike Tondera ausgerechnet. Das bedeute einen zeitlichen Aufwand, der während der normalen Sprechstunde kaum zu leisten sei.
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Eine Impfung dauert im Schnitt 17 bis 18 Minuten. Das hat Hausärztin Ulrike Tondera ausgerechnet. Das bedeute einen zeitlichen Aufwand, der während der normalen Sprechstunde kaum zu leisten sei.

Ärzte berichten von ihren Impf-Erfahrungen

Fehlender Impfstoff und ungehaltene Patienten – Hausärzte in Limburg am Limit

  • Sabine Rauch
    VonSabine Rauch
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Die Situation der Impfkampagne gestaltet sich für Hausärzte in der Region Limburg-Weilburg zunehmend schwierig.

Limburg-Weilburg – Die einen fordern ihre Patienten jeden Mittwoch aufs Neue auf, sich per E-Mail um einen Impftermin am Freitag zu bewerben, andere rufen ihre Patienten nach und nach an, um herauszufinden, ob es noch welche gibt, die zwar in eine Priorisierungsgruppe zur Corona-Impfung gehören, aber immer noch nicht dran waren, um sie dann auf ihre Warteliste zu setzen; einige Ärzte führen gleich drei Wartelisten - eine für jene Patienten, die Biontech wollen, eine für jene, die auch AstraZeneca nehmen, Hauptsache, sie werden schnell geimpft, und eine für jene, die den Johnson-&-Johnson-Impfstoff bevorzugen, weil sie dann nur eine Dosis brauchen.

Und viele berichten von Patienten, die zunehmend ungehalten werden, weil sie nicht verstehen können oder wollen, dass sie immer noch nicht geimpft sind, andere aber schon. Und von den anderen, die sich bei mehreren Ärzten und im Impfzentrum anmelden und dann einfach nicht absagen, wenn sie etwas abbekommen haben.

Limburg: „Ärzte müssen schlechte Organisation ausbaden“

Aber einig sind sich alle Ärzte: Das Impfen ist der einzige Ausweg aus der Pandemie. Und deshalb machen auch so viele mit. Mindestens einmal in der Woche, manchmal auch noch am Wochenende. Mit Biontech, AstraZeneca und von kommender Woche an auch mit Johnson & Johnson.

Bis Donnerstag sind in den Haus- und einigen Facharztpraxen im Landkreis Limburg-Weilburg insgesamt 30 177 Dosen verimpft worden, sagt Karl Roth, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen - und das seit 7. April. Im Impfzentrum waren es gerade mal doppelt so viele - seit 9. Februar. "Der viel beschworene Impfturbo wurde erst eingeschaltet, als die niedergelassenen Ärzte mitarbeiten durften", sagt Karl Roth. Allerdings können auch sie nicht so viel verimpfen, wie sie gerne würden: Denn es gibt immer noch zu wenig Impfstoff. Jedenfalls zu wenig RNA-Impfstoff. "Und die Ärzte müssen nun die schlechte Organisation ausbaden."

Limburg: Über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen des Impfens

Gerhard Roos und seine beiden Kollegen zum Beispiel könnten in ihrer Hausarztpraxis in Obertiefenbach jede Woche allein 144 Dosen Biontech verimpfen. Jedenfalls könnten sie die in der Apotheke bestellen - 48 Dosen pro Arzt sind das Maximum. So viel bestellt Gerhard Roos auch jede Woche. In der vergangenen Woche bekam er gerade mal 66 Dosen, es waren auch schon mal 120. Aber noch nie 144. Vom AstraZeneca-Impfstoff könnte er inzwischen so viel bestellen wie er will. Aber den will kaum jemand haben. Und deshalb verwenden Gerhard Roos und seine Kollegen eine Menge Zeit darauf, ihre Patienten davon zu überzeugen, dass der Impfstoff weitaus besser ist als sein Ruf, zumindest für die männlichen und die älteren Patienten. Das sei im Moment seine wichtigste Aufgabe, sagt Gerhard Roos: Die Patienten durch das Informationsdickicht zu leiten und aufzuklären - über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen des Impfens.

Hausärzte in der Region Limburg-Welburg: Warteliste abtelefonieren

Rund 350 Patienten stehen noch auf seiner Warteliste, alle warten auf die erste Impfung mit Biontech, und er weiß jetzt schon, dass das vermutlich auch in der kommenden Woche nichts wird, weil der Impfstoff, den er geliefert bekommt, vor allem für jene gedacht ist, bei denen die Zweitimpfung ansteht. Wenn etwas übrig bleiben sollte, ist Flexibilität gefragt: Dann telefonieren die Mitarbeiterinnen die Warteliste ab. Dabei sind noch nicht einmal alle Patienten erfasst, die in die Priorisierungsgruppe zwei gehören. "Wir finden immer noch Frauen und Männer, von denen wir dachten, dass sie längst geimpft seien, die aber auf keiner Liste stehen." Weil die Namen oder Adressen nicht stimmten oder sie von den mobilen Impfteams schlicht und einfach vergessen worden waren. Damit sie nicht wieder vergessen werden, telefonieren Gerhard Roos' Mitarbeiterinnen seit Wochen noch mehr als sonst: Sie rufen nach und nach alle Patienten an, um ihnen ein Impfangebot zu machen.

Wer AstraZeneca will, kann kurzfristig kommen, wer nicht, muss warten. Er versuche, die Über-60-Jährigen für AstraZeneca zu begeistern, sagt Gerhard Roos. Er selbst und sein Team seien auch damit geimpft worden. "Ich würde nichts empfehlen, was ich nicht auch selbst nehmen würde." Und er hofft, dass das Image des Impfstoffs bis zum 7. Juni besser geworden ist, wenn die Priorisierung aufgehoben wird. Denn sonst wird es eng. Dann bleiben den Ärzten zwar die Diskussionen über die Priorisierung erspart, aber nicht die Verwaltung des Mangels. "Die Politik sollte so ehrlich sein und offen kommunizieren, dass es immer noch zu wenig Impfstoff gibt."

Ärzte in Limburg: „Wir können priorisieren, weil wir unsere Patienten kennen“

Das erfährt auch Simon Fachinger, Bezirks-Vorsitzender des Hausärzteverbandes, in seiner Praxis in Niederbrechen. Er bestelle jede Woche die maximal erlaubte Menge an Impfstoff, und bekomme mal mehr und mal weniger, aber nie so viel wie bestellt. Er impft jede Woche rund 100 bis 130 Menschen. Und viel mehr könnten es auch nicht sein, sagt er. "Das könnte ich logistisch gar nicht bewältigen." Schließlich ist die Impfung ja nicht nur der Piks. Dazu gehören auch das Aufklärungsgespräch und die Dokumentation, sogar die Chargennummer muss gemeldet werden.

Und die ganze Vorarbeit: Damit er weiß, wen er in der kommenden Woche impft, bestellt Simon Fachinger seine Impflinge selbst ein. "Wir können priorisieren, weil wir unsere Patienten kennen." Die Krankengeschichte, aber auch den familiären und sozialen Hintergrund. Manchmal macht er die Hausarztpraxis für einen Mittwoch dicht, um einen Patienten nach dem anderen zu impfen und bietet nur eine Notfallsprechstunde an, manchmal impft er vormittags und behandelt danach seine Patienten. "Auch die Hausärzte arbeiten im Moment alle am Limit." Das gehe mal eine Zeit, aber nicht über lange Zeit. "Und wenn wir krank werden, dann bricht die medizinische Versorgung zusammen."

Impfen in der Region Limburg-Weilburg: „Lukrativ ist das nicht“

Einige seiner Kollegen hätten schon wieder aufgehört zu impfen, sagt Johannes Löw, Allgemeinmediziner in Dehrn. Der Aufwand sei ihnen einfach zu groß, die Bürokratie und der Stress mit den Patienten, die nicht glauben wollen, dass in den Praxen alles mit rechten Dingen zugehe und nach der Priorisierungsliste geimpft werde. Und dann gebe es ja noch die Patienten, die für eine Impfung mit AstraZeneca einbestellt wurden, im Aufklärungsgespräch verkünden, dass sie doch lieber mit Biontech geimpft würden und dann kein Verständnis dafür haben, dass das heute nicht geht. Auch seine Mitarbeiterinnen bräuchten oft gute Nerven. Und das alles für 20 Euro pro Impfung. "Lukrativ ist das nicht."

Aber ums Geld geht es den meisten Ärzten gar nicht. "Wir wollen helfen, das Leben wieder zu normalisieren", sagt Ulrike Tondera. Ihre Praxis in Elz ist eigentlich seit zwei Wochen geschlossen. Damit ihre Mitarbeiterinnen sich mal erholen können. Und damit sie und ihr Mann Markus Tondera sich ganz aufs Impfen konzentrieren können. Ihre Mitarbeiterinnen haben frei. "Sie haben sich ihren Urlaub wirklich verdient." Die Arbeitsbelastung sei sehr groß geworden und die Ungeduld und auch die psychische Belastung der Patienten ebenfalls. Und dann seien da ja noch die Menschen, die keinen Hausarzt haben oder keinen, der impft oder jedenfalls nicht schnell genug, und nun in ihrer Praxis geimpft werden wollen. "Das machen wir natürlich nicht, denn in dem Falle müssten wir, wie das Impfzentrum, die genaue Anamnese erheben, was wir bei uns bekannten Patienten nicht müssen." Der Aufwand sei auch so schon groß genug.

Hausärzte in Limburg am Limit: „Wir sind keine Samariter, aber verantwortungsbewusste Ärzte“

Und dann muss ja auch der Impfstoff aufgelöst werden: Da ist Fingerspitzengefühl gefragt. Zumindest bei Biontech: Wenn die Praxis die "NullTotraum-Spritzen" bekommt, kann Ulrike Tondera bei vorsichtigem Aufziehen sieben Dosen aus einem Injektionsfläschchen ziehen, sonst sechs. Das bedeutet aber auch, dass sie erst nach dem Aufziehen sagen kann, wie viele Menschen sie an diesem Tag impfen kann. Dann müsse sie auch noch mal abends um 21.45 Uhr Patienten anrufen, ob sie schnell kommen können. "Wäre ja schade um den wertvollen Impfstoff, so lange wir ihn nur begrenzt erhalten." Sie und ihr Mann haben mal ausgerechnet wie viel Zeit eine Impfung im Schnitt in Anspruch nimmt: 17 bis 18 Minuten. Das sei während der normalen Sprechstunde kaum zu leisten. Wenn ihr "Urlaub" vorbei ist, werden Ulrike Tondera und ihr Mann am Wochenende impfen. Denn: "Wir sind keine Samariter, aber verantwortungsbewusste Ärzte." (Sabine Rauch)

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