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Ob Gesellschaftsspiele oder Frühstück machen: Klara Quast (rechts) macht die Arbeit als Alltagshelferin im Mutter-Teresa-Haus Niederbrechen viel Freude - und die Bewohner haben auch etwas davon.

Langzeitpraktikum

So kann Inklusion gelingen: Junge Frau mit geistiger Behinderung arbeitet im Seniorenzentrum

Ein ganz normaler Job trotz geistiger Behinderung: Klara Quast hat ihre Nische gefunden. Die junge Frau macht ein Langzeitpraktikum im Seniorenzentrum Mutter-Teresa-Haus in Niederbrechen. Und alle profitieren davon.

Niederbrechen - So wünscht sich das wohl jeder Chef: Dass seine Mitarbeiterin jeden Morgen freudestrahlend zur Arbeit kommt, dass sie das ganze Wochenende darauf wartet, dass endlich wieder Montag ist, dass sie freiwillig länger bleibt, wenn sie merkt, dass sie noch gebraucht wird, dass sie ehrlich, zuverlässig und immer freundlich ist. All das lobt Benjamin Hoppe an seiner neuen Mitarbeiterin. Und noch viel mehr: "Sie macht andere Menschen glücklich, ohne viel zu reden", sagt er. Und dass er eigentlich nie daran gezweifelt hat, dass es eine gute Idee war, Klara Quast einen Praktikumsplatz zu geben. Zwei Jahre soll sie als Praktikantin im Mutter-Teresa-Haus bleiben, ein gutes halbes ist sie da. Und wenn dann immer noch alle so glücklich sind, auch viel länger, mit festem Arbeitsvertrag.

Warum auch nicht? Schließlich hätten alle was davon. Das Seniorenzentrum, weil es eine hochmotivierte Mitarbeiterin hat - und das in Zeiten, in denen Pflegekräfte Mangelware sind. Und Klara Quast, weil sie einen Arbeitsplatz hat, der ihr Freude bereitet. Und doch wäre es keine Selbstverständlichkeit - obwohl alle von Teilhabe, von Inklusion, von Gleichberechtigung reden. Denn Klara Quast hatte eine geistige Behinderung. Ihre Klassenkameraden von der Astrid-Lindgren-Schule in Limburg verbringen ihre Berufsorientierungszeit in der Werkstatt der Lebenshilfe. Aber dafür sei Klara zu fit, sagt ihre Mutter, Gudrun Quast. Eine Arbeit in der Wäscherei sei die einzige gewesen, die Clara sich vorstellen konnte. Aber eigentlich wollte sie mehr. Und sie kannte Benjamin Hoppe und wusste, "dass Klara da gut aufgehoben ist".

Besondere Herausforderung

Natürlich müsse ein Betrieb sich dessen bewusst sein, dass eine geistige Behinderung eine besondere Herausforderung sein kann, sagt Benjamin Hoppe. Natürlich müsse die Betriebsleitung ideelle Motive und eine wertschätzende Haltung haben. Und natürlich müsse man erst einmal Zeit investieren. Aber es lohne sich. "Klara ist ein Gewinn für alle", sagt Bettina Schwenk, die leitende Betreuungskraft im Mutter-Teresa-Haus. Sie habe viel von der jungen Frau gelernt: Dass man auch mal flexibel sein muss, dass es manchmal nicht so wichtig ist, ob die Gabel rechts oder links neben dem Teller liegt, zum Beispiel. "Man bekommt einen anderen Blickwinkel und das ist eine Bereicherung."

"Klara Quast, Praktikantin für Alltagsbegleitung" steht auf ihrem Namensschild. Neun Bewohner und sechs Tagespflegegäste begleitet sie durch den Tag. Sie macht zum Beispiel das Frühstück, weiß längst genau, wer keinen Käse isst, wer sein Brot selbst schmieren kann und wer es kleingeschnitten braucht, sie spielt Mühle oder "Mensch ärgere Dich nicht" mit den Bewohnern, macht die Betten oder nimmt Besucher in Empfang. Auf die Frage, was ihr denn am meisten Freude mache, sagt die junge Frau "alles" und strahlt.

Die Bewohner schätzten vor allem ihre Offenheit, das Lächeln und ihre Unvoreingenommenheit, sagt Hoppe. Und Gudrun Quast erlebt jeden Tag, wie gut diese Wertschätzung ihrer Tochter tut. Klara sei in den vergangenen Monaten selbstbewusst geworden und sehr viel selbstständiger. "Hier wird sie so angenommen, wie sie ist." Auch sie komme mal müde und genervt nach Hause, wenn es nicht so lief, wie sie sich das vorgestellt hatte, aber ihre Tage seien ja auch sehr lang.

Weitere Interessenten

Und schließlich hat Klara Quast auch noch Hobbys: Basketball, Schlagzeug und Klavier spielt sie. Spätestens mit 25 will sie von zu Hause ausziehen. In eine WG, "alleine wäre mir zu langweilig". Gudrun Quast hat keine Zweifel, dass ihre Tochter auch das schafft. Den Weg zur Arbeit meistert Klara längst ganz alleine. Jeden Tag fährt sie mit dem Zug von Heistenbach nach Niederbrechen und wieder zurück, insgesamt knapp anderthalb Stunden. Und sie wird immer mutiger: Wenn das Wetter besser ist, will sie einen Teil der Strecke mit dem Rad fahren, von ihrem ersten Verdienst hat sie sich ein E-Bike gekauft. Und auf dem Heimweg macht sie jetzt manchmal einen Abstecher in die Limburger Geschäfte. Den richtigen Umgang mit Geld müsse ihre Tochter aber noch lernen, sagt Gudrun Quast und lacht. Genau wie alle anderen jungen Menschen auch.

Bis zu drei Praktikanten könnten er und seine Mitarbeiter im Mutter-Teresa-Haus betreuen, sagt Hoppe. Inzwischen habe er einige Interessenten von der Astrid-Lindgren-Schule Und er macht ihnen Mut: Sie sollten sich ganz normal um einen Platz bewerben und sich vorstellen, einmal hospitieren. "Und dann schauen wir, ob wir ihnen gerecht werden." Und ob dann auch wieder alle davon profitieren.

16 Klienten haben einen Außenarbeitsplatz

Es ist nicht leicht, einen "Außenarbeitsplatz" zu bekommen. Denn es ist nicht einfach, einen Arbeitgeber zu finden, der einem Menschen mit geistiger oder seelischer Behinderung und vielleicht noch anderen Einschränkungen eine Nische bietet . Insgesamt 16 Klienten mit Außenarbeitsplätzen betreut Silke Zander als Fachkraft für berufliche Integration bei der Lebenshilfe Limburg-Diez. Klara Quast könnte so eine Klientin mit Außenarbeitsplatz werden. Denn in diesem Fall sei die Konstellation ideal, sagt Zander: Da sind eine zuverlässige junge Frau mit hoher sozialer Kompetenz und großer Motivation und ein Arbeitgeber, der seine Mitarbeiter wertschätzt und "nicht nach 08/15-Schema" einstellt. "Ohne soziales Engagement geht es nicht." Schließlich müsse der Chef dazu bereit sein, dem Anleiter etwas mehr Zeit zu geben, damit er sich um diesen Mitarbeiter besonders kümmern und einige Dinge vielleicht immer wieder zeigen kann.

Aber vor dem Außenarbeitsplatz kommt der Berufsbildungsbereich (BBB) - insgesamt zwei Jahre und drei Monate haben Klara Quast und ihre Kollegen Zeit, um herauszufinden, was sie arbeiten wollen, und um ihre sozialen Kompetenzen zu stärken. Mit Hilfe verschiedener Lernmodule und anschließend Praktika im Arbeitsbereich der verschiedenen Werkstatt-Arbeitsgruppen sei dies gut möglich, sagt Silke Zander. "Im Laufe der Zeit zeigt sich dann, wer zuverlässig und motiviert genug ist, um sich in einem Praktikum auf dem ersten Arbeitsmarkt auszuprobieren." Wenn alle Beteiligten dies wünschen, kann nach erfolgreichem Praktikum und nach dem BBB dann ein Vertrag für einen Außenarbeitsplatz abgeschlossen werden, der "für alle eine risikolose Beschäftigungsmöglichkeit darstellt". Manchmal entwickelt sich daraus auch ein sozialversicherungspflichtiger Job. "Die Meisten wechseln jedoch in den Arbeitsbereich der Werkstatt."

Am Anfang aller Überlegungen steht immer ein "Fähigkeitsprofil": Wo sind die Stärken und Schwächen, wie ist es um die körperlichen Fähigkeiten bestellt, um die Stressresistenz, um die soziale Kompetenz, wie hoch ist die Motivation? Welche Wünsche gibt es? Im Modul "Qualifizierungskurs für einen Außenarbeitsplatz" gehe es dann nicht nur um Organisatorisches, sagt Silke Zander. Sondern vor allem um gute Kommunikation und um Konfliktfähigkeit. Zuverlässigkeit sei das Wichtigste. "Diese Voraussetzung zu erfüllen, ist für viele unserer Klienten eine Herausforderung."

von Sabine Rauch

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