Pseudonym "Lisa Skydla"

Lust, Schmerz, Unterwerfung: 50 Shades of Birlenbach

Dass sie Autorin werden will, wusste Ilona Noss alias Lisa Skydla schon mit zehn Jahren. Dass es in ihren Geschichten um Schmerz und Unterwerfung gehen würde, hätte sie sich damals aber nicht träumen lassen. Und dass sie damit richtig Geld verdienen würde, erst recht nicht. Denn dass die 45-Jährige Spaß an BDSM-Spielen hat, war gewissermaßen Zufall.

„Die Spitze der Peitsche traf sie schmerzhaft auf ihren Fußsohlen, dann schaltete Logan den Vibrator eine Stufe höher. In Jos Kopf tobte eine Mischung aus Emotionen, die alles andere verdrängte, gleichzeitig fühlte sie sich so leicht, als ob sie schweben würde. Adrenalin schoss durch ihren Körper, als ihr Herr sie erneut auf die Fußballen schlug.“

Alles begann mit einer Mathestunde und einem Mystery-Liebesroman. „Die waren damals total in. Aber der war so blöde, dass ich gesagt habe: Das kann ich besser“, sagt Ilona Noss. Sie trägt einen blauen Kapuzenpulli, pinke Socken und sitzt am Esstisch in ihrem Haus in Birlenbach. Um sie herum wuseln ihr Mann Dietmar, zwei der vier Katzen und Hund Darkie, der ständig rein und wieder raus will. Einen „ruhigen Vormittag“, nennt Noss das. Schließlich sind die beiden Kinder in der Schule beziehungsweise bei der Arbeit. Normalerweise würde sie die Zeit nutzen, um ein Hörbuch einzusprechen.

Dass , merkt man an diesem Vormittag kaum. „Ich stehe nicht auf diese ganzen Rituale. Wenn ich Dietmar zum Beispiel immer mit „Herr“ anreden müsste, das wäre doch lächerlich“, sagt Noss. Nur die Einrichtung gibt einen Hinweis: Teile des Esstisches liegen auf Käfigstangen auf. Allerdings sitzt dort gerade die Katze und frisst.

Ihr Lehrer ermutigt die zehnjährige Ilona, die damals noch im Westerwald lebt, ihre Idee in die Tat umzusetzen. Sie beginnt, kleine Geschichten für ihre Klassenkameraden zu schreiben. Schon damals legt sie sich ihren Künstlernamen zu: Lisa Skydla, die Namen ihrer beiden Pferde.

Parallel zu ihrer Ausbildung als Datenverarbeitungskauffrau besucht sie Schreibkurse und schreibt kurz darauf ihr erstes Buch, „Liebe, Stolz und andere Schwierigkeiten“. In 15 Jahren wird es sieben Mal verkauft. Und auch mit ihrem Hauptberuf hat Noss kein Glück. „Im Westerwald hatten alle Angst, dass ich zu viel kann“, sagt sie. Doch davon lässt sich die 45-Jährige nicht entmutigen. „Ich bin Widder, ich will immer mit dem Kopf durch die Wand.“ Sie sucht sich einen Job als Verkäuferin, arbeitet sich zur Filialleiterin hoch. Dann bekommt sie mit ihrem ersten Mann zwei Kinder, fällt zurück auf Hartz IV, muss wieder jeden Tag kämpfen.

Und dann kommt der Tag, der ihr Leben komplett verändern wird. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, diese ganze Verantwortung zu tragen“, sagt sie. Also beschließt sie, die Verantwortung fortan zumindest beim Sex abzugeben. Sie entdeckt die Welt des BDSM.

Was sie erlebt, schreibt Ilona Noss auf. Erst in Kurzgeschichten, später in Büchern. 2013 erscheint ihr erster SM-Roman „Lustsklavin des Königs“. Zu dieser Zeit ist sie bereits mit ihrem jetzigen Mann Dietmar zusammen. „Wenn wir was machen, das gut war, kommt es auch in meinen Büchern vor“, sagt sie. „Um beschreiben zu können, wie sich etwas anfühlt, muss man es erlebt haben.“

„Sarah genoss diese Mischung aus Schmerzen und Lust. Sie spürte den Vibrator an ihrer Klit, der erbarmungslos auf den Orgasmus zutrieb und gleichzeitig die große Hand ihres Masters, die sich immer weiter in sie hinein schob. Der Schmerz dieser Prozedur verhinderte, dass sie kam, trotzdem wurde die Erregung nicht weniger, ganz im Gegenteil.“

Pervers sei an dem, was sie erlebt und aufschreibt, gar nichts, sagt Ilona Noss. Denn bei SM gehe es nicht um Unterdrückung oder Misshandlung. Ganz im Gegenteil: „Wir machen grundsätzlich nichts, das der andere nicht will.“ Dieser Punkt ist ihr wichtig. Auch in ihren Büchern wiederholt sie ihn immer wieder.

„Egal, was passiert, ich bin für dich da, Kleines, verstanden?“, flüsterte er ihr ins Ohr. Sarah nickte leicht, dann schmiegte sie sich in seine Umarmung. Die Geborgenheit und Nähe, die er ihr gab, taten ihr unendlich gut. „SM bedeutet nicht, dass einer einsteckt, damit der andere auf seine Kosten kommt. Es bedeutet, sich fallen lassen und vertrauen zu können“, erklärte er ihr ruhig.

Dennoch seien viele Nachbarn erst einmal skeptisch gewesen. Zumal das Ehepaar offen mit seiner Neigung umgeht, und im Kellergeschoss auch einen Handel für Sex-Spielzeuge betreibt. „Erstens ist das kein Makel. Und zweitens verdienen wir unser Geld damit“, sagt Noss.

Sie veröffentlicht ihre Bücher, E-Books und Hörbücher im Verlag ihres Mannes, den dieser nach Problemen mit verschiedenen E-Publishing-Portalen gegründet hat. Sie tragen Titel wie „Dem Jaguar verfallen“, „Eigentum des Lehrers“ oder „Sklavin des Drachenreiters“ – und bringen Lisa Skylda regelmäßig unter den Top-30 der Amazon-Verkaufscharts. „Vor Kurzem hätte mein Sohn mal fast geweint“, sagt sie. „Weil das, was ich im Dezember verdient habe, hat er als Azubi in drei Jahren nicht verdient.“

Ansonsten sähen die Kinder die Sache mit dem SM recht locker. „Am Anfang haben wir sie nicht in den Keller gelassen, aber sie haben totale Paranoia bekommen“, sagt Noss. Irgendwann habe sie nachgegeben und ihnen den Verkaufsraum doch noch gezeigt. „Der Große hat dann gesagt: Und wegen sowas machst du so einen Aufstand?“ Später habe er ihre Bücher dann an seinen Berufsschullehrer verkauft. „Dessen Frau findet die toll.“

Und wenn man Ilona Noss eine Weile zuhört, merkt man, dass auch sie eine knallharte Verhandlungspartnerin sein kann. Wenn sie denn will. Als sie fürs Foto etwas anziehen soll, das typisch ist für ihre devote Rolle, wählt sie ein metallenes Halsband mit eingelassenem Ring. Während ihr Mann Dietmar das Schloss mit einem Inbusschlüssel öffnet und hinter sie tritt, schließt sie genüsslich die Augen. „Das Halsband ziehe ich niemals selber an“, sagt sie kurz darauf. „Das ist nicht meine Aufgabe.“

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