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Opfer oder Dieb?

DRK Oberlahn: Die abenteuerliche Geschichte des ehemaligen Bereitschaftsführers Marco Lichert

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Ist er ein selbst ernannter Wohltäter oder Opfer widriger Umstände? Der Fall des Marco Lichert, ehemaliger Kreisbereitschaftsleiter des DRK Oberlahn, gibt Rätsel auf.

Hausdurchsuchung, Kündigung, psychische Probleme, Geldnot, Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, Arbeitsgerichtsprozesse: Am 16. März 2017 wurde das Leben von Marco Lichert vom Kopf auf die Füße gestellt. Für den heute 46-jährigen Rettungssanitäter des DRK-Oberlahn ist seit diesem Tag nichts mehr so wie es vorher war.

Was in der Geschichte des Marco Lichert Dichtung und Wahrheit ist, lässt sich für den Außenstehenden nur schwer beurteilen. Denn in vielen Fällen steht Aussage gegen Aussage. Im Raum stehen der Vorwurf des illegalen Waffenbesitzes, Unterschlagung, schwerer Diebstahl – und schließlich eine Reihe von Kündigungen, die sein Arbeitgeber, der DRK-Kreisverband Oberlahn, gegen ihn ausgesprochen hat. Während Lichert sämtliche gegen ihn erhobenen Vorwürfe bestreitet und zwischenzeitlich auch ein Urteil zu seinen Gunsten vor dem Arbeitsgericht Wiesbaden erstritten hat, hält das DRK Oberlahn das Arbeitsverhältnis mit dem 46-jährigen ehemaligen DRK-Kreisbereitschaftsleiter für zerrüttet. Aber der Reihe nach.

Lichert und seine Frau Beate sind an jenem 16. März mit dem Sortieren von Kleidersäcken der ehrenamtlichen Flüchtlingshilfe beschäftigt, als gegen 13 Uhr das Telefon klingelt. Es ist die Polizei Weilburg. Er möge sofort nach Hause kommen, weil sein Haus durchsucht werden soll. Lichert und seine Frau lassen alles stehen und liegen. Was sie daheim vorfinden, erinnert an Szenen aus einem Kriminalfilm: Drei Streifenwagen der Polizei mit sechs Beamten vor der Tür. Ein Polizist sagt: „Gegen Sie läuft ein Strafverfahren wegen illegalen Waffenbesitzes.“ Die Beamten stellen das Haus der Licherts auf den Kopf. Sie finden nichts außer einer Leuchtraketen-Pistole für Silvester. Diese stellt sich später als harmlos heraus. „Ich habe nie eine eigene Waffe besessen“, sagt Lichert.

„Kinder und Frau gefährdet“

Doch es kommt noch dicker, wie er berichtet. Noch während die Hausdurchsuchung läuft, tauchen zwei Damen des Limburger Jugendamts im Kindergarten Niedershausen auf, um die beiden fünfjährigen Mädchen der Licherts „in Sicherheit“ zu bringen. Was das Ehepaar erst später erfährt: Gegen Lichert ist beim Jugendamt Anzeige erstattet worden. Der Verdacht klingt ungeheuerlich: Er sei gewalttätig, wolle möglicherweise Frau und Kinder umbringen. Auch Arbeitskollegen seien gefährdet, heißt es.

Noch am selben Nachmittag handelt auch Licherts Arbeitgeber, das DRK Oberlahn, bei dem der 46-Jährige seit 1994 ehrenamtlich tätig ist und seit 2000 hauptberuflich als Rettungsassistent arbeitet: Lichert erhält Hausverbot, seine Gattin Beate gleich mit, wie er sagt. Am 28. März folgt die Kündigung, erst fristlos, dann fristgerecht.

Als ehrenamtlicher Kreisbereitschaftsleiter ist Lichert zu diesem Zeitpunkt Herr über 850 Einsatzkräfte, sagt er. In dieser Funktion habe er beispielsweise die DRK-Einsatzleitung während des Hessentags 2005 in Weilburg gemanagt. Auch damit soll es nach dem Willen des DRK Oberlahn und seines Vorsitzenden Dr. Frank Schmidt, hauptberuflich Bürgermeister der Gemeinde Löhnberg, nun vorbei sein. Der DRK-Landesbereitschaftsleiter wird eingeschaltet und enthebt Lichert auch von seinem Ehrenamt.

Die Begründung für Licherts Kündigung: Neben dem angeblichen Waffenbesitz wirft das DRK dem bis dahin nach eigenen Angaben unbescholtenen Rettungsassistenten schweren Diebstahl vor. „Ich soll Material des DRK im Wert von 10 000 Euro an den Verein Health for Uganda als Eigenspende verschenkt haben“, erzählt Lichert. In Wahrheit sei er von einer Kollegin, die dem Verein angehört, gefragt worden, ob das DRK Oberlahn Material für Uganda zur Verfügung stellen könnte. Dies, so Lichert, habe er bejaht, woraufhin der Verein dann auch Material abgeholt habe. Sämtliche Gegenstände, versichert Lichert, hätten das Verfallsdatum überschritten und sollten zum Teil weggeworfen werden.

Keine Ermittlungen

Das DRK bestreitet dies jedoch. Vorsitzender Dr. Frank Schmidt sagt: „Fast alles war neu und fehlte dem DRK Oberlahn.“ Lichert beteuert, das Einzige, was er dem Uganda-Verein tatsächlich geschenkt habe, sei ein Rucksack des DRK gewesen, den er auf einer Messe in Fulda erworben habe.

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Limburg verlaufen nach Licherts Angaben ergebnislos; der Vorwurf des Waffenbesitzes sei im Mai 2017, der Diebstahlsvorwurf im Januar 2019 fallen gelassen worden. Auch DRK-Chef Schmidt räumt ein, dass die Ermittlungen gegen Lichert gegen Geldauflage eingestellt worden seien. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft Hans-Joachim Herrchen wollte zu Ermittlungsergebnissen aus der Vergangenheit aus Datenschutzgründen keine Stellung nehmen. Er bestätigte aber auf Anfrage dieser Zeitung: „Wir führen gegen Herrn Lichert keine Ermittlungen.“

Zehnte Kündigung

Auch das Arbeitsgericht Wiesbaden kam offensichtlich zu der Überzeugung, dass die Gründe für die Kündigung des ehemaligen DRK-Kreisbereitschaftsleiters nicht ausreichten. In einem bisher nicht rechtskräftigen Urteil vom 23. Januar 2019, das dieser Zeitung in Kopie vorliegt, heißt es: „Es wird festgestellt, dass das Arbeitsverhältnis der Parteien (. . .) nicht aufgelöst wird.“ Weiter wird das DRK zu Gehaltsnachzahlungen und Weiterbeschäftigung von Lichert verurteilt. Der Antrag des DRK, das Arbeitsverhältnis gegen Zahlung einer Abfindung von 40 000 Euro aufzulösen, weist das Gericht zurück.

Ob Lichert tatsächlich seinen Dienst beim DRK wieder antritt, bezweifelt er selbst. Denn: Die zuletzt ausgesprochene Kündigung sei bereits die zehnte gewesen. Sämtliche vorangegangenen Kündigungen seien ebenfalls zu seinen Gunsten entschieden worden. Geändert habe sich – nichts.

DRK-Chef Dr. Frank Schmidt rechtfertigt auf Anfrage dieser Zeitung den Rauswurf: „Wenn ich seitenweise Listen mit gestohlenem Material bekomme, zu dem nur er Zugang hatte, dann muss ich handeln“, so Schmidt. Ob und was an den Vorwürfen dran ist, könne er selbst aber nicht beurteilen.

Allerdings erhebt Schmidt schwere Vorwürfe gegen die ehrenamtliche Tätigkeit des ehemaligen Kreisbereitschaftsleiters. Ärger habe es mit Lichert seit Jahren gegeben, „Unregelmäßigkeiten“, Mediationsgespräche und immer wieder Krisensitzungen des Vorstands. Zuletzt habe Lichert immer häufiger Veranstaltungen, für die er die DRK-Bereitschaft organisieren sollte, regelrecht „versemmelt“. Die Situation sei derart eskaliert, so Schmidt, dass das DRK Oberlahn ihm mehr und mehr Aufgaben entziehen musste. Schließlich sei er als Kreisbereitschaftsleiter sogar abgewählt worden, berichtet der DRK-Chef. „Niemand wollte mehr mit Lichert zusammenarbeiten.“

„Lügen“ und „Unsinn“

Ohne die Unterstützung des DRK Limburg wäre es dem Oberlahn-Verband nicht gelungen, die Bereitschaft wieder aufzubauen, sagt Schmidt. Denn ein Großteil des eigenen Materials sei verschwunden gewesen.

Mit Schmidts Aussagen konfrontiert, spricht Lichert von „Lügen“. Ein Kenner des DRK Oberlahn, der anonym bleiben will, weist darauf hin, dass sich in jüngster Zeit die Kündigungen in dem Verband häufen. Nachdem vor zwei Jahren der Betriebsratschef gehen sollte, erhielt kürzlich ein weiterer Mitarbeiter die Kündigung. Zusammen mit Lichert sind es damit drei. Lichert selbst hat eine andere Erklärung dafür, dass das DRK ihn los werden will: Er sei unbequem geworden, weil er mehr Geld für Ausrüstung gefordert habe. Schmidt hält dieses Argument schlicht für Unsinn. Er kündigte Berufung gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Wiesbaden an. Ein weiteres Berufungsverfahren vor dem Landesarbeitsgericht laufe bereits.

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