Streichel-Alarm: Der kleine Hannes genießt das Kraulen am Kopf und verlangt nach mehr. Fotos: Petra Hackert

Wildtierstation Hünfelden

Nachdem die Mama überfahren wurde: So geht es den drei Bambis

Dramatischer es nicht sein: Die Mutter von drei kleinen Rehkitzen wurde direkt nach der Geburt vom Auto überfahren. Wie geht es den Kitzen?

Hünfelden - Kleine Tiere bekommen schnell Namen. Besonders, wenn sie so niedlich und anhänglich sind wie Hannes, Thomas und Nena. "Hannes!" Der Ruf ertönt am häufigsten im Garten in Dauborn, den die drei Kleinen gerade bevölkern, durch das Gras toben, an den Erdbeerpflanzen riechen und Rosenblätter naschen. Hannes ist am neugierigsten, will alles wissen, beschnuppern, beknabbern. Sogar der lange Zopf des Neuzugangs im Garten ist interessant und wird angeknuspert. Streicheln? Kein Problem! Ilka Pissin kann das sogar besonders gut. Der Kleine legt den Kopf zurück, lässt sich heftigst hinter den Ohren, am ganzen Hals kraulen und verlangt nach mehr.

Nachdem die Reh-Mama bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, wurde Ilka Pissin zur Ersatz-Mutter der Kitze.

Solches Verhalten ist ungewöhnlich - und wird sich auch wieder ändern. Die drei kleinen Rehkitze, die gemeinsam in die Wildtierstation gekommen sind, waren besonders winzig. Bei der Geburt vor knapp sechs Wochen wurde die Mutter von einem Auto erfasst (wir berichteten). Die Drillinge, in die Welt geschleudert und von Menschen gerettet, sind nun in Dauborn. "Wir haben oft Rehkitze im Frühjahr, aber solche nicht", sagt Ilka Pissin. Drillinge sind selten, so kleine erst recht. Sie hatten noch nie an einer Zitze gesaugt. Ohne Muttermilch zu kennen, war es relativ leicht möglich, sie an die Flasche zu gewöhnen. Sie trinken regelmäßig, jetzt noch alle dreieinhalb Stunden, das muss sein. Im Stall, in dem sie einen Teil des Tages verbringen, lebt ein weiteres Kitz. Das kam älter zum Aufpäppeln, frisst schon aus der Schale, mag nicht an die Flasche und ist viel scheuer.

Rehkitze fressen gerne Rosenblätter

Auf dem Boden im Stall liegt etwas Heu - und Rosenblätter. "Die haben Leute vorbeigebracht, weil sie wissen, dass die Kitze das lieben", sagt Ilka Pissin. Im Stall bekommen die drei erst einmal ihr Fläschchen, dann geht es raus in den Garten zum Spielen. Wer einmal damit anfängt merkt schnell: Sie sind so neugierig und lebhaft, das könnte man den ganzen Tag machen. So viel Zeit haben Ilka Pissin und David Schmidt, die die Wildtierstation betreiben, nicht. Schließlich benötigen noch weitere Tiere ihre Aufmerksamkeit. Und: Zur Arbeit müssen sie auch. David Schmidt ist bei der Telekom, teilweise im Home-Office beschäftigt, zum Glück für die Tiere. Ilka Pissin ist Physiotherapeutin für Mensch und Tier, die Praxis zu Hause in einem Bauernhof, in dem auch ein Teil der Wildtierstation untergebracht ist.

Die Eule Volker

Die Tiere, die die meiste Aufmerksamkeit brauchen, sind hier. Also zurzeit unter anderem die jungen Feldhasen, ein schwer verletzter Fuchs, ein kleiner Marder und Volker. Volker ist wie die Rehkitze gerade mal sechs Wochen alt und kam als Baby. Die kleine Waldohreule ist richtig zutraulich geworden.

Ein munteres Trio: Die kleinen Kitze untersuchen neugierig jede Ecke des Gartens der Wildtierstation.

Das darf und wird nicht so bleiben, denn alle Tiere der Station werden wieder ausgewildert. Sonst hätte sich in den vergangenen acht Jahren - so lange machen Ilka Pissin und ihr Mann David Schmidt das Ganze schon so intensiv - eine beträchtliche Anzahl an Tieren angesammelt.

Menschen, die sie kennen, bringen Wildtiere vorbei, die verletzt, ohne Eltern, in Not sind, aber natürlich auch andere Tierschützer, wie nach diesem Unfall in Speyer. "Wir nehmen fast alle Wildtiere", sagt David Schmidt - wenn Platz ist. "Außer Wildschweinen und Waschbären, weil die sich nicht mehr auswildern lassen."

Immer wieder Nachfragen

Die drei Rehkitze kamen unter dramatischen Umständen zur Welt. Nach der Berichterstattung dieser Zeitung gab es immer wieder Nachfragen, wie es ihnen geht, auch in der Wildtierstation. "Manche haben einfach nur angerufen und gefragt, wie es den Rehkitzen geht. Wenn wir dann gesagt haben, gut, hieß es, ,danke, das wollte ich nur wissen'", erzählt David Schmidt. Solche Resonanz auf die gemeinsame Arbeit hat der 41-Jährige noch nicht erlebt.

Die drei Kleinen sind gerade Teil der Menschenfamilie geworden. Auch Sohn Maximilian Pissin kümmert sich gerne, weiß aber auch, dass er sie eines Tages wieder hergeben muss. Bis dahin wird es aber noch eine gute Weile dauern. Geplant ist, dass die Kitze etwa anderthalb Jahre in der Wildtierstation bleiben, bevor man sie auswildern kann.

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