Der Impfstoff von Biontech ist immer noch begehrt. Für das Vakzin von Astrazeneca dagegen gibt es keine Nachfrage mehr.
+
Der Impfstoff von Biontech ist immer noch begehrt. Für das Vakzin von Astrazeneca dagegen gibt es keine Nachfrage mehr.

Bußgeld für verpasste Impftermine?

Interesse an Corona-Impfung sinkt: Arzt nennt ausbleibende Absagen „Frechheit“

  • Stefan Dickmann
    VonStefan Dickmann
    schließen
  • Tobias Ketter
    schließen

Termine zur Corona-Impfung werden auch im Kreis Limburg-Weilburg immer wieder nicht eingehalten – der Kreis reagiert mit Überbuchungen.

Limburg-Weilburg – Erst gab es Klagen über zu wenig Impfstoff, inzwischen mehrt sich die Kritik, dass sich immer weniger Menschen noch impfen lassen wollen. Auch einige der heimischen Hausärzte, die eine Impfung gegen Corona anbieten, haben festgestellt, dass die Nachfrage rückläufig ist. "Es wird ruhiger", sagt der Allgemeinmediziner Dr. Simon Fachinger, der auch Vorsitzender des Hausärzteverbands im Bezirk Limburg ist. Dies liege allerdings auch daran, dass es im Landkreis Limburg-Weilburg ein großes Impfangebot gebe.

Von einer "Impfmüdigkeit" möchte der Landkreis Limburg-Weilburg, der das Impfzentrum auf der Dietkircher Höhe in Limburg betreibt, nicht sprechen. Zwar würden dort vereinbarte Termine seit einigen Wochen "in zunehmender Häufigkeit nicht mehr wahrgenommen", teilt Kreissprecher Jan Kieserg mit. Aber: "Der Grund hierfür ist weniger eine aufkommende Impfmüdigkeit als vielmehr die Tatsache, dass sich die Impfwilligen parallel an verschiedenen Orten impfen lassen können und sich mehrfach auf Listen setzen lassen.

Werden nach erfolgter Impfung die übrigen Termine nicht storniert, so kommt es zu den sogenannten ,No-shows‘. Diese gebe es nicht nur in den Impfzentren, sondern auch bei den Haus- und Betriebsärzten. „Aktuell haben wir bis zu 30 Prozent ,No-shows‘ täglich, denen wir im Voraus schon mit einer gezielten Überbuchung von bereitgestellten Impfterminen über die zentrale Terminvergabeplattform entgegentreten“, erklärt Kieserg.

Limburg-Weilburg: Bis zu 30 Prozent der Impf-Termine gegen Corona nicht wahrgenommen

Fachinger ist der Meinung, dass Bußgeldstrafen für Menschen, die ihren Impftermin nicht wahrnehmen und auch nicht absagen, keine besonders gute Idee sind. "Ich habe selbst erlebt, dass es bei der Abmeldung im Impfzentrum Schwierigkeiten gab und Abmeldungen teilweise über mehrere Tage hinweg nicht vorgenommen werden konnten", sagt er. "Es ist also schwierig, Bußgelder auszusprechen, da jeder Fall einzeln geprüft werden müsste." Generell sei es aber "eine Frechheit", wenn man seinen Impftermin nicht wahrnehme, ohne ihn abzusagen.

Auch Ärztin Ulrike Tondera in Elz hält nichts von der Idee, Bußgelder für fehlende Absagen zu verhängen: "Sie schrecken nicht ab, sondern verärgern die Menschen." Die Leute seien sowieso verunsichert, da die Impfkampagne bislang nicht immer geordnet verlaufen sei. "Wenn jetzt bei der ganzen Verwirrung auch noch Bußgelder gezahlt werden müssen, gibt es noch mehr Unruhe."

In Fachingers Praxis wurden bislang rund 1000 Dosen verimpft. "Fälle bei denen Patienten einfach nicht zu einem Impftermin erschienen sind und diesen auch nicht abgesagt haben, gab es bisher nicht", sagt der Arzt. Allerdings seien zuletzt rund 100 Abmeldungen von Bürgern eingegangen, die ihre Impfungen von einem anderen Arzt oder im Impfzentrum erhalten haben.

Niedrige Nachfrage nach Astrazeneca in Limburg-Weilburg – obwohl das Vakzin wirksam ist

"Die Impfnachfrage lässt nach, es gibt keine Wartelisten mehr, und Termine werden nur noch online vergeben", sagt Dr. Jan Rußler von der Bad Camberger Gemeinschaftspraxis für allgemeine und innere Medizin. Es gebe derzeit mehr Impfstoff als benötigt werde. Rußler und seine Kollegen verabreichen nur die Vakzine von Biontech und Johnson & Johnson. "Es gibt keine Nachfrage für Astrazeneca, obwohl der Impfstoff auch gegen die Delta-Variante wirkt", sagt der Arzt. Rund fünf Prozent der angemeldeten Patienten kämen nicht zur Zweitimpfung. "Einige davon sagen ihren Termin leider auch nicht ab." Deshalb seien Bußgelder zwar "inhaltlich richtig", jedoch würden sich dadurch Leute eventuell dazu entschließen, komplett zu verzichten.

"Die Nachfrage nach Impfungen ist in meiner Praxis in Lindenholzhausen nach wie vor sehr hoch", sagt Ärztin Dr. Angelika Vitalini. "Wir mussten jetzt sogar unsere Warteliste stoppen und sind auf ein Newslettersystem umgestiegen, das die Impfwilligen immer dann informiert, wenn freie Impftermine bei uns auf der Homepage gebucht werden können." Seit der vergangenen Woche habe man zudem einen deutlichen Anstieg an Nachfragen für die Kinderimpfungen festgestellt. "Diese führen wir natürlich auch durch", sagt Vitalini. Es komme vereinzelt vor, dass Bürger nicht erscheinen und die Termine auch nicht absagen.

Das Impfzentrum in Limburg soll – wie andere Impfzentren in Hessen auch – nur noch bis zum 30. September betrieben werden. Allerdings hält der Landkreis es für sinnvoll, es länger geöffnet zu halten, und hat darüber bereits Gespräche mit dem Land geführt. "Der Landkreis Limburg-Weilburg hat sich dafür ausgesprochen, gegebenenfalls auch über den 30. September hinaus einen Impfservice zu gewährleisten", teilt Kreissprecher Kieserg mit.

Corona: Impfzentrum in Limburg bisher nur zu 30 bis 40 Prozent ausgelastet

Das Limburger Impfzentrum sei bisher aufgrund der geringen Impfstoff-Liefermengen nur zu 30 bis 40 Prozent ausgelastet gewesen. "Für weiterführende Impfungen wäre eine Impfstraße mit weniger Kapazität, ausgestattet mit zusätzlichen mobilen Teams zur Impfung in stationären Einrichtungen, ausreichend. An der Erstellung eines konkreten Konzepts wird derzeit gearbeitet, dessen Umsetzung allerdings auch von Kostenübernahmen durch Bund/Land abhängt", so Kieserg.

Und wie geht der Landkreis mit dem bereits bestellten Impfstoff von Astrazeneca um, da dieser ja inzwischen nur noch für die Erstimpfungen verwendet werden soll? Laut Kieserg werden für Limburg keine neuen Astrazeneca-Lieferungen abgerufen, "da im Bestand des Impfzentrums Limburg noch ein relativ großer Vorrat lagert". Mit Astrazeneca-Erstgeimpfte könnten freiwillig auch weiterhin diesen Impfstoff als Zweitimpfung erhalten, wenn eine solche "homologe" Impfserie, beispielsweise für Auslandsreisen, gewünscht werde; denn nur zwölf Länder erkennen derzeit eine "heterologe Impfserie", also zwei verschieden verimpfte Impfstoffe, als vollständig an.

Limburg-Weilburg: Kreuzimpfung gegen Corona hat zu Verwirrung geführt – auch unter Ärzten

Laut Kieserg gibt es in diesem Juli im Landkreis keine zusätzlichen mRNA-Impfstofflieferungen von Biontech und Moderna, die nun als Zweitimpfung nach einer Astrazeneca-Erstimpfung empfohlen werden, weil deshalb in Hessen "ein relativer Engpass" vorliege. Astrazeneca-Erstgeimpfte (Impfung bis zum 30. Juni) erhalten den empfohlenen mRNA-Impfstoff als Zweitimpfung zum normalen Termin (bisheriges Impfintervall von zwölf Wochen). Wer nach dem 1. Juli mit Astrazeneca zum ersten Mal geimpft wurde, erhalte seinen Zweitimpftermin mit einem mRNA-Impfstoff nach neun Wochen.

Die Debatte um die Kreuzimpfungen habe zu Verwirrung unter den Kollegen und auch in der Bevölkerung geführt, bemängelt Rußler. "Jetzt ist wieder alles anders und logistisch schwer umsetzbar." Er blickt aber trotzdem optimistisch in die Zukunft. "Wenn die Impfbereitschaft weiter hoch bleibt, bekommen wir die Situation in den Griff."

Auch in Tonderas Praxis in Elz ist die Impfstoffnachfrage rückläufig. "Wir impfen nur eigene Patienten mit Biontech und rund 70 Prozent dieser Leute haben bereits beide Impfungen erhalten", sagt sie. Es seien derzeit genügend Vakzine in ihrer Praxis vorhanden und die Bestellung in den Apotheken funktioniere hervorragend. Nicht wahrgenommene Impftermine ohne Absage habe es in der Elzer Praxis seit dem Start der Impfkampagne nicht gegeben.

Ärzte aus Limburg-Weilburg sprechen sich gegen Ende der Corona-Maßnahmen aus

Eine Aufhebung der Corona-Maßnahmen für geimpfte Bürger befürwortet die Ärztin aus Elz nicht. "Dies könnte zu mehr positiven Nachweisen und damit auch zu erneuten Schließungen führen", sagt Tondera. Dadurch seien dann erneut besonders die Kinder und Jugendlichen eingeschränkt, die sowieso schon sehr stark unter der Pandemie-Lage gelitten hätten. Wenn jeder Bürger eine Impfmöglichkeit bekomme, sei es durchaus denkbar, die Corona-Maßnahmen für Geimpfte aufzuheben, argumentiert Dr. Jan Rußler. "Solange dies aber nicht der Fall ist, sollten die Regeln bestehen bleiben", sagt der Mediziner.

Fachinger sieht eine Aufhebung der Corona-Maßnahmen für Geimpfte kritisch. "Es ist klar zu erkennen, dass die Infektionszahlen im Ausland nach weiteren Lockerungen eskalieren. Deshalb ist es deutlich zu früh für die Aufhebung", sagt der Arzt. Er vermutet, dass sich die Corona-Lage nach dem Sommerferien wieder verschlechtern könnte. Durch die vermehrte Reisebewegung werde es wohl zu weiteren Infektionen und steigenden Inzidenzen kommen. Deshalb dürfe keinesfalls zu voreilig gelockert werden. Damit man die Situation im Herbst und Winter im Griff behalte, sollten die Menschen das Impfangebot nutzen. "Impfen ist wichtig und derzeit unser bestes Mittel im Kampf gegen die Pandemie", sagt Fachinger.

Vitalini hält nichts von der Aufhebung der Corona-Maßnahmen für Geimpfte. "Es sollte nicht zu vorschnell gehandelt werden, da wir uns aktuell noch nicht auf dem Level der Herdenimmunität befinden und viele auch noch nicht ihre zweite Impfung erhalten haben."

Limburg-Weilburg: Impfquoten steigen – mRNA-Wirkstoff für die Zweitimpfung gegen Corona

Die Impfquoten in der Region nehmen weiter zu. Über das Impfzentrum des Landkreises Limburg-Weilburg haben bislang 52 081 Menschen die Erstimpfung erhalten, 39 953 sind vollständig geimpft. Dazu kommen rund 700 in Wiesbaden geimpfte Personen sowie 45 808 Erst-, 22 666 Zweit- und 6096 Einmalimpfungen in Hausarztpraxen. Daraus ergibt sich, dass 60,9 Prozent der Menschen mindestens eine Impfung erhalten (Bund 57,1 Prozent, Hessen 56,2, Rheinland-Pfalz 58,2) haben und 40,4 Prozent vollständig geimpft sind (Bund 39,9, Hessen 38,6, Rheinland-Pfalz 38,9).

Im Rhein-Lahn-Kreis gab es bislang 74 720 Erstimpfung (davon (31 804 in Hausarztpraxen). Dies entspricht einer Quote von 61,1 Prozent. Bei den vollständig geimpften liegen leider nur Daten aus dem Impfzentrum von vergangenem Freitag vor. Dies ergibt eine Quote von 38,0 Prozent.

Corona-Impfungen in Limburg-Weilburg: Wo es sofort einen Impftermin gibt

Im Westerwaldkreis liegen die Daten der mobilen Teams nur bis vergangenen Freitag vor. 105 594 Erstimpfungen ergeben 52,3 Prozent der Menschen, vollständig geimpft sind 71 188 Personen, was einer Quote von 35,3 Prozent entspricht.

Im Impfzentrum des Landkreises Limburg-Weilburg gibt es weiterhin Termine für Astrazeneca-Erstimpfungen sowie einmal ausreichende Impfungen mit Johnson & Johnson ohne Priorisierung. Gebucht werden können sie unter www.terminland.eu/limburg-weilburg im Internet. Der Zweitimpftermin mit Astrazeneca findet neun Wochen später statt. Sie erhalten dann genauso einen mRNA-Wirkstoff (Biontech oder Moderna) wie diejenigen, die beim Sonderimpftag mit rund 700 Personen am 10. April mit Astrazeneca geimpft wurden und nun am kommenden Samstag den Termin zur Zweitimpfung haben. (Stefan Dickmann, Tobias Ketter)

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare