Seit zwölf Jahren lebt André Pabst im ehemaligen Oberlahnkreis, mittlerweile in Weilburg. Der Direktkandidat der Linken im Wahlkreis 176 ließ sich daher gerne vor dem Schloss ablichten.
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Seit zwölf Jahren lebt André Pabst im ehemaligen Oberlahnkreis, mittlerweile in Weilburg. Der Direktkandidat der Linken im Wahlkreis 176 ließ sich daher gerne vor dem Schloss ablichten.

Bundestagskandidaten im Porträt

Limburg-Weilburg: "In der DDR war nicht alles schlecht"

  • Rolf Goeckel
    VonRolf Goeckel
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André Pabst aus Weilburg tritt für die Linken an

Limburg-Weilburg -Mehr als 30 Jahre ist die DDR jetzt tot - in der Erinnerung von André Pabst (57), Bundestagskandidat der Partei "Die Linke" aus Weilburg, ist der Arbeiter- und Bauernstaat nach wie vor lebendig. "Die Umsetzung der Idee von einer gerechten Gesellschaft war grottenschlecht", räumt er ein. Dennoch bedauere er es bis heute, dass sich die DDR im Jahr 1990 sang- und klanglos aufgelöst und der Bundesrepublik angeschlossen hat. Die DDR, meint Pabst, hätte nach dem Abtreten von Erich Honecker eine zweite Chance verdient gehabt. "Ich hadere mit der Deutschen Einheit wie sie gelaufen ist. Das war keine Vereinigung, sondern ein Einkauf", kritisiert der Linken-Politiker, der am 26. September in den Bundestag eben dieses vereinigten Deutschlands einziehen möchte.

André Pabst als DDR-Nostalgiker abzutun, wäre indes zu simpel. Auch wenn er lange Zeit Teil des "Systems" war. Der in Dresden geborene Kommunalpolitiker, der aktuell für die Linke im Kreistag Limburg-Weilburg sitzt, trat 1983 in die SED ein und diente acht Jahre in der Nationalen Volksarmee. Möglicherweise wäre er sogar zu Höherem berufen gewesen: Doch dann kam die Wende. Und André Pabst erwies sich als erstaunlich flexibel. Dass er in der Bundeswehr keine Zukunft gehabt hätte, war dem damals 27-Jährigen schnell klar. Nicht nur aus politischen Gründen, sondern auch, weil er als NVA-Offizier mit der Armee West nicht so recht warm werden wollte. "Ich war für die Bundeswehr zu militant", urteilt André Pabst über sich selbst rückblickend. Also versuchte er sein Glück als Zivilist. Er schulte zum Technikinformatiker um und ging nach Schwerin. Dort arbeitete er als Consultant und Dozent, später machte er sich als IT-Fachmann selbstständig. Doch dann der Absturz: 2009 musste er Insolvenz anmelden. Seinen Wohnsitz verlegte er aus persönlichen Gründen von der Ostsee an die Lahn, zunächst nach Löhnberg, später nach Weilburg.

In den Niederungen des Sozialstaats

Die "Niederungen des deutschen Sozialstaats" kennt der 57-Jährige aus eigener Anschauung, wie er sagt: André Pabst bezieht Arbeitslosengeld II, weil sein Büro für IT-Dienstleistungen noch nicht so läuft, wie er sich das vorgestellt hat. Dabei ist der Wahl-Weilburger hoch qualifiziert: 2013 "gönnte" er sich, wie er es ausdrückt, sein Examen zum Staatlich geprüften Betriebswirt an der Technikakademie Weilburg - pünktlich zum 50. Geburtstag. Denn: "Ich stecke den Kopf nicht in den Sand", sagt er.

Zur aktiven Politik kam er erst spät, wenngleich er immer an gesellschaftlichen und politischen Fragen interessiert gewesen sei. Sein SED-Parteibuch hat er im übrigen nie zurückgegeben, sondern nach der Wende schlicht "vergessen". Mit den "Betonköpfen" der alten SED mochte er ohnehin nichts mehr zu tun haben, sagt er. 2016 trat Pabst in die Linke ein - ein Schritt, der sich lange vorher angebahnt habe. "Ich wollte etwas verändern und nicht nur meckern und maulen."

Neben sozialen und wirtschaftlichen Fragen war für ihn seine konsequent "antimilitaristische Haltung" ausschlaggebend. Die Frage nach der Mitgliedschaft in der Nato beantwortet der ehemalige Hauptmann mit einem Wort: "Raus!" Und der Fall Afghanistan zeige, wie recht er damit habe. "Der Einsatz war falsch", sagt Pabst, der den Amerikanern vorwirft, "aus Vietnam nichts gelernt" zu haben. Die Bundeswehr, fordert er, sollte sich aus allen internationalen Konfliktherden zurückziehen.

Von einer "gerechten Gesellschaft", wie sie die DDR aus seiner Sicht angestrebt hat, träumt André Pabst noch immer. Und das bedeutet für ihn: Mehr Chancengleichheit bei der Bildung mit verbesserten Ganztagsschulen, eine bessere Gesundheitsversorgung, höhere Mindestlöhne, aber auch eine Bürger-Sozialversicherung, in die alle einzahlen. "Es kann nicht sein, dass Menschen sich fragen müssen, ob sie sich dritte Zähne leisten können", ist Pabst überzeugt. Dass in der DDR "nicht alles schlecht" war, liest er daran ab, dass "wir zurzeit von der DDR lernen". Als Beispiele nennt er den seit Jahren laufenden Ausbau der Ganztagsbetreuung von Kindern in Kita und Schule, aber auch den Aufbau von Ärztehäusern. "In der DDR hießen die Polikliniken", sagt Pabst nicht ohne Genugtuung.

Mit der Marktwirtschaft hat der gelernte Sozialist bis heute nicht wirklich seinen Frieden gemacht, jedenfalls nicht in der Ausprägung, wie sie in den westlichen Gesellschaften praktiziert wird. "Die Marktwirtschaft ist nicht des Teufels, aber auch nicht das Allheilmittel", meint er. Überall dort, wo die Grundversorgung der Bürger betroffen sei, also bei Wasser, Strom, Gesundheit, Nahverkehr, Wohnungsbau und Kommunikation, wäre Verstaatlichung die bessere Lösung, ist er überzeugt. Denn: "Der Markt folgt nur der Profitmaximierung, deshalb muss er in bestimmten Bereichen gelenkt werden."

Ernsthafte Hoffnungen auf einen Sitz im Bundestag macht sich André Pabst nicht. "Die Chancen sind gleich Null, alles andere wäre Illusion", gibt er sich realistisch. Zumal er schon das derzeit von Markus Koob (CDU) ausgeübte Direktmandat gewinnen müsste - auf der Landesliste der Linken kandidiert der Weilburger nicht. "Ich möchte aber der Linken in der Region ein Gesicht geben", nennt André Pabst als bescheidenes Ziel.

Da es mit dem Bundestagsmandat vermutlich nichts wird, hat André Pabst auch weiter Zeit für seine Hobbys. Er ist Fahrer bei der Weilburger Tafel ("ein persönliches Anliegen") und treibt sich mit der Familie gerne in Eisenbahnmuseen herum. In diesem Punkt ist der Linke ganz konservativ: "Ich habe eine Affinität zu alten Eisenbahnen und zu Oldtimern."

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