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Mangel an Hausärzten zeichnet sich ab

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Von: Sabine Rauch

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Hausarzt trotz aller Widrigkeiten: Dr. Simon Fachinger (links) hatte gehofft, auch seinen Weiterbildungsassistenten Markus Kreft für den Beruf begeistern zu können. Doch der möchte nicht bleiben.
Hausarzt trotz aller Widrigkeiten: Dr. Simon Fachinger (links) hatte gehofft, auch seinen Weiterbildungsassistenten Markus Kreft für den Beruf begeistern zu können. Doch der möchte nicht bleiben. © Privat

Nur noch für wenige ein Traumjob: Im Kreis Limburg-Weilburg bleiben immer mehr Arztsitze unbesetzt. Schon bald wird es knapp.

Limburg-Weilburg -Eine Praxis hat erst vor kurzem dicht gemacht, vier sind im sogenannten Übergabestatus, das heißt: Sie suchen einen Nachfolger, zwei in Limburg, eine in Selters, eine in Weilmünster. 5,5 Hausarztsitze sind im Landkreis Limburg-Weilburg aktuell unbesetzt - kein Nachfolger in Sicht; die Bewerbungsfrist ist zum 13. Juli verstrichen. Und jede Prognose ist düster: Die Hausärzte in der Region sind im Schnitt 55 bis 65 Jahre alt, die Kassenärztliche Vereinigung hat ausgerechnet, dass bis zum Jahr 2025 etwa 31,5 Prozent der Hausärzte rund um Limburg und etwa 26,9 Prozent der Hausärzte in der Weilburger Region ausscheiden werden - wenn alle jetzt praktizierenden Allgemeinmediziner bis zum 65. Lebensjahr durchhalten.

"Bis zum Jahr 2030 steigt der Nachbesetzungsbedarf im Planungsbereich Limburg auf 47,2 Prozent und in Weilburg auf 42,3 Prozent", sagt Karl Roth, der Sprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen. Und es sieht nicht so aus, als würde Allgemeinmediziner wieder ein Traumjob werden. Im Gegenteil, sagt Dr. Simon Fachinger, Allgemeinmediziner und Vorsitzender des Hausärzteverbandes im Bezirk Limburg. "Die Politik fährt das System an die Wand." Und damit meint er die große Politik.

Kritik an

der Politik

Offiziell sei der Ärztemangel, vor allem auf dem Land, schon lange ein Problem. Offiziell würden die Kassenärzte ja auch unterstützt. "Aber eigentlich werfen uns die Politiker immer nur Knüppel zwischen die Beine", sagt Simon Fachinger. Zum Beispiel mit der Corona-Politik. Zum Beispiel mit der Vorgabe, dass nur noch die Hausärzte PCR-Abstriche bei Patienten mit Symptomen machen dürfen - und ihnen gleichzeitig die Vergütung zu streichen.

Wer einen Corona-Patienten behandelt, bekommt das nicht mehr extra bezahlt, obwohl der Zeit- und Hygieneaufwand bleibt. Im Schnitt gibt es 42 Euro pro Patient pro Quartal - egal, was der Patient hat und wie oft er kommt. "Das halten wir nicht für sonderlich üppig", sagt Simon Fachinger.

Dafür könnten sich die Apotheker wieder über das Apothekerstärkungsgesetz freuen: Sie dürfen jetzt nicht nur impfen, sondern bekommen weitere ärztliche Aufgaben - und zwar gut vergütet. 90 Euro bekomme ein Apotheker, wenn er den Medikationsplan eines Patienten auf Wechselwirkungen prüfe, beziehungsweise prüfen lasse, denn heute übernehmen Rechner solche Aufgaben. Wenn das System Alarm schlägt, gerät der Patient in Panik und der Arzt ist wieder gefragt - auch wenn der die Wechselwirkung vermutlich durchaus berücksichtigt, vielleicht sogar gewollt hat. Und dann folgt wieder die Klage, dass man so lange auf einen Arzt-Termin warten muss. Kontrolle sei gut, sagt Simon Fachinger, die ungleiche Vergütung nicht.

Zusammenarbeit

verbessern

Überhaupt ist er nicht gut auf das Apothekerstärkungsgesetz zu sprechen. "Das führt nicht gerade zu einer besseren Zusammenarbeit der Akteure", sagt er. Kollegen aus den Städten berichteten schon von einem regelrechten Kleinkrieg zwischen Ärzten und Apothekern. Das sei auf dem Land zum Glück noch anders. Hier wisse noch jeder, was er an dem anderen hat. Aber eigentlich müsse man Ärzte, Apotheker und Kliniken an einen Tisch holen, statt sie immer gegeneinander auszuspielen.

Denn die Kliniken seien auch so ein Faktor: Sie schickten viele Patienten so bald es geht wieder nach Hause und schrieben dann in den Arztbrief, was die niedergelassenen Kollegen jetzt alles machen sollen. "Das ist Mangelverwaltung, nichts anderes." Und die ambulante Medizin müsse versuchen, die Mängel auszugleichen.

Eigentlich sei ja eine gute medizinische Versorgung das Ziel, sollte es zumindest sein. Aber alle politischen Ansätze, die niedergelassenen Ärzte zu stützen, erwiesen sich als Behinderung, nicht als Erleichterung, sagt Simon Fachinger. "Neue Kollegen werden in dieser Lage schwer zu finden sein." Dabei seien es doch jetzt schon zu wenige Kollegen, um die Patienten so zu versorgen, wie es ihnen immer noch versprochen werde.

Die Digitalisierung

funktioniert kaum

Die Politiker müssten endlich mit offenen Karten spielen, nicht immer den Ärzten den Schwarzen Peter zuschieben. "Der Patient lässt den Druck bei uns ab, wenn wir das 17. Physiotherapie-Rezept nicht mehr ausstellen wollen." Dabei gehe es gar nicht ums Wollen. Die Krankenkassen hätten schon eine wahre Regressflut angekündigt. "Die Kassen wollen sich das Geld, das die Pandemie gekostet hat, wieder reinholen." Immer öfter müsse er sich rechtfertigen und begründen, warum er einen Patienten krankschreibe, sagt Simon Fachinger. Überhaupt: die Bürokratie. "Ich wäre glücklich, wenn ich dieselbe Zeit meinen Patienten widmen könnte."

Und wenn etwas erleichtert werden solle, funktioniere das auch nicht unbedingt. Zum Beispiel die eAU, die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung; seit 1. Juli ist sie Pflicht. "Die Grundidee ist super", sagt Simon Fachinger. Gerne habe er das Geld für Hardware und Techniker ausgegeben. Aber das System funktioniere höchstens in der Hälfte der Fälle. Dass die Digitalisierung nicht vorangehe sei auch so ein Punkt, der den Job nicht gerade attraktiver mache.

Und dann ist da ja noch die Arbeitszeit: Der Hausarzt, der den ganzen Tag in der Praxis ist und auch nach Feierabend jederzeit erreichbar, sei für die jungen Leute keine Perspektive. Auch sein Weiterbildungsassistent in seiner Praxis in Niederbrechen wolle nicht bleiben. "Das Gros der Bewerber fragt nicht nach Geld, sondern nach Freizeit und Urlaub", sagt Simon Fachinger. Er kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als vor knapp sechs Jahren die Praxis übernahm: 85 bis 90 Stunden habe er damals pro Woche gearbeitet. Das hält man nicht lange durch. Inzwischen überlege er immer öfter, ob er sich nicht auf seine andere Ausbildung, die des Arbeitsmediziners, konzentrieren solle, sagt Simon Fachinger. "Aber dann denke ich an meine Patienten."

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