Kurz vor Prozessbeginn Ende Oktober 1997 im Oldenburger Landgericht lässt sich der 34 Jahre alte Rolf D. (rechts) während eines Weinkrampfes von seinem Anwalt Reinhard Nollmann im Gerichtssaal trösten.
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Kurz vor Prozessbeginn Ende Oktober 1997 im Oldenburger Landgericht lässt sich der 34 Jahre alte Rolf D. (rechts) während eines Weinkrampfes von seinem Anwalt Reinhard Nollmann im Gerichtssaal trösten.

Angst und Schrecken verbreitet

Nassauer Land: Wie ein Kindermörder die Region erschütterte

Buchhändler Rolf D. tötet 1997 in Norddeutschland zum zweiten Mal und rückt die hiesige Region in den Fokus der Fahnder

Nassauer Land -Es war eine Tat, die deutschlandweit für Entsetzen sorgte und unfreiwillig den Westerwald in den nationalen Fokus rückte: Der Mord an der zehnjährigen Kim K. aus dem niedersächsischen Varel im Januar 1997. Ihr Mörder, der Buchhändler Rolf D., der bis wenige Wochen vor der Tat in Görgeshausen lebte, sitzt auch 25 Jahre danach noch im Gefängnis. Die NNP blickt zurück.

Das Entsetzen war seinerzeit groß: Rolf D. ein Mörder? So recht vorstellen wollten es sich die Görgeshäuser sowie Freunde und Bekannte vor 25 Jahren nicht, als Mitte Januar 1997 die Nachricht wie ein Lauffeuer die Runde machte, dass der schlanke, hochgewachsene Mann ein Kind umgebracht haben soll. Schließlich galt er als kinderlieb und freundlich. Seitdem er in den 1980er-Jahren in die Westerwaldgemeinde zu seiner Lebensgefährtin gezogen war, kümmerte er sich in den Augen vieler Außenstehender rührend und innig um die beiden Kinder seiner Partnerin. Was viele zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen: Der 34-Jährige hat bereits einmal getötet.

Am 7. Januar 1979 hat er als 16-Jähriger in Horumersiel an der Nordseeküste, wo D. seinerzeit lebte, die zwölfjährige Silke Meyer mit einem Schal erdrosselt, nachdem diese seine sexuellen Avancen abgelehnt hatte. Den Leichnam verscharrte er im Schnee. Knapp zwei Jahre später, im Dezember 1980, kam die Polizei dem jugendlichen Straftäter auf die Spur, im Juni 1981 wurde er von der Jugendkammer am Landgericht Oldenburg wegen Totschlags zu einer Jugendstrafe von sechs Jahren verurteilt.

Ohne eine Therapie absolviert zu haben, kam D. 1985 aus der Jugendstrafanstalt Hameln frei und landete über Beziehungen in Limburg an der Lahn, wo er eine Lehre als Buchhändler begann. Hier lernt er seine spätere Lebensgefährtin kennen, zu der und deren beiden Kindern er dann nach Görgeshausen zieht. Ab 1995 aber gerät sein Leben nach und nach wieder aus den Fugen.

Der Chef wirft Rolf D. raus

Weil er mehrmals Geld aus der Kasse unterschlagen haben soll, kündigt ihm sein Chef. D. macht sich selbstständig mit einer Handelsgesellschaft, die allerdings floppt. Ende 1996 zerbricht auch die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin, so dass D. im Dezember den Westerwald verlässt und zu seinen Eltern nach Horumersiel zurückkehrt - und erneut mordet: Am 9. Januar 1997 lauert Rolf D. der zehnjährigen Kim, die sich auf dem Heimweg von einer Freundin befindet, auf, entführt sie wenige Meter von ihrem Zuhause entfernt. Im rund 43 Kilometer entfernten Horumersiel vergeht er sich in der Pension seiner Eltern an der Minderjährigen und erdrosselt Kim mit einem Schal.

Ihre Leiche fährt der Buchhändler im Anschluss bis in die Niederlande, wo spielende Kinder das Mädchen schließlich tags drauf tot in der Nähe des Flughafens Schiphol am Rande eines Naherholungsgebietes finden. Aufgrund von Zeugenaussagen gerät schnell ein BMW mit Westerwälder Kennzeichen, der 1995 in Montabaur gestohlen wurde, in den Fokus der Öffentlichkeit. Er soll am Tattag in Varel gesehen worden sein. In der Folge gehen mehr als 1000 vermeintliche Hinweise zu dem Fahrzeug bei der Polizei ein. Insgeheim fahndet die Polizei allerdings aufgrund eines ähnlichen WW-Kennzeichens schon nach Rolf D. und dessen Mazda. Sechs Tage nach der Tat wird der damals 34-Jährige in Horumersiel von einem Mobilen Einsatzkommando festgenommen und gesteht wenig später die Tat.

Was folgt, sind unzählige Verhöre und Überprüfungen, ob D. nicht weitere Morde begangen haben könnte. 26 Fälle kommen zwischenzeitlich infrage. In einem der Verhöre lässt D. mit einem Grinsen fallen, dass man in den Höhlen und Stollen rund um Görgeshausen und dem Nachbarort Niedererbach ohne Weiteres Leichen verschwinden lassen könnte. Mit dieser Aussage sorgt er dafür, dass sein ehemaliger Wohnort und dessen Umfeld intensiver in den Fokus rücken. Schließlich gibt es auch im Raum Limburg zu dieser Zeit zwei ungeklärte Mordfälle.

Im September 1992 wurde die damals 20-jährige Patricia S. in Hahnstätten vergewaltigt und in der Aar ertränkt. Zwei Jahre später, im Oktober 1994, wurden die beiden 16-jährigen Freundinnen Jasmin G. und Yvonne H. aus Limburg auf ihrem Heimweg von der ehemaligen Diskothek "Anyway" in Elz schwer misshandelt und mit Chloroform getötet, ehe man ihre Leichen zwei Tage darauf unbekleidet in einem Waldstück im hessischen Hüttenberg-Volpertshausen (Lahn-Dill-Kreis) fand. Gerade der Fall der beiden getöteten Schülerinnen ließ die Ermittlungsbehörden in Verbindung mit der Verhörbemerkung D.s hellhörig werden: Der Sexualverbrecher war schließlich in der nur zehn Autominuten von Görgeshausen entfernten Diskothek Stammgast. Zudem lagen die besagten Höhlen und Stollen allesamt auf dem Weg zwischen Wohnort und Diskothek.

Das Anwesen in Görgeshausen, in dem Rolf D. mit seiner ehemaligen Lebensgefährtin lebte, wird daraufhin von den Ermittlern aus Norddeutschland und der Sonderkommission "Jasmin" aus Limburg unter anderem mit Leichenspürhunden komplett durchsucht. Sogar eine Jauchegrube im Hof des Anwesens in der Westerwaldgemeinde lassen die Beamten auspumpen, Brennholzhaufen werden auf links gedreht. In den Folgewochen werden auch noch einige der Höhlen und Stollen rund um Niedererbach von der Soko Weser-Ems, die im Fall Kim K. ermittelt, unter anderem gemeinsam mit der rheinland-pfälzischen Polizei erkundet.

BKA durchsucht Limburger Buchladen

Und auch die Limburger Buchhandlung, in der D. bis zu seinem Rauswurf im Oktober 1995 arbeitete, durchsuchen Beamte des Bundeskriminalamtes, da der ehemalige Angestellte noch Schlüssel zu den Räumlichkeiten in der Domstadt besaß. Letztlich kann Rolf D. weder der Doppelmord an den beiden Limburger Mädchen noch die Tat an der 20-jährigen Patricia nachgewiesen werden.

In beiden Fällen werden in den Folgejahren die wahren Mörder, unter anderem ein Ehepaar aus Girkenroth im Westerwald, gefasst und verurteilt. Rolf D. muss sich unterdessen ab Ende Oktober 1997 vor dem Landgericht Oldenburg unter anderem wegen des Mordes an Kim K. verantworten und versucht sich dort als "kaltblütiger Lügner", wie es der Vorsitzende Richter später formulierte.

Mitverhandelt wird im Prozess auch sexuelle Nötigung, Freiheitsberaubung, sexueller Missbrauch und gefährliche Körperverletzung, darunter ein Fall aus Runkel aus dem August 1993. Abseits der dortigen Kirmes bedrohte der Sexualstraftäter seinerzeit einen 13-Jährigen mit einem Gasrevolver und missbrauchte den Jungen anschließend. Insgesamt gesteht der Buchhändler und Kaufmann nach seiner Festnahme im Januar 1997 vier Taten, bei denen er teilweise Kinder entführt und misshandelt hatte, darunter eine bereits verjährte versuchte Entführung eines Mädchens im Raum Wallmerod im Westerwald im Jahr 1992, bei der Rolf D. die Elfjährige zunächst in sein Auto zerrte, sie dann aber wieder freiließ.

Im Dezember 1997 wird Rolf D. unter anderem wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt - allerdings ohne dass die besondere Schwere der Schuld festgestellt wird. Der Richter attestiert ihm allerdings, ein verlogener, berechnender und hochintelligenter Täter zu sein, der jederzeit seine Umgebung über sich selbst täuschen könne.

Seit 1997 sitzt der Kindermörder in der Justizvollzugsanstalt Celle ein. Einen ersten Antrag des heute 59-Jährigen auf vorzeitige Haftentlassung im Jahr 2012 lehnte die zuständige Kammer ab. "Die Voraussetzungen für eine Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung lagen nicht vor", teilt das niedersächsische Justizministerium auf Anfrage mit. "Zum Erhalt der Lebenstüchtigkeit", führt das Ministerium weiter aus, darf D. seit 2014 vereinzelt das Gefängnis verlassen - ständig begleitet von JVA-Bediensteten.

Anwalt Reinhard Nollmann verteidigte den Mörder Rolf D. - Er kritisiert den Mangel an Therapien

Reinhard Nollmann ist ein erfahrener Jurist: Bereits seit 1975 hat er seine Zulassung als Rechtsanwalt. Viele spektakuläre Fälle hat er in dieser Zeit erlebt, unter anderem als Nebenklageanwalt im Prozess um den mehrfachen Kindermörder Ronny R.. Doch auch die Gegenseite kennt der Advokat aus dem niedersächsischen Cloppenburg bestens, vertrat er doch vor 25 Jahren den Kindermörder Rolf D., der bis wenige Wochen vor seinem letzten Mord an der zehnjährigen Kim K. im Westerwald wohnte, vor Gericht als Verteidiger. "Das war selbstverständlich ein spektakulärer Fall", erinnert sich Reinhard Nollmann und ergänzt: "Es war eine Tat, die die Bevölkerung aufgewühlt und mitgenommen hat. D. war schon ein Fall, der außergewöhnlich war, vor allen Dingen in der Person des Täters."

Der heute 59-Jährige habe ja bereits 1979 ein Tötungsdelikt mit sexuellem Motiv begangen. "Und da muss man sich ernsthaft fragen, ob da nicht schon eine Behandlung in der JVA versagt hat", findet Reinhard Nollmann heute. Nach der Verurteilung D.s im Dezember 1997 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe wurde nach 15 Jahren 2012 ein Antrag seines Mandanten auf vorzeitige Freilassung aus der Haft von der zuständigen Strafvollstreckungskammer abgelehnt. Wann Nollmann einen zweiten Antrag auf vorzeitige Haftentlassung für Rolf D. stellen wird, dazu will sich der Rechtsanwalt mit dem markanten grauen, schulterlangen Haar derzeit nicht äußern.

Deutlicher wird er aber, wenn er auf die generellen Therapiemöglichkeiten von Sexualstraftätern in deutschen Gefängnissen angesprochen wird: "Ich bin generell der Auffassung, dass entschieden zu wenig Therapiemaßnahmen ergriffen werden, nicht nur im Fall D., sondern grundsätzlich bei allen Straftätern, insbesondere bei Sexualstraftätern. Das ist keine Behandlung, sondern nur ein Wegsperren. Die Behandlungsmöglichkeiten sind einfach schlecht." Es fehle an Therapeuten und finanziellen Mitteln.

Im Urteil des Landgerichts Oldenburg von 1997 habe es unter anderem geheißen, dass eine Therapie des Angeklagten der Justizvollzug zu gewährleisten habe. Ein Wunschdenken, wie Reinhard Nollmann findet: "Was an Behandlungen durchgeführt worden ist, ist im Verhältnis zu den Wünschen des Gerichts null gewesen." Seine Erfahrung ist: Verurteilte Sexualstraftäter seien durchaus bereit, die Therapieangebote anzunehmen - wenn es denn welche gibt. Es scheitere allerdings daran, dass es an Fachleuten und Geld für die Justizvollzugsanstalten fehle, sagt Nollmann. Von Andreas Egenolf

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