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Die Schelle braucht Monika Graumann heute nicht mehr, wenn sie dreimal die Woche als Ortsdienerin die Post der Verwaltung Waldbrunn austrägt.

Porträt

Die Ortsdienerin: Sie ist die Postbotin des Bürgermeisters

Dreimal die Woche fährt Monika Graumann zum Rathaus nach Fussingen, um die Post der Behörde abzuholen und in Hintermeilingen zu verteilen. Die 69-Jährige ist Ortsdienerin in dem Waldbrunner Ortsteil. Seit fast vier Jahrzehnten kümmert sie sich darum, dass sämtliche Schreiben aus dem Rathaus an die Kommunalpolitiker, an den Gemeindevorstand und an die Mitglieder der Gemeindevertretung, Mitteilungen zu Ausschusssitzungen und Terminen des Ortsbeirates pünktlich und zuverlässig zugestellt werden.

Dreimal die Woche fährt Monika Graumann zum Rathaus nach Fussingen, um die Post der Behörde abzuholen und in Hintermeilingen zu verteilen. Die 69-Jährige ist Ortsdienerin in dem Waldbrunner Ortsteil. Seit fast vier Jahrzehnten kümmert sie sich darum, dass sämtliche Schreiben aus dem Rathaus an die Kommunalpolitiker, an den Gemeindevorstand und an die Mitglieder der Gemeindevertretung, Mitteilungen zu Ausschusssitzungen und Terminen des Ortsbeirates pünktlich und zuverlässig zugestellt werden.

Ebenfalls zu der von ihr verteilten Post gehören Geburtstagskarten und Todesanzeigen, Wasserbescheide, Einladungen der Vereine. Kurz: Alle Post von der Gemeinde an ihre Bürger. Königlicher Dienst Die Tradition der Ortsdiener reicht weit zurück. Im Waldbrunner Ortsteil etwa nannte er sich 1866 „Königlicher Polizeidiener von Hintermeilingen“. Ein Männerjob sei das ursprünglich gewesen, berichtet Monika Graumanns Mann Wolfgang. Die Männer postierten sich an Straßenecken oder auf Plätzen, läuteten ihre schwere Schelle und riefen der Bevölkerung mit lauter Stimme Neuigkeiten oder Ankündigungen entgegen.

Was die Verwaltung mitzuteilen hatte, wurde bei dieser Informationsveranstaltung zum Besten gegeben. Es war eine Zeit ohne Handys und Smartphones. Nicht einmal Fernseher oder Radios waren verbreitet – oder verbreiteten nicht die lokalen Nachrichten. Die Ortsdiener waren das Sprachrohr des Bürgermeisters. Der formulierte die Ankündigungen. Dass deren Annoncierung für den Ortsdiener nicht immer ganz einfach war, belegt eine Anekdote, die Wolfgang Graumann erzählt: Hilfswillige Männer sollten sich zur Arbeit an einem Transformatoren-Häuschen im Dorf einsammeln. Nur kam dem offiziellen Ausrufer der Begriff „Transformatoren-Häuschen“ nicht über die Lippen. Verhaspelt habe er sich und erneut Anlauf genommen. Dann, als er ein weiteres Mal gescheitert sei, habe er wütend aufgegeben: „Laad’s Fremdwörter – ans Stromhäusje solle de Mannskerle an neegste Samsdoog komme.“

Das passiert Monika Graumann aus Hintermeilingen nicht. Die Zeiten, in denen sich der Ortsdiener in die Dorfmitte stellte, um die Bürger zu informieren, sind lange vorbei. Monika Graumann klettert mit den Briefen aus dem Rathaus in ihr Auto und fährt die Empfänger ab. Rund eineinhalb Stunden dauert eine Tour. Bei zahlreichen Schriftstücken muss sie sich den Erhalt quittieren lassen. Das kostet Zeit. Wenn die drei regulären Zustelltage nicht reichen, hängt sie einen oder zwei an.

Mehr als 100 Kilometer legt sie jeden Monat mit ihrem privaten Auto zurück. Ein gewinnträchtiges Geschäftsmodell sei diese Tätigkeit nicht, sagt ihr Mann. Für 31 Arbeitsstunden im Monat erhält sie einen Bruttobetrag von 123,60 Euro. Der Stundenlohn liegt unter vier Euro. „Ein Hungerlohn, der die sachlichen Ausgaben nicht abdeckt“, kommentiert Wolfgang Graumann. „Ein Glück, dass die Gemeinde noch solche Idealisten hat!“

Der Idealismus von Monika Graumann reicht ins Jahr 1979 zurück. Vertretungsweise übernahm sie das Amt, als der damalige Amtsinhaber plötzlich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst schied. Nach zahlreichen Stellenausschreibungen habe sich niemand gefunden, und dann übernahm sie den Dienst komplett, erzählt sie. „Als ich als Ortsdienerin angefangen habe, hätte ich noch mit der Schelle durch den Ort laufen können“, erinnert sich Monika Graumann. „Doch mit ihren drei Pfund war mir diese zu schwer.“ Heute steht die Glocke beim Geschichtsverein Ellar im Haus Löhr. Die Leute zusammenschreien muss Monika Graumann nicht mehr. Aber wie das war, daran kann sie sich noch gut erinnern. Auch daran, dass sie anfangs als Ortsdienerin aufgeben wollte.

„Zu Beginn wollte ich hinschmeißen nach einem schweren Sturz, bei dem ich mir den Knöchel verletzt habe“, erinnert sich die Seniorin. Es war im Winter und die Straßen waren schlecht geräumt. Das habe sie sehr geärgert – aber sie blieb dabei. Ihr Pflichtbewusstsein überwog. Viermal gefallen Und tatsächlich ist die Unfallbilanz glimpflich. Viermal ist sie in den knapp 40 Jahren gefallen, habe sich aber nie ernsthaft verletzt. Dennoch ist ihre Familie nicht immer glücklich mit dem Engagement von Frau und Mutter. „Uns wäre es am liebsten, wenn sie damit aufhört“, sagt ihr Mann. Zumal sich die Arbeit der Ortsdienerin auf die Familie verlagert, wenn Monika verhindert ist – oder wenn besonders viel zugestellt werden muss.

Etwa bei den Wassergebührenbescheiden, sagt Wolfgang Graumann. „Dann bekommt jeder Haushalt Post und wir sind über sechs Stunden dran.“ Dennoch: Ortsdienerin Monika Graumann macht ihre Arbeit Spaß. „Ich kenne alle Leute im Ort“, sagt sie. „Ich weiß, wer umgezogen oder gestorben ist.“ Natürlich gebe es schon mal ärgerliche Situationen. „Wenn du schon kommst, gibt es nichts Gutes“, bekomme ich bisweilen zu hören, erzählt sie.

Dann schimpfen die Bürger bei ihr, weil der verstorbene Ehepartner seit zwei Jahren immer noch Post erhält. Sie meldet das im Rathaus und hofft, dass ihre Änderungen beim nächsten Mal berücksichtigt werden. Bis nächstes Jahr möchte sie noch als Ortsdienerin tätig sein, „solange es gesundheitlich geht“. 2019 wird Monika Graumann 70 Jahre alt. Dann hat sie vier Jahrzehnte lang die Informationen aus dem Rathaus an die Bürger übermittelt. Dann muss ein anderer die Tradition fortsetzen.

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