1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg

Rhein-Lahn: "Dann sind wir um unser Leben gerannt"

Erstellt:

Kommentare

Ludmila Nosenko und Viktor Shpichko aus der ukrainischen Stadt Tschernihiw haben es nach Deutschland geschafft.
Ludmila Nosenko und Viktor Shpichko aus der ukrainischen Stadt Tschernihiw haben es nach Deutschland geschafft. © Dolke, Katerina

Wie Ludmila Nosenko und Viktor Shpichko die Flucht gelingt

Fachingen/Tschernihiw -"Da die zwei Autobrücken durch die Bombenanschläge zerstört worden waren, mussten wir die Fußgängerbrücke nehmen. Sie war zum Teil auch zerstört, aber noch begehbar. Und dann haben sie angefangen, uns mit "Grad" (Raketenwerfer) zu beschießen."

Diese Sätze könnten in einem historischen Kriegsroman zu lesen sein. Nun sind das aber keine Äußerungen, die aus einer Freizeitlektüre stammen oder aus der Fantasie eines Schriftstellers. Diese Sätze sind ein Zitat aus der Erzählung eines älteren Ehepaares aus der Ukraine über ihren ersten fehlgeschlagene Versuch, sich aus der umzingelten Stadt Tschernihiw zu retten. Die Fachinger Musikerin Katerina Dolke hat Kontakt zu dem Ehepaar und berichtet hier über ihren Kampf ums Überleben.

Ludmila Nosenko und Viktor Shpichko sind seit 14 Jahren verheiratet. "Ich habe Viktor auf der Straße gefunden", lacht die 68-jährige Lehrerin. "Mein Fahrrad war kaputt, und ich habe Viktor gefragt, ob ich das vielleicht vor seinem Haus abstellen dürfte. So sind wir ins Gespräch gekommen." Viktor, diplomierter Flugzeugingenieur und Dozent an einer technischen Hochschule, ist ein passionierter Fahrradmeister. Stolz zeigt er ein Video auf YouTube, in dem er ein aus verschiedenen elektrischen Fahrrädern zusammengebautes Gefährt präsentiert. Auch für die zahlreichen Freunde und Verwandten stand sein Fahrradwerkstatt immer offen.

"Wir wurden mit allem beschossen"

"Die Stadt war eingekreist. Tschernihiw liegt zwischen Kiew und Gomel in Weißrussland. 150 Kilometer bis nach Kiew und etwa 90 Kilometer bis Gomel. Und aus Gomel wurden wir mit allem beschossen, mit Bomben, mit Minen, mit allem. Über einen Monat haben wir in der eingekreisten Stadt verbracht. Gewohnt haben wir im Keller. Viktor hat uns ein Bett gebastelt, auf dem ich mit der Nachbarin geschlafen habe. Wir hatten kein Wasser, keine Heizung und keinen Strom, aber Gas war merkwürdigerweise da", erzählt Ludmila. "Nie habe ich gedacht, dass ich das Brot vermissen werde. Normalerweise esse ich das kaum", beschreibt sie ihre Eindrücke weiter. "Als ich das erste Mal nach Kriegsbeginn in den Laden kam, waren da nur Gewürze in den Regalen", lacht sie bitter. Danach waren die Geschäfte zu, die Menschen haben sich von Konserven und anderen Vorräten ernährt. "Auf der Datscha hatten wir noch Kartoffeln. Wir mussten es zwischen den Beschüssen heil dahin und zurück schaffen."

Trotz menschenunwürdigen Umstände konnten sich Viktor Shpichko und Ludmila Nosenko zunächst nicht zur Flucht entschließen. "Wegen unseres Katers", sagt Ludmila und eine tiefe Trauer legt sich auf ihr Gesicht. "Er war schon 16 Jahre alt und ich wusste, er würde die Flucht nicht schaffen. Inzwischen ist er verstorben."

Am 13. April war es dann so weit. Sie hatten sich entschlossen zu fliehen, weil sich alle vor einem Flächenbombardement gefürchtet hatten, das Putin vielleicht am 9. Mai durchführen lassen würde. Zusammen mit der Nachbarin hatten sie sich auf die einzig noch begehbare Brücke begeben, um von dort von freiwilligen Helfern abgeholt zu werden. Aber dazu kam es nicht. "Um wieder mit dem Helfer zu telefonieren, wann wir abgeholt werden, habe ich mich etwas von der Gruppe entfernt, da war der Empfang besser. In diesem Moment hat direkter Beschuss angefangen. Ich habe gesehen, wie die Nachbarin zur Boden gegangen ist und dachte mir, wie klug sie sei, wissend, dass man sich beim Beschuss auf den Boden werfen muss", erinnert sich Ludmila. "Erst hinterher habe ich erfahren, dass sie durch die Druckwelle zu Boden geworfen worden war. Der neben uns stehende Wachsoldat war an der Hand verletzt worden. Meine auf meinem Platz gelassene Tasche wurde durch die Streumunition an vier Stellen durchschlagen."

"Und dann sind wir um unser Leben gerannt, nur gerannt. Ich weiß nicht mehr, wie wir angekommen sind, das war wie auf Autopilot geschaltet", berichtet die Erzählerin sichtbar erschüttert.

Der zweite Versuch des Ehepaars, nach Deutschland zu kommen, war dann erfolgreich. Die Nachbarin hat sich dem nicht mehr angeschlossen - der gescheiterte Versuch war für sie ein Zeichen, dass sie nicht gehen solle, berichten Ludmila und Viktor.

Das Ehepaar fühlt sich in Deutschland sehr wohl. Auch hier nimmt sich Viktor defekte Fahrräder vor - Flohmärkte und Secondhand-Läden bieten ihm eine gute Plattform. Gerne würde er sich mehr für die Gesellschaft und auch für die Geflüchteten aus der Ukraine engagieren und hat schon so viele Ideen, dass seine Frau ihn etwas zügeln muss. Mit dem 9-Euro-Ticket haben sie schon mehrere Städte Deutschlands erkundet, ohne Angst vor der fremden Sprache oder dem Umsteigen. Nach dem Erlebten im Krieg haben sie vor nichts mehr Angst.

Auch interessant

Kommentare