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Pensionäre sollen Lehrermangel bekämpfen

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Von: Sabine Rauch

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Deutsch lernen in Niederbrechener Willkommensklasse
Deutsch lernen in Niederbrechener Willkommensklasse © Sabine Rauch

Fast 500 Kinder aus der Ukraine sind inzwischen im Landkreis Limburg-Weilburg angekommen und müssen schon in die Schule gehen

Limburg-Weilburg -Eigentlich sah alles ganz gut aus, die Schulen waren sehr gut oder zumindest gut mit Lehrern versorgt, das Schulamt war zufrieden, es hatte ausgerechnet, dass die Unterrichtsabdeckung bei 103,7 Prozent lag - im Schnitt, wenn alle gesund sind, mit ein bisschen Puffer, falls mal jemand krank wird. Das war Anfang Februar, da war die Welt zwar nicht in Ordnung, schließlich grassierte eine Pandemie, aber es war noch kein Krieg in der Ukraine. Inzwischen lohnt es sich kaum noch, die durchschnittliche Unterrichtsabdeckung auszurechnen, denn die Situation ändert sich wöchentlich, eigentlich sogar täglich, denn es kommen immer mehr Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine dazu. Klar ist: Es fehlen Lehrer - und zwar jede Menge. So viele, dass die Schulen schon die Pensionäre anschreiben, ob sie nicht zurückkommen wollen.

Anfang der Woche hat das Staatliche Schulamt Weilburg in seinem Bezirk, also im Landkreis Limburg-Weilburg und im Lahn-Dill-Kreis, 62 neue Intensivklassen gezählt, Klassen, in denen vor allem Kinder aus der Ukraine unterrichtet werden, 29 sind es allein im Landkreis Limburg-Weilburg. Die Lehrer für diese Klassen fehlen dann woanders, genau wie jene mehr als fünf Dutzend, sie sich krank gemeldet haben - wegen Corona oder aus anderen Gründen. "Wir haben im Moment mehrere Großbaustellen", sagt Dirk Fredl, der Sprecher des Schulamtes: Die Pandemie, die steigende Zahl der Schüler mit besonderen Bedürfnissen, der Lehrermangel, die Abschlussprüfungen und dann noch die ganz normale zusätzliche Arbeit im Frühjahr: die Vorbereitung des kommenden Schuljahres.

Besonderer Bedarf

für 880 Schüler

Inzwischen werden rund 370 schutzsuchende Schüler aus der Ukraine an den allgemeinbildenden Schulen im Landkreis in Intensivklassen unterrichtet, dazu kommen noch rund 80 ältere, die in einer InteA-Klasse (von: Integration und Abschluss) an einer der beruflichen Schulen Deutsch lernen sollen. Hinzu kommen natürlich auch noch Schüler aus anderen Kriegs- und Krisengebieten der Welt: aus Syrien, Afghanistan, dem Irak oder der Türkei. Insgesamt werden jetzt rund 680 Schüler in 49 Intensivklassen, die meisten Schulen nennen sie "Willkommensklassen" und 160 Schüler in den zehn InteA-Klassen im Landkreis unterrichtet. Außerdem gibt es noch rund 40 Schüler, die eine der Grundschulen im Kreis besuchen, an denen sich die Einrichtung einer Intensivklasse nicht lohnt, sie sollen in Intensivkursen Deutsch lernen.

Denn darum geht es: Die Schüler, egal, woher sie kommen, sollen Deutsch lernen. "Ziel ist es, den Schülerinnen und Schülern Grundkenntnisse in der deutschen Sprache zu vermitteln, die in der Regel innerhalb von zwei Jahren dazu führen sollen, dass diese am Unterricht in den Regelklassen teilnehmen sollen", sagt Dirk Fredl. Und dafür braucht es Lehrer mit besonderen Qualifikationen. Russisch oder Ukrainisch müssen diese Lehrer nicht können, schaden tut es natürlich nicht. Aber "moderner Fremdsprachenunterricht geht davon aus, dass die Kinder und Jugendlichen am besten die neue Sprache lernen, wenn der Unterricht in dieser Sprache stattfindet - also auf Deutsch", sagt Dirk Fredl. Deshalb sei es auch nicht erforderlich, dass die Lehrkräfte in den Intensivklassen alle Muttersprachen der dort unterrichteten Kinder und Jugendlichen beherrschen.

Notwendig: "Deutsch

als Fremdsprache"

Aber sie müssen "Deutsch als Fremdsprache" unterrichten können. Seit ein paar Jahren steht das an den Unis verpflichtend auf dem Lehrplan, aber eben erst seit ein paar Jahren. Jetzt sind Lehrer mit dieser Zusatzqualifikation gesucht und Männer und Frauen, die gerade ihren pädagogischen Vorbereitungsdienst (früher hieß das Referendariat) beenden, haben sehr gute Chancen, eine sichere Stelle zu finden. Denn die Schüler aus der Ukraine werden ja vermutlich nicht alle in ein paar Monaten wieder nach Hause zurückkehren können.

"Im Moment kriegen die Schulen das gerade so hin", sagt Dirk Fredl. Aber es hätten auch schon einige signalisiert, dass sie es nicht mehr lange hinkriegen. Nicht nur personell, sondern auch räumlich wird es eng. Viele Stunden müssen schon in Besprechungsräumen stattfinden, manche Schulen haben Fachräume umfunktioniert, einige überlegen, Bürgerhäuser zu nutzen. "Wir können nicht ausschließen, dass wir Schulen über die Raumkapazitäten hinaus belegen müssen", sagt Dirk Fredl.

Schon jetzt haben viele Schulen zwei Intensivklassen aufgemacht, manche sogar drei. Mehr als drei sollten es aber auch nicht werden, sagt Dirk Fredl. "Das ist dann räumlich und personell nicht mehr zu stemmen." Aber was ist, wenn immer mehr Kinder auf der Flucht sind? Bislang habe sich noch keine Schule geweigert, Schüler aufzunehmen - im Gegenteil: Viele Schulen hätten sich gemeldet und ihre Bereitschaft erklärt. "Es ist sehr schön zu sehen, dass die Schulen sich dieser Aufgabe auch noch stellen", sagt Dirk Fredl. Und dass, obwohl sie schon seit Monaten im Krisen-Modus sind. "Das Schulamt versucht, sie so gut es geht zu unterstützen."

Auch bei der nächsten Herausforderung: Seit Montag soll in den Schulen ukrainischer Kultur- und Sprachunterricht angeboten werden. Dafür werden noch Lehrer gesucht. Und die müssen auch Ukrainisch oder Russisch können.

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