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Prozess in Limburg

Offene Türen beim Millionenbetrüger

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Auch am sechsten Verhandlungstag im Prozess um den Millionenbetrug des ehemaligen Vorstands der Volksbank Langendernbach gab es wieder interessante neue Erkenntnisse. Ein Kriminalbeamter schilderte seine Eindrücke von der Hausdurchsuchung, und Hans-Martin G. schilderte, wie lukrativ seine mit dem ergaunerten Geld finanzierten Immobiliengeschäfte waren.

Der Limburger Kripo-Beamte wunderte sich gleich mehrfach, als er am 1. Dezember 2014 bei einer Hausdurchsuchung in einen Ortsteil von Burbach (Siegerland) im Einsatz war. „Ich wusste ja, dass der Mann nach eigenen Angaben rund zehn Millionen Euro veruntreut hatte“, sagte er gestern als Zeuge vor der 1. großen Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts.

Das unauffällige ältere Einfamilienhaus in einer Seitenstraße des „verschlafenen Dörfchens“, wie er sagte, entsprach nicht seinen Erwartungen. Dann staunte der heute 43-Jährige, dass die Haustür nur angelehnt war, obwohl niemand da war. Und innen überraschte ihn erst die einfache Einrichtung und schließlich im Keller ein mächtiger Waffenschrank.

Der Kriminaloberkommissar berichtete am sechsten Verhandlungstag, wie plötzlich „Dynamik“ in die Ermittlungen gegen den langjährigen Chef der Volksbank Langendernbach kam. Am 10. November 2014 stellte das Geldinstitut Strafanzeige, am 24. November 2014 gab Hans-Martin G. ein notarielles Schuldanerkenntnis über 9,8 Millionen Euro ab. „Wir dachten, wir könnten den Fall in Kooperation mit dem geständigen Beschuldigten abarbeiten,“, sagte der Kripo-Mann. „Doch dann gab es einen anonymen Anruf bei der Polizei in Siegen, dass der Mann Kisten mit Unterlagen in den Keller eines anderen Gebäudes bringen würde.“

Ein Limburger Oberstaatsanwalt sah „Gefahr in Verzug“ und schickte Polizisten am 25. November ohne richterliche Anordnung zu dem Objekt im Nachbardorf. Am 1. Dezember folgte die Durchsuchung des Eigenheims von G., das er mit Frau und Tochter bewohnt. Die Beamten stellten Tüten und Kisten mit Unterlagen sowie zahlreiche Waffen, jede Menge Munition und Sprengstoffgegenstände sicher.

Entspannte Opfer

Der verantwortliche Ermittler schilderte auch seine Eindrücke von der Vernehmung der Geschädigten. „Die meisten waren anfangs sehr aufgebracht, weil sie nicht wussten, was mit ihrem Geld passiert ist und ob es weg ist“, sagte er. Nachdem schnell klar gewesen sei, dass die Bank die angelegten Summen in voller Höhe erstattet, sei die Stimmung gekippt. „Dank der guten Zinssätze waren die Leute entspannt.“

Als interessant bewertete der Zeuge, dass der Beschuldigte auch der Geldwäschebeauftragte der Voba war. „Dadurch war dieses Instrument ausgehebelt worden.“

Der Vorsitzende Richter Peter Scherer und Verteidiger Dr. Frank Seebode hakten nach, warum bei den Vernehmungen der Geschädigten immer der Rechtsanwalt der Volksbank dabei war. „Als Vertrauensperson“, schrieb der Polizist ins Protokoll und gab dies mit einem kritischen Vermerk an die Staatsanwaltschaft weiter.

Ein Kollege vom Polizeipräsidium Westhessen in Wiesbaden erläuterte die von ihm aufgrund der Vorlagen von Hans-Martin G. erstellte Liste mit dem Haus- und Grundbesitz des Angeklagten: 108 Objekte mit 610 Wohneinheiten. Die Grundbuchauszüge aus den Bundesländern Thüringen (allein 107), Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Rheinland-Pfalz füllten acht Leitz-Ordner.

Der Vorsitzende Richter ging mit dem Angeklagten alle 108 Objekte durch. In der Mehrzahl alte Häuser im Osten, die G. bei Zwangsversteigerungen erworben hatte. „Mir leuchtet das nicht ein, wieso Sie so viele Häuser und Wohnungen gekauft und Unsummen an Geld investiert haben“, sagte Scherer. Seine Bemerkung, wonach Ausgaben und Ertrag in einem schlechten Verhältnis standen, konterte der Angeklagte mit der Gesamtbilanz: Den Verkehrswert der 610 Wohneinheiten bezifferte er mit 8,3 Millionen Euro, den Kapitaldienst mit 37 800 Euro und die Mieteinnahmen mit 67 500 Euro. Exemplarisch verwies er auf ein Gebäude in Gera, für das er monatlich 1500 Euro zahlte und 3200 Euro Miete kassierte. „Da bleibt schon was übrig“, sagte G.

Am Donnerstag geht’s weiter.

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