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Long Covid und die schweren Folgen: Betroffene fühlen sich nicht ernst genommen

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Von: Sabine Rauch

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Ein Long-Covid-Patient macht ein Atemtraining: Der Weg zurück ins Leben ist für die Erkrankten oft schwer und sie fühlen sich nicht ernst genommen.
Ein Long-Covid-Patient macht ein Atemtraining: Der Weg zurück ins Leben ist für die Erkrankten oft schwer und sie fühlen sich nicht ernst genommen. © picture alliance/dpa

Eine Corona-Infektion kann fatale Folgen haben. Dennoch fühlen sich Betroffene oft nicht ernst genommen. Claudia Pfeiffer berichtet von ihren Erfahrungen.

Limburg-Weilburg – Die ständige Erschöpfung, die Konzentrationsprobleme, Atembeschwerden, Kopfschmerzen, Schwindelanfälle, eine Trigeminusneuralgie. Und dann noch die ständigen Selbstzweifel und die bange Frage: Ist doch alles nur psychosomatisch? Haben die Ärzte Recht? Ist es wirklich mit ein bisschen frischer Luft, gutem Willen und ein paar Kilo weniger getan? Wird es tatsächlich Zeit, dass sie wieder arbeiten geht?

Claudia Pfeiffer würde gerne wieder arbeiten gehen. Seit anderthalb Jahren hofft sie, dass sie irgendwann aufwacht und ihr altes Leben wieder hat. Ein Leben mit sehr viel Arbeit, mit vielen Freunden, mit Chormusik und Ausflügen mit ihrer Tochter. Und ein Leben, in dem sie, wenn sie mal krank ist, einfach sagen könnte, was sie hat und niemand vielsagend mit den Augen rollt. Aber das passiert, wenn Claudia Pfeiffer sagt, dass sie Long Covid hat. Deshalb sagt sie es auch kaum jemandem, deshalb will sie ihren wahren Namen auch nicht in der Zeitung lesen. Sie fragt sich sowieso schon, ob sie sich das alles nicht doch einfach nur einbildet.

Dabei weiß sie es eigentlich besser und sie weiß, dass sie damit nicht alleine ist. 35 Mitglieder hat die Long-Covid-Selbsthilfegruppe in Limburg inzwischen, und eigentlich haben sie alle die gleichen Erfahrungen gemacht. Mit Ärzten, die sie nicht ernst nehmen, Kollegen und Nachbarn, die sie belächeln und tuscheln, Arbeitgebern, die Druck machen. Dass eine Corona-Infektion langfristige Folgen haben kann, habe sich offenbar immer noch nicht herumgesprochen, sagt Claudia Pfeiffer.

Long Covid nach Corona-Infektion: Der Leidensweg ist lang

Claudia Pfeiffer kann das beurteilen. Ihr Leidensweg ist schon sehr lang, gut ein Dutzend Ärzte hat sie inzwischen konsultiert, sie war bei Heilpraktikern und in der Long-Covid-Ambulanz. "Und ich hoffe immer noch, dass irgendwann mal ein Arzt etwas Handfestes findet und eine vernünftige Therapie vorschlägt." Immerhin kann sie inzwischen nachweisen, dass sie mal Covid-19 hatte. Im April dieses Jahres war sie ganz offiziell am Coronavirus erkrankt, da war sie gerade in einer Reha-Klinik angekommen, in der sie wegen ihrer "psychosomatischen Beschwerden" behandelt werden sollte.

Aber der Leidensweg begann schon viel früher, am 7. Dezember 2020. Damals, als Corona noch neuer und alle überfordert waren. Claudia Pfeiffer klagte über Husten, Kopf- und Gliederschmerzen. Ihr Hausarzt tippte auf Grippe und weigerte sich, die Kosten für den Corona-Abstrich zu übernehmen. Für Claudia Pfeiffer waren 120 Euro viel Geld, zu viel Geld. Sie fuhr wieder nach Hause, legte sich ins Bett, und ging schnell wieder arbeiten. Aber sie wurde nicht gesund; am 23. Dezember ging es ihr so schlecht, dass sie zur Abstrichstelle nach Beselich fuhr und einen Test machen ließ. "Ein Ergebnis habe ich bis heute nicht", sagt Claudia Pfeiffer. Es sei damals offenbar irgendwo verloren gegangen.

Spätfolgen nach Corona-Infektion nicht ernst genommen

Und das hatte Folgen: Ohne positives Testergebnis kein Corona, egal, ob die Symptome passen. Immerhin fand sie einen Pneumologen und einen Kardiologen, die ihr zwar versicherten, dass alles ohne Befund war, aber trotzdem, beziehungsweise gerade deshalb, vermuteten, dass sie an den Spätfolgen einer Corona-Infektion leide. Sie fand aber auch einen Rheumatologen, der ihr erklärte, das sei alles Quatsch, sie habe wahrscheinlich Rheuma und einen Endokrinologen, der ihr versicherte, Long Covid sei das auf keinen Fall, denn das gebe es ja gar nicht.

"Und dann zweifelst Du an Dir selbst." Und sie ließ sich vorsichtshalber impfen. Auf keinen Fall wollte sie noch einmal so krank werden. Auf ihre erste Impfdosis reagierte sie so stark, dass auch ihr Hausarzt vermutete, dass sie schon mal eine Infektion durchgemacht habe und sich bereit erklärte, sie in der Long-Covid-Ambulanz in Frankfurt anzumelden, im Frühjahr 2021 war das. Im Frühjahr dieses Jahres bekam Claudia Pfeiffer einen Termin und die Auskunft, dass man ja eigentlich gar nicht zuständig sei, weil sie keine Diagnose habe. Aber immerhin untersuchten die Ärzte sie und verordneten ihr eine Atemtherapie. "Und die tut mir gut."

Schmerzen nach Corona-Impfung: „Ich funktioniere nur noch mit den Schmerzmitteln“

Gesund ist sie aber noch lange nicht. Nach der zweiten Impfung, im Juli vergangenen Jahres, bekam sie so starke Nervenschmerzen, dass sie in die Uniklinik Gießen gebracht wurde - mit Verdacht auf eine Hirnvenen-Thrombose. Der Verdacht bestätigte sich nicht, sie wurde wieder entlassen. Im Limburger Krankenhaus dann der Verdacht auf eine Trigeminusneuralgie. Auch der habe sich nicht bestätigt, sagt Claudia Pfeiffer. Aber sie bekam starke Schmerzmittel gegen die Nervenschmerzen und den Hinweis, dass sie die Tabletten bald wieder absetzen müsse. Sie hat sie nicht abgesetzt. "Ich funktioniere nur noch mit den Schmerzmitteln", anders sei es nicht auszuhalten. Erst recht nicht nach der dritten Impfung, im Januar, als alles nur noch schlimmer wurde.

Sie habe lange überlegt, ob sie sich überhaupt impfen lassen solle, sagt Claudia Pfeiffer. Aber die Angst vor einer neuen Infektion und deren Folgen war zu groß. Und sie blieb ihr trotzdem nicht erspart: Im April war sie ganz offiziell infiziert - mit positivem Test und allem Drum und Dran. Schlechter geht es ihr seitdem nicht, besser aber auch nicht. Jetzt stehen weitere Untersuchungen an. Sie habe einen guten Neurologen gefunden, sagt Claudia Pfeiffer. Jede Menge Tests und ein MRT sollen nun klären, ob ihr Zentrales Nervensystem Schaden genommen hat. "Endlich fühle ich mich ernst genommen."

Sie hat sich Reha-Sport verschreiben lassen, eine neue Reha beantragt, eine App gefunden, die ihr hilft, den Tag mit Fatique, der chronischen Erschöpfung, zu bewältigen, und sie hat die Long-Covid-Selbsthilfegruppe. "Ich bin schon fertig, wenn ich meine ganzen Termine im Kalender sehe", sagt Claudia Pfeiffer und lacht. Aber sie hat wieder Hoffnung, jetzt soll es endlich vorangehen. "Innerlich könnte ich Bäume ausreißen." Wenn da nicht die Erschöpfung, die Schmerzen, Atemprobleme und der Brain Fog wären. Und der ganze Rest.

Long Covid: Wo geholfen wird und es weitere Infos gibt

Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes des Landkreises Limburg-Weilburg zweifeln nicht, dass es Long Covid gibt, sind aber nicht die richtigen Ansprechpartner, auch nicht, wenn es um Beschwerden über Ärzte geht. Weil jeder Arzt selbst entscheide, wie er welche Symptome bewertet, so Kreissprecher Jan Kieserg. Er weiß aber auch, dass es inzwischen Arztpraxen und Rehakliniken gibt, die sich auf dieses Krankheitsbild spezialisiert haben. "Dorthin sollten Betroffene sich wenden, wenn sie sich bei ihrem Hausarzt nicht adäquat versorgt fühlen."

Und er verweist auf die Long-Covid-Selbsthilfegruppe. "Der Austausch in einer Selbsthilfegruppe führt häufig bereits zu einer deutlichen Entlastung und kann helfen, Perspektiven zu entwickeln." Weitere Infos rund um die Langzeitfolgen einer Ansteckung mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 habe die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Gesundheit (BMG) auf dem neuen Infoportal www.longcovid-info.de zusammengestellt. Denn an vielen Unikliniken laufen längst Studien über die Spätfolgen der Infektion, im Oktober eröffnet in Rostock das Deutsche Institut für Long Covid. Wer Kontakt zur Long-Covid-Selbsthilfegruppe im Kreis aufnehmen will, kann das per E-Mail an info.long-covid@gmx.net. (Sabine Rauch)

Auch eine Frau aus Frankfurt erzählte über ihren Leidensweg und die Spätfolgen einer Corona-Infektion. Ihr Alltag ist kaum zu bewältigen.

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