Auch im Rhein-Lahn-Kreis gab es schon Wolfssichtungen.
+
Auch im Rhein-Lahn-Kreis gab es schon Wolfssichtungen.

Wölfe im Rhein-Lahn-Kreis

"Nie vor einem Wolf weglaufen" – Experten geben Tipps zum Umgang

  • vonMariam Nasiripour
    schließen

Der Wolf siedelt sich wieder in Deutschland an, auch in Hessen. Experten diskutieren online über den Umgang mit dem Urvater des Hundes.

Rhein-Lahn – Der Wolf ist wieder zurück in Deutschland und auch im Rhein-Lahn-Kreis. Galt der Urvater des Hundes lange Zeit als ausgerottet, steigerte sich seine Population durch Zuwanderung aus den Nachbarländern. Wölfe gibt es heute vor allem in Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern. Aber auch in Hessen, Thüringen, Rheinland-Pfalz und Bayern wurden bereits Tiere gesichtet.

Was bedeutet das für die Menschen und die Nutztierhalter im Landkreis? Darüber diskutierten jetzt Experten beim Digitalen Rhein-Lahn-Forum.

Wölfe im Rhein-Lahn-Kreis erstmals 2012 gesichtet – Land Hessen plant mit ihnen seit 2015

"Bereits 2012 konnten Wölfe im Rhein-Lahn-Kreis nachgewiesen werden", erklärte Christine Fabricius, Artenschutzreferentin des Landes Hessen. So habe das Land 2015 ein Management-Plan für den Umgang mit den Tieren erstellt. Daraus gehe hervor, dass Nutztiere nur zwei Prozent der Nahrung des Wolfes ausmachten. Wild sei nach wie vor die Hauptnahrungsquelle dieser Tiere.

Außerdem ist darin von Ausgleichszahlungen bei gerissenen Tieren die Rede, die nachweislich durch einen Wolfangriff verursacht wurden. Entschädigt werden auch Folgeschäden, die im Betrieb des Tierhalters entstanden sind, wie Zäune oder die Entsorgung des Tierkadavers. Sogar die Arztkosten bei einem verletzten Tier werden übernommen. Das Gleiche gilt für Herdenschutzhund, der durch einen Angriff zu Schaden gekommen ist.

Um solche Angriffe zu vermeiden, gibt es auch Präventionsmaßnahmen, die vom Land Rheinland-Pfalz gefördert werden. Dazu zählen die Förderung von Elektrozäunen und die Kostenübernahme bei der Zertifizierung von Herdenschutzhunden. "Nach Erfahrungen in weiteren Ländern Europas stellen Herdenschutzhunde in Kombination mit Elektronetzzäunen den bestmöglichen Schutz gegen Übergriffe von Wölfen auf Weidetiere dar", heißt es im Management-Plan.

Wölfe in Hessen und ganz Deutschland: Rückkehr dieser Tiere war überraschend

Professor Heribert Hofer, Direktor des Leibnis-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung im Forschungsverbund Berlin, erklärte, dass die Wissenschaft vom Auftauchen des Wolfes völlig überrascht wurde. Sie hätte nie gedacht, dass sich die Tiere in dicht besiedelte Gebiete wagen würden. Zwar wachse die Population der Wölfe in Europa, allerdings in unbewohnten und menschenleeren Gebieten. In Sachsen zum Beispiel hätten sich Wölfe in ehemaligen Truppenübungsplätzen angesiedelt.

Während die Wissenschaftler das Auftauchen des Wolfes als faszinierend und interessant empfinden, verfolgt Kreisjagdmeister Rüdiger Klotz die Entwicklung mit Sorge. Er betonte, dass die Population des Wolfes immer weiter steigen würde und fragte: "Wo soll das hinführen?"

Klotz sprach auch ein weiteres Problem an, dass in Zusammenhang mit der Rückkehr des Wolfes steht: die Jagd. Er erklärte, dass das Auftauchen der Raubtiere dazu führe, dass sich das Wild scheuer verhalte und schwerer zu jagen sei. Das wiederum führe dazu, dass sich Waldgebiete mit einer Wolfspopulation schwerer verpachten ließen.

Wölfe in Hessen: So verhält man sich richtig bei einer Begegnung

Dem stimmte Professor Hofer zu und fügte hinzu, dass die Anwesenheit des Wolfes im Wald zu einer Verhaltensveränderung bei anderen Tieren führe. Das Phänomen sei in anderen Ländern, wie in den USA oder den skandinavischen Ländern, bereits bekannt. In Deutschland sei das jedoch noch nicht gut untersucht worden, so Hofer.

Einig waren sich alle Referenten einig, dass der Wolf die Nähe zum Menschen meidet. Dazu meldete sich aber der Kreisjagdmeister und sagte, dass es bei den Wölfen in Rheinland-Pfalz und im Landkreis anders sei. Diese hätten schon längst keine Angst mehr vor den Menschen, sondern seien vielmehr neugierig auf ihn. Das bedeute, so Klotz, aber nicht, dass die Tiere eine Gefahr darstellten. Dennoch würden es die meisten so empfinden und als Reflex weglaufen.

Aber genau das darf man bei einer Begegnung mit einem Wolf auf keinen Fall tun. Dies betonte die Expertenrunde. "Das fördert nur den Nachfolgereflex des Tieres, wie bei einem Hund", sagten Klotz und Hofer. Viel sicherer sei es, ruhig zu bleiben, auf die Reaktion des Tieres warten und sich langsam und ruhig entfernen.

Moritz Schmitt von der Stiftung Natur und Umwelt hatte auch eine Empfehlung für alle Weidetierhalter, wie sie ihre Tiere vor dem Angriff eines Wolfes schützen könnten. Diese sollten die Weide mit einem Elektrozaun umgeben. Entgegen aller Vermutungen würden Wölfe es vermeiden, über Zäune zu springen, fügte er hinzu. Sie würden sich eher unter den Zaun durchwühlen. Deswegen sollte auch ein Unterwühlschutz nicht fehlen.

Beim Digitalen Rhein-Lahn-Forum diskutierten Experten über das Phänomen Wolf und seine Rückkehr nach Deutschland.

Der größte Feind des Wolfes in der Zivilisation: Autos

Wie Christine Fabricius erklärte, sind die Wölfe aus Westpolen nach Deutschland zurückgekehrt. Doch längst lasse sich das nicht mehr so einfach sagen, denn der Wolf wandere mittlerweile aus allen Himmelsrichtungen nach Deutschland ein.

In einer kurzen Skizzierung nannte Dr. Kristin Kosche, Biologin des Rhein-Lahn-Kreises, einige Fakten zum Wolf. So wurden die letzten ursprünglich vorkommenden Wölfe in Deutschland bis 1850 ausgerottet. Der Wolf sei ein Rudeltier. Ein Rudel bestehe aus Eltern- und den Jungtieren aus den Vorjahren. "Der Wolf pflanzt sich nur einmal im Jahr zwischen Januar und März fort. Nach einer Tragzeit von 61 bis 64 Tagen kommen die Jungen, meist vier bis sechs Welpen, in einer Wurfhöhle zur Welt", erklärt die Biologin. Die Tiere bewohnen ein Territorium von 150 bis 350 Quadratkilometer. Laut Moritz Schmitt wird ein Territorium von nur einem Rudel bewohnt.

Dr. Kosche sagte auch, dass die meisten Wölfe in Deutschland durch Verkehrsunfälle ums Leben kommen. Seit dem Jahr 2000 waren das 422 Tiere. Durch illegale Tötung starben 53 Tiere. Vier Wölfe wurden legal getötet und 45 starben einen natürlichen Tod. Nur bei 32 sei die Todesursache unklar. (Mariam Nasiripour)

Der Wolf beschäftigt nicht nur den Rhein-Lahn-Kreis: Im vergangenen Jahr wurden Wölfe in verschiedenen Teilen von Hessen gesichtet – bis Ende Juni allein 31 Mal, wie das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie damals mitteilte.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare