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Die Bilder auf den beiden Häusern, die Julien Malland in Grenoble, Frankreich, bemalt hat, haben Mary Schwarz (links) und Alexandra Jung zu einem Beitrag in ihrem Buch inspiriert. Foto: Petra Hackert

Wettbewerb „Europa in der Schule“

Von Bildern inspiriert

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Sie sind 17 und 19 Jahre alt, haben gemeinsam ein Buch verfasst – Gedichte, Kurzgeschichten, Bilder. Das Besondere: Alexandra Jung und Mary Schwarz sind damit Landessiegerinnen beim 66. Europäischen Wettbewerb „Europa in der Schule“ geworden. Ihr Thema: „Street Art – Vandalismus, Protest oder Kunst?“

Limburg-Weilburg: Einmal in der Woche ist Mary Schwarz mit dem Zug nach Frankfurt gefahren. An einer Stelle, kurz vor Einfahrt in die Stadt, musste dieser regelmäßig warten. Immer wieder fiel der Blick der damals 15-Jährigen auf das Bild an einer Hauswand an den Gleisen: Großformatiger Kopf eines dunkelhäutigen Fußballspielers in Schwarz-Weiß, unten rechts klein das Logo der Eintracht, ganz groß in roten Buchstaben über die gesamte Fläche geschrieben: „Wir schämen uns für alle, die gegen uns schreien.“ Das Tony-Yeboah-Haus in Niederrad – so ist es bekannt. Auch drei Jahre später ließ Mary Schwarz dieses Bild nicht los. „Das muss in unser Buch. Unbedingt“, sagte sie. Alexandra Jung war sofort dabei.

Die Idee hat einen Hintergrund: Die beiden besuchen die zwölfte Klasse der Adolf-Reichwein-Schule. Ihr Lehrer in Politikwissenschaften, Roland Gawinski, setzte den Anreiz zur Teilnahme am 66. Europäischen Wettbewerb „Europa in der Schule“. Das Motto: „YOUrope – es geht um dich!“ 2019 ist ein entscheidendes Jahr: Noch immer toben die Auseinandersetzungen um den Brexit, bei der Europawahl werden Karten neu gemischt, das Erstarken rechter, europafeindlicher Bewegungen ist deutlich, Rassismus und Diskriminierung gewinnen durch die sozialen Medien neue Plattformen. Der 66. Wettbewerb soll dazu beitragen, dass Kritiker und Befürworter des europäischen Projektes zu Wort kommen.

Kreative Richtung

„Welche Rolle spielen Influencer, Fake News, Social Bots in der Meinungsbildung?“, fragen die Experten. Roland Gawinskis Klasse hat sich bei der Teilnahme für die kreative Richtung entschieden: Wer die eigene Meinung ausdrücken möchte, kann dies mit Street Art und Protestsongs tun. Klassenkameraden haben großformatige Street-Work-Bilder gefertigt. Alexandras und Marys Poesiealbum, wie sie es nennen, ist nur 20 mal 15 Zentimeter groß. „Wir dachten nie, dass wir damit einen Preis bekommen würden“, sagen die beiden. Kleines Büchlein, 30 Seiten voll mit eigenen Gedanken, Gedichten, Kurzgeschichten – und Street-Art-Bildern, die sie inspiriert haben. Im Limburger Raum und Frankfurt waren sie eigenständig unterwegs, über das Internet wurden sie in ganz Europa fündig. Manchmal hat ein Bild ein Gedicht oder eine Geschichte inspiriert, manchmal war es genau umgekehrt: Sie hatten eine gute Idee und brauchten das passende Bild. So wie bei den beiden Häusern in Frankreich. Die Fassaden zeigen zwei Kinder mit den Rücken zueinander, die über ein Büchsentelefon kommunizieren. Zwei Blechbüchsen mit einem Faden verbunden. Der führt die Kinder unterschiedlicher Nationen zusammen, die Häuser, die gemalten Lebensumstände – und die Künstler verbindet es mit Alexandra Jung und Mary Schwarz, die sich dazu ihre eigenen Gedanken gemacht haben.

Mary Schwarz kommt aus Steeden, Alexandra Jung aus Lindenholzhausen. Beide sind durch die Schule Freundinnen geworden. Die Arbeit an dem zweisprachigen Büchlein – teils auf englisch verfasst, um ein breiteres Publikum ansprechen zu können – war intensiv. Die Kunst auf der Straße, so haben sie gelernt, spiegelt ein Stück Lebenswirklichkeit wider. Ihre Fundstücke zeigen: „In größeren europäischen Ländern sind die Bilder viel bunter, fröhlicher, sie wirken viel glücklicher auf den Betrachter“, sagt Mary. „In kleineren und wirtschaftlich schwächeren Ländern sind die Bilder oft gräulicher im Ton, haben weniger Details.“

Wichtiges Vorgehen

Was ihnen durchgehend aufgefallen ist: „Hier gibt es viele verschiedene Dinge, die gemeinsam funktionieren. Das Bunte, die Elemente, die sich vereinen. Das alles trägt dazu bei, dass man sich als eine Gemeinschaft fühlt.“ Deshalb ist ihnen das Vorgehen der Künstler gegen Rassismus so wichtig. Deshalb beeindrucken Auftragsarbeiten ebenso wie völlig frei gemalte Bilder, die plötzlich da sind – oft genug signiert. Graffitis, Wandmalerei, Poster: „Meistens wird Street Art in Europa in der heutigen Zeit noch immer als Verschmutzung der Städte sowie mit Rebellion gegen Normen und Werte innerhalb des Staates in Verbindung gebracht“, sagen die beiden.

Es geht aber auch anders: „Besonders für Jugendliche und junge Erwachsene ist Street Art in ganz Europa eine Abwechslung zur gewohnten Museumskunst, die nur durch Bezahlung angesehen werden kann und die Interessen dieser Zielgruppe oftmals nicht treffen. Street Art ist gebührenfrei und ermöglicht den Einblick in neue Kunstformen“, sagen Alexandra Jung und Mary Schwarz.

Die beiden Schülerinnen haben die Namen der Künstler gesucht, im Internet noch mehr Bilder zusammengetragen. Beim Schreiben war die Grundrechts-Charta hilfreich. Werte wie Gleichberechtigung, Liebe, Frieden, Toleranz, Solidarität kommen vor, finden Raum im Gedicht. Oder in einer Kurzgeschichte.

von Petra Hackert

Der Europäische Wettbewerb – Bundesjury ermittelt Deutschland-Sieger

Kreativ lernend Europa entdecken und mitgestalten – das ist das Ziel des Europäischen Wettbewerbs „Europa in der Schule. Mit jährlich 85 000 Teilnehmern an bundesweit rund 1300 Schulen seit der Gründung im Jahr 1953 ist es nicht nur der älteste, sondern auch einer der renommiertesten Schülerwettbewerbe Deutschlands. Lehrer aus ganz Hessen, besonders aus den Kreisen Darmstadt, Fulda, Limburg, Kassel, Offenbach, Marburg, Wiesbaden und dem Hochtaunus hatten diesmal die besten von 5651 Arbeiten ihrer Schüler an die Landesjury weitergereicht. Alexandra Jung und Mary Schwarz siegten in der Kategorie Text. Die Juroren haben den Beitrag der Limburger Adolf-Reichwein-Schule zu den besonders vielversprechenden gezählt. „In vielen kreativen Werken ist in diesem Jahr eine kritische Auseinandersetzung mit gegenwärtigen und zukünftigen europäischen Herausforderungen über das eigene Engagement und der Auseinandersetzung über Halbwahrheiten und ,Fake News‘ zu erkennen“, schreibt die Jury. Denn, so David Balmerth vom Max-Planck-Gymnasium in Groß-Umstadt: „Diese bekommen in den sozialen Medien meist besonders viel Aufmerksamkeit, denn aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich viele der jugendlichen Nutzer während der Nutzung in einem kognitiven Halbschlafzustand befinden.“ Weiter geht es jetzt zur nächsten Runde, der Bundesjurywoche. Die hessischen Bundespreisträger werden am Montag, 7. Mai, bei der EUNETSAT (Europäische Organisation meteorologische Satelliten) in Darmstadt ausgezeichnet. Neben Sach- und Geldpreisen gibt es auch in diesem Jahr mehrtägige Fahrten nach Berlin oder Brüssel auf Einladung der Bundeskanzlerin oder des Bundestagspräsidenten sowie Seminare in Straßburg zu gewinnen.

(pp)

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