Skifahrer mit Gesichtsmasken fahren mit einem Sessellift.
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Beim Skifahren in Tirol hatten sich neun Männer aus dem Kreis Limburg-Weilburg mit Corona infiziert. (Symbolbild)

Tratsch im Ort

Neun Männer infizieren sich im Urlaub mit Corona und werden stigmatisiert: „Wir waren der Hotspot“

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Corona aus dem Urlaub mitgebracht: Stammtischmitglieder aus dem Kreis Limburg-Weilburg berichten davon, wie stigmatisierend eine Infektion mit dem Coronavirus sein kann.

  • Neun Stammtisch-Freunde aus dem Kreis Limburg-Weilburg fahren im Frühjahr 2020 nach Tirol.
  • Was sie damals nicht wissen: Tirol entwickelt sich kurz später zum Corona-Hotspot.
  • Beim Skifahren infizieren sich alle mit dem Coronavirus – mit drastischen Folgen.

Mengerskirchen ‒ Heute können sie darüber lachen. Über den Hustenanfall in der Corona-Teststation, über die Idee, sich alle bei dem Freund einzunisten, der als einziger alleinstehend ist. Und manchmal auch darüber, dass die Feuerwehr abends durch Waldernbach bei Limburg fuhr und die Bürger per Megafon dazu aufrief, zu Hause zu bleiben und sich vorsichtig zu verhalten. „Dass wir uns im Skiurlaub angesteckt hatten, war stigmatisierend“, sagt Ralph Schermuly.

Schließlich ist Waldernbach ein Dorf und damals im März wusste jeder, dass er und seine acht Freunde es waren, die Mengerskirchen zum Corona-Hotspot gemacht haben. Und dann die Fragen: Ob es wirklich nötig gewesen sei, nach Tirol zu fahren, ob sie nun wirklich nicht mehr ansteckend seien. Und das Gerede, die Gerüchte. Volker Link formuliert es so: „Der Dorftratsch war viel schlimmer als die Krankheit.“

Kreis Limburg-Weilburg: Neun Männer infizieren sich im Ski-Urlaub mit Corona

Anfang März, genauer vom 7. bis 11. März, waren Ralph Schmermuly, Volker Link und sieben andere Mitglieder ihres Stammtisches Himmelhunde zum Skifahren in Tirol - so wie jedes Jahr seit nunmehr 30 Jahren. Diesmal stand St. Anton an. „Als wir losgefahren sind, waren in ganz Tirol gerade mal zwei positive Fälle gemeldet“, sagt Ralph Schermuly. Als sie in St. Anton waren, berichteten die Medien von den ersten Corona-Fällen in Ischgl, und sie waren froh, nicht dort zu sein. Aber dann ging alles ganz schnell. Als sie am 11. März nach Hause fuhren, war in St. Anton ein Corona-Fall bekannt, noch von unterwegs meldeten sich die Himmelhunde beim Gesundheitsamt Limburg-Weilburg. Die Mitarbeiter dort seien damals noch ganz entspannt gewesen, sagt Ralph Schmermuly. „Achten Sie auf mögliche Symptome“, war ihr Rat.

Beim Skifahren in Tirol hatten sich Ralph Schermuly, Volker Link und sieben andere Mitglieder des Stammtischs Himmelhunde aus dem Kreis Limburg-Weilburg mit Corona infiziert. Das hat ihnen viel Gerede eingebracht.

Volker Link war kaum zu Hause, als er krank wurde, erst Schüttelfrost, dann Fieber. Er dachte, dass er sich einfach beim Skilaufen überanstrengt hatte. Das Gesundheitsamt tippte auf eine normale Grippe: „Kein Grund zur Sorge, Sie waren ja nicht in einem Risikogebiet.“ Als in der Stammtisch-Whatsapp-Gruppe auch noch sieben andere Männer von Symptomen berichteten, waren alle in heller Aufregung. Drei von ihnen hatten ein bisschen Husten und fühlten sich schlapp, vier Männer wurden richtig krank - mit hohem Fieber, Geschmacksverlust, starken Schmerzen und Reizhusten.

Corona im Kreis Limburg-Weilburg: Positives Testergebnis erst nach einer Woche

Volker Link hatte es richtig erwischt. Fast eine Woche, bis zum 17. März, musste er warten, bis er endlich Bescheid wusste, ob es eine Grippe war oder nicht. Das Gesundheitsamt ordnete eine zweiwöchige Quarantäne an und bat auch die anderen Skifahrer zum Test. „Das Warten auf diesen war nervig“, sagt Ralph Schermuly. Das Ergebnis war so, wie es alle längst befürchtet hatten: Alle neun hatten sich mit dem Coronavirus infiziert. Ein paar von ihnen hatten in der Zwischenzeit auch Familienangehörige angesteckt. Aus neun Infizierten werden ganz schnell 15. „Aber uns war klar, dass wir uns isolieren müssen, wenn wir die Kette durchbrechen wollen“, sagt Ralph Schermuly. Alle hätten sich schon vor der offiziellen Quarantäne-Anordnung freiwillig separiert, waren längst in den Keller gezogen und nicht mehr vor die Tür gegangen. Deshalb sei die Epidemie in Waldernbach auch so schnell wieder vorbei gewesen.

Vielleicht spielte aber auch Glück oder eine eiserne Gesundheit eine Rolle: Zumindest bei den Frauen von Volker Link und Ralph Schermuly: Beide sind Erzieherinnen, beide haben sich nicht angesteckt, und das, obwohl beide zumindest in den ersten Tagen der Inkubationszeit noch Tisch und Bett mit ihren Männern geteilt haben. Ralph Schermuly ist promovierter Biologe, er vermutet: Vielleicht hätten Erzieherinnen über die Jahre eine gewisse Grundimmunität ausgebildet. Aber es gebe ja auch Untersuchungen, dass eigentlich in jedem Haushalt immer jemand ist, der sich nicht ansteckt.

Corona im Kreis Limburg-Weilburg: „Angst ist kein guter Ratgeber“

Wo sie sich angesteckt haben, und warum sie die ersten Symptome so kurz nach dem Urlaub hatten, werden die Himmelhunde wohl nie erfahren. Sie seien in St. Anton wirklich vor allem zum Skifahren gewesen, nur einmal hätten sie sich zum Après-Ski getroffen. Sie haben die Gondeln in Verdacht - so viele Menschen auf engstem Raum. „Wenn es nicht Covid-19 gewesen wäre, hätten wir darüber gelacht, dass wir uns alle ausgerechnet in unserem Urlaub so was Blödes eingefangen haben“, sagt Volker Link. Aber dann kam die Angst. „Angst ist kein guter Ratgeber“, sagt Ralph Schermuly. „Und sie schwächt das Immunsystem.“ Außerdem habe sie schwerwiegende soziale Folgen. Die Kirche, der Chor, das Miteinander fehle vielen Menschen. Beim Infektionsschutz müsse auch immer die Lebensqualität der Menschen berücksichtigt werden.

Fast vier Wochen war Ralph Schermuly wegen Corona in Quarantäne. Erst, weil er selbst positiv war, dann, weil sich herausstellte, dass er seine Söhne angesteckt hatte. „Das war rückblickend eine sehr interessante Zeit“, sagt er. Zwei, drei Tage war er richtig krank, als es ihm dann langsam wieder besser ging, habe er den Keller aufgeräumt, Sperrmüll angemeldet, was man so tut, wenn man Zeit hat. Ende März sei dann auch der Geschmacksinn langsam wiedergekommen, aber erst seit Mitte August schmecke Schokolade wieder, wie Schokolade schmecken soll.

Corona: Infizierte sind Gesprächsthema im Dorf im Kreis Limburg-Weilburg

Jetzt hoffen die Männer, dass es das war. Ralph Schermuly und Volker Link haben sich durchchecken lassen, sind sich sicher, dass sie „nichts zurückbehalten“ haben. Und im Dorf wird auch nicht mehr über sie getuschelt. „Wir sind keine Exoten mehr, inzwischen kennt ja jeder jemanden, der infiziert war“, sagt Ralph Schermuly. Außerdem haben die Männer nicht nur das Geschwätz erlebt, sondern auch Freundschaft und Solidarität: „Diese Erfahrung hat uns unglaublich zusammengeschweißt.“ Und sie hat ihnen gezeigt, dass es immer auch Nachbarn gibt, die helfen, die einkaufen gehen zum Beispiel. „Wir sind alle froh, dass es so glimpflich ausgegangen ist. Es hätte ja auch anders kommen können.“ Aber dass sie 2021, das erste Mal seit 30 Jahren, vermutlich nicht gemeinsam in den Skiurlaub fahren können, sei doch sehr schade. (Sabine Rauch)

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