Valentin Zill tritt für die Linken im Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg als Direktkandidat an.
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Valentin Zill tritt für die Linken im Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg als Direktkandidat an.

Bundestagskandidaten im Porträt

Limburg-Weilburg: "Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr"

  • Stefan Dickmann
    VonStefan Dickmann
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Einzug in Bundestag sekundär - Valentin Zill kämpft trotzdem leidenschaftlich für die Linke

Limburg-Weilburg -Bayern - Elfenbeinküste - Äthiopien - Hessen: Die zentralen Lebensstationen von Valentin Zill spiegeln ein Stück weit den Menschen wider. Es ist kein geradliniges Leben, weil es immer wieder zu Umwegen kommt. Mitunter wirkt es bei ihm wie ein bewusstes Suchen nach Nischen, in denen er sich allerdings offenkundig wohlzufühlen scheint.

Valentin Zill ist 35 Jahre alt. Er lebt mit seiner aus Äthiopien stammenden, 32-jährigen Frau in Eschhofen und ist der Direktkandidat der Linken im Wahlkreis Rheingau-Taunus-Limburg. Dass für ihn ein direkter Einzug in den Bundestag so wahrscheinlich ist wie die Deutsche Meisterschaft für Schalke 04 im Jahr 2023, weiß auch er. "In den Bundestag einzuziehen, ist für mich sekundär", sagt er. "Ich stehe auch nicht auf der Landesliste der hessischen Linken. Für mich geht es darum mitzuhelfen, die Linke so zu stärken, dass sie eine starke Rolle in der Opposition spielt. Der in Deutschland mit Hilfe der SPD von der großen Koalition eingeführte Mindestlohn ist auch dank der Linken zustande gekommen. Ohne die Linke in der Opposition wäre das der SPD nie gelungen."

Fast wäre Zill seit vergangenem Frühjahr auch Stadtverordneter der Linken in Limburg geworden. Aber weil die sehr bekannte Sigrid Schmüser nur wenige Stimmen mehr bekam als er (und die Linke nur einen Sitz), ist er nun der Spitzenkandidat der Warteliste und würde sofort nachrücken, sollte Schmüser noch vor der nächsten Wahl ausscheiden.

In Göttingen geboren, in Bayern als Sohn eines Lehrers aufgewachsen, macht Zill einen Realschulabschluss und anschließend eine Ausbildung bei der Bahn. Er will Zugbegleiter werden, hat aber - wie sein kompletter Ausbildungsjahrgang - das Pech, nicht übernommen zu werden. Das enttäuscht und ärgert ihn bis heute, weil er sehr gern in diesem Beruf gearbeitet hätte.

Mit Hilfe der Arbeitsagentur folgt für ihn eine verkürzte Ausbildung zum Reiseverkehrskaufmann. Doch als er damit fertig ist, fehlt ihm die intellektuelle Herausforderung: Er holt sein Abitur nach. Weil er sich für die Musik der Karibik und deren politisch-gesellschaftlichen Hintergrund interessiert, studiert er in Bayreuth Ethnologie und Soziologie im Hauptfach und Afrikanistik im Nebenfach.

Musikjournalist in Afrika

Er schreibt für Musikmagazine, macht nebenher PR für kleinere Bands aus Jamaica und den USA, bringt sogar eine französische Band ins Schweizer Fernsehen. Und bekommt schließlich die Möglichkeit, nach Afrika zu gehen. "In der Elfenbeinküste zu leben, war ein lange gehegter Traum", sagt er. "Ich wollte dort arbeiten. Ich habe in einer kleinen Wohnung an der Lagune in Abidjan gehaust und mein Geld als Musikjournalist über die ivorische Musikszene und mit PR für Bands verdient."

Doch schon kurz darauf folgt der Bruch. "Dann bekam ich innerhalb von sechs Monaten zum zweiten Mal Malaria, was ich nicht rechtzeitig erkannte; erst das macht die Krankheit so gefährlich. Mir ging es gesundheitlich sehr schlecht, ich hatte noch 50 Euro in der Tasche und ein Rückflugticket nach Deutschland. Ich bin zurück zu meinen Eltern nach Bayern geflogen und habe mich dort erholt."

Doch das nächste Abenteuer in Afrika steht schon bereit: "Ich bekam ein Jobangebot, in Äthiopien für einen Reiseveranstalter zu arbeiten", sagt er. "Wir haben dort mit internationalen Partnern kooperiert, die hochwertige Individualreisen anbieten. Äthiopien ist für Touristen sündhaft teuer. Eine Nacht in einem Fünf-Sterne-Hotel in der Hauptstadt Addis Abeba kostet 400 Euro, für den gleichen Standard zahlt man in Berlin die Hälfte. Für die Einheimischen ist das Überleben sehr hart, es gelingt nur mit engem Familienzusammenhalt. Großfamilien leben auf sehr engem Raum zusammen, weil die Mieten in Äthiopien sehr hoch sind. Und der derzeitige Konflikt im Norden des Landes führt zu astronomischen Lebensmittelpreisen."

In Äthiopien lernt Zill seine Ehefrau kennen, die eine Arbeitskollegin ist. Sie heiraten, wollen angesichts der schwierigen Lebensbedingungen nach Europa. Zill bekommt die Möglichkeit, für einen Reiseveranstalter in Hofheim im Taunus zu arbeiten. Weil ihm und seiner Frau die Mieten in der Umgebung zu hoch sind, suchen sie eine bezahlbare, mit dem Zug gut angebundene Wohnung und werden schließlich in Eschhofen fündig.

"Wesentliche Fragen kommen zu kurz"

Als Folge der Corona-Krise und den massiven Einschränkungen beim Reisen verliert Zill seinen Job und entscheidet sich für einen erneuten Richtungswechsel: Er arbeitet wieder als Journalist, aber der Schwerpunkt liegt nun auf Politik. Er macht zurzeit ein Volontariat bei der sozialistischen Wochenzeitung "Unsere Zeit" in Essen. Da ist sie wieder die Nische, von der Zill überzeugt ist.

Über den bisherigen Verlauf des Wahlkampfs ist er enttäuscht. "Wesentliche Fragen kommen im Wahlkampf viel zu kurz", sagt er. "Wer zahlt denn zum Beispiel für die durch Corona ausgelöste Krise der Wirtschaft? Der Staat setzt komplett falsche Prioritäten. Die Lufthansa wird mit neun Milliarden Euro unterstützt, ohne Bedingungen und ohne Umweltschutzstandards einhalten zu müssen - und ein Hartz-IV-Empfänger wird mit zehn Masken abgespeist. Das Leben für Arbeitslose und Niedriglohnempfänger in der Corona-Krise ist sehr viel teurer geworden. Auch beim Thema Klimaschutz wird nur an der Oberfläche gekratzt. Aber solche Inhalte und die Auseinandersetzung darüber spielen immer weniger eine Rolle. Es geht nur noch um schöne Fotos und dumme Sprüche auf Plakaten."

Wie wahrscheinlich ist für ihn ein rot-rot-grünes Bündnis auf Bundesebene? "Rot-Rot-Grün wird nicht an der Linken scheitern, sondern wenn, dann an SPD und Grünen. Wenn es um die künftige Höhe des Mindestlohns geht oder um andere innenpolitische Themen, dürfte es schnell eine Einigung geben. Bei der Außenpolitik sieht das anders aus. Für mich und weite Teile der Linken gibt es eine klare rote Linie: Keine Auslandseinsätze der Bundeswehr, und die Bundesrepublik muss ihre Rüstungsverkäufe ins Ausland auf null reduzieren."

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