Das ist die von 31 früheren und aktiven Mitgliedern der Domsingknaben unterzeichnete Richtigstellung im Wortlaut

Zum Konflikt der Limburger Domsingknaben: Eine Richtigstellung Hat man alle Artikel samt Kommentaren in dieser Zeitung zum Thema gelesen und gehört, was „auf der Straße“ kursiert, so fallen einige Dinge auf, die klargestellt werden müssen:

1. Personen, die nichts mit der jetzigen Situation der Domsingknaben zu tun haben, sollten am Besten das wahren, was sie momentan zum Chor haben: Abstand. Dass dieses interne Problem der Domsingknaben an die Öffentlichkeit geriet, war der letzte Schritt eines seit 2017 andauernden offenen Konflikts innerhalb des Chores und seiner Leitung. Es war keine Einladung für Außenstehende, die Sorgen und Ängste der Jungen kleinzureden oder gar zu missachten. Vielmehr sollte die Öffentlichkeit auf den untragbaren Zustand dieser öffentlichen Institution aufmerksam gemacht werden.

2. Innerhalb der Zeitung wurden die Meinungen zum Großteil durch Eltern vertreten; die Stimmen der Sänger selbst wurden nicht gehört. Doch es geht in diesem Fall nicht um die Eltern, es geht um die Jungen. Die Frage ist, ob die Knaben- und Männerstimmen sich unter Herrn Bollendorf wohl und verstanden fühlen, ob sie unter ihm Spaß an der Musik haben, ob sie unter seiner Leitung Gemeinschaft und Zusammenhalt empfinden können, und nicht, ob die Eltern gut mit Herrn Bollendorf zurechtkommen. Denn die Eltern müssen nicht fast täglich unter ihm singen. Deshalb sind auch die Eltern gebeten, so schwer es manchen auch fällt, sich selbst für das Wohl ihres Kindes zurückzunehmen.

3. Die Austritte der letzten Wochen sind die allerletzte Konsequenz einer gescheiterten Lösungssuche. Die teils unter Tränen ausgetretenen Jungen, für die der Chor größtenteils mehr als die Hälfte ihres bisherigen Lebens Heimat war, sind zu bewundern, dass sie so lange durchgehalten haben. Wenn sie jetzt dargestellt werden als diejenigen, die dem Chor am meisten schaden, wird das ihrem Engagement der letzten Jahre in keinster Weise gerecht und entwürdigt sie aufs Tiefste.

4. Wer dem Chor hingegen nachweislich diesen Schaden zugefügt hat, ist Domkantor Andreas Bollendorf. Seinetwegen sind bereits im Jahr 2015, seinem ersten Halbjahr im Amt, die ersten Jungen ausgetreten. Wenn ein Chorleiter neu in ein eingespieltes und funktionierendes System tritt, das zuvor auf Disziplin, Ordnung und Respekt beruhte, ist es nachvollziehbar, dass unten beschriebene Handlungsweisen zu Konflikten führen. Nach einer halbjährigen „Annäherungsphase“ wurden die ersten Stimmen laut, die so nicht mehr unter Bollendorf singen wollten. Kritikpunkte der ersten Stunde waren seine suggestive Pädagogik, die Auswahl der Literatur, seine (Un-) Fähigkeiten im Bereich der Organisation und die Qualität des Chores.

a) Sein pädagogischer Stil war geprägt davon, dass er „nicht streng sein“ wollte. Dadurch begann schon zu Beginn seiner Amtszeit ein Prozess, der ihn seine Autorität kostete. Anfang 2016 sprach Herr Bollendorf mit den Männerstimmen über eine mögliche „Probenfreizeit“ im Oktober 2016, die von einigen vehement abgelehnt wurde. Dennoch fand sie als „Chorfreizeit in Naurod“ statt (Jahresbericht 2016, S. 13). So wurde nicht nur der Respekt vor ihm, sondern auch das Vertrauen in ihn schon früh beschädigt. Tugenden und Werte wie Pünktlichkeit, Klarheit, Aufrichtigkeit, Respekt, die bei Herrn Knubben an oberster Stelle standen, konnten so nicht an den Chor vermittelt werden. Es kommt hinzu, dass Herr Bollendorf eine ganz andere Vermittlung von Gesang vertritt als Herr Knubben und Herr Gries: Er arbeitet viel mit Vorstellungen („Über die Mauer singen“, „Mit Silberstaub auf den Wangen“), während sein Vorgänger und vor allem der Stimmbildner sehr technisch und direkt unterrichteten. Das führte ebenfalls sehr früh zu Problemen der Sänger.

b) Die Auswahl an gesungenen Stücken war häufig Thema in Auseinandersetzungen: Die „Missa Papae Marcelli“ wurde mehrfach in Domgottesdiensten und Konzerten aufgeführt (kein einziges Mal vollständig), was von Männerstimmen heftig kritisiert wurde; zeitgenössische Literatur wie Mancusis Johannes-Passion oder Józef Swiders „Jubilate Deo“ wurde von den Sängern teils sehr negativ kommentiert („So ein Scheiß!“); dennoch beharrte Bollendorf auf den Stücken, die (wie im Falle der Passion) partiell in kleineren Gruppen (Halbchor, Ensemble) aufgeführt wurden, da die Probenzeit zu knapp oder das Stück zu schwer war. Zahlenmäßig ist die neu einstudierte Literatur in den Jahren 2015/16, 2017 und 2018 nicht hoch beziffert (28/26/44 Stücke sind in den Jahresberichten vermerkt), darunter insgesamt 16 Messen (jeweils auszugsweise, immer ohne Credo), vier davon mit Ensemble-oder Orchesterbegleitung. Ein Vergleich der Zahlen zeigt in den letzten beiden Jahren unter Knubben (2013/2014) wesentlich mehr Einträge „Erarbeitete[r] Chorliteratur“ (221/153), darunter zwar Übereinstimmungen, aber auch 17/10 Messen (größtenteils vollständig, samt Credo), worunter insgesamt fünf Orchestermessen sind. Dies spricht für eine musikalische Vielfalt, die unter der Leitung von Herrn Bollendorf verkümmert ist.

c) Die schlechte Organisation wurde ersichtlich aus dem Mail-Verkehr, der wöchentlich die Eltern und Jungen erreichte und durch teilweise täglich veränderte Abfahrtszeiten Orientierungslosigkeit stiftete. Hinzu kamen die Ansagen während der Chorprobe, die manchmal zu Beginn andere waren als zum Ende der Probe. Es kam vor, dass niemand, nicht einmal das Chorbüro, sich sicher war, wann man losfahre, und dass sich Abweichungen von bis zu zwei Stunden ergaben. Außerdem waren die Konzertreisen nicht gut strukturiert; ein Tag Freizeit wechselte sich mit einem vollgepackten Tag mit Konzert ab. Dass die Sänger sich ihr Mittagessen selbst kaufen mussten, war man auch nicht gewöhnt, zumal das Taschengeld, das nur begrenzt mitgenommen werden durfte, doch eigentlich für Souvenirs etc. geplant war.

d) Die Qualität eines Chores lässt sich nur schwer objektiv beurteilen. Dennoch kann man beispielsweise auf die neue CD der Domsingknaben hinweisen: Homogenität, klangliche Vielfalt und intonatorische Sauberkeit sind wohl drei grobe Kategorien, die seit Längerem vom Chor nicht sehr gut ausgefüllt werden. Als weiterer Indikator lässt sich die Anzahl der Auftritte nennen: 2016 waren es 46, 2017 49 und 2018 48. Unter Knubben hatte der Chor 2013 insgesamt 90, 2014 70. Auch die Qualität war unbestreitbar hoch, das bezeugen nicht nur diverse Aufnahmen, sondern auch die unterschiedlichsten Einladungen aus der ganzen Welt.

5. Ein kleiner Überblick über die Entwicklung des Konfliktes: Es zeigte sich in Gesprächen seit 2016, dass Herr Bollendorf zwar zu solchen bereit war, diese aber zu keinem Ergebnis führten, außer dass er bei seinem Standpunkt verblieb und die Gesprächspartner (zumeist Männerstimmen) frustriert und enttäuscht waren. Nach einem Gespräch im September 2017, für das die gesamte Probe der Männer verwendet wurde, in dem Herr Bollendorf jedoch alle Vorwürfe mit „Nein, das stimmt nicht.“ oder „Nein, das sehe ich ganz anders.“ abtat, erwies es sich, dass Herr Bollendorf die Probleme, die die Jungen mit ihm haben (s.o.), nicht anerkennt und ernstnimmt; er blieb dabei, dass es keine Probleme gibt. Daraufhin setzte dann ein (betrieblicher) Mediationsvorgang ein. Da nach dieser Supervision keine Konsequenz oder Verbesserung eintrat, wurden die Ansichten innerhalb der Sänger radikaler: „Bollendorf muss gehen“, hieß es auf einmal. Im Sommer 2018 verließen 6 Männerstimmen regulär den Chor, darunter Stimm-und Meinungsführer, eben die „Ältesten“. Im Herbst entwarfen Knaben dann das plakative BMW (Bollendorf muss weg) und wenig später AMG (Alle mögen Gries/ Andi muss gehen). Schon zuvor standen an der Tafel Schriebe wie „Soll Bollendorf gehen? Ja oder Ja“, die Herr Bollendorf gesehen und kommentarlos beseitigt hat. Nach der USA-Reise (Anfang Oktober) und der Konzertfahrt ins Saarland (Anfang November) ging es mit Hochdruck an die Proben für die Advents-und Weihnachtszeit. Hochdruck trifft es gut, denn die Knaben standen unter massivem Druck durch den Chorleiter, da er zu schwere Stücke für zu wenig Zeit geplant hatte und die Knaben zu diesem Zeitpunkt durch seine Art von Gesang nicht dazu in der Lage waren, klar und selbstbewusst zu singen. Nach dem Weihnachtskonzert am zweiten Weihnachtsfeiertag und der anschließenden Skifreizeit Anfang Januar 2019, zeigten sich die „Früchte“ seiner Arbeit: Ein Junge verließ den Chor, der von Herrn Bollendorf massiv unter psychischen Druck gesetzt wurde, andere folgten ihm, weil sie in die Mediation durch das Domkapitel keine Hoffnungen hatten.

6. Dass das Domkapitel nach einer betrieblichen Mediation und diversen Gesprächen mit den Jungen selbst, die beide seinen Weggang forderten, noch immer meint, Herr Bollendorf ist gut für die Limburger Domsingknaben, wirft eine Frage auf, die schon 2016 im Chor aufkam, als gegen den Willen der Sänger Fahrten, Literatur etc. beschlossen wurden: „Wer ist der Chor? Die Sänger oder Herr Bollendorf?“ (siehe auch 2., es geht um die Sänger!) Insgesamt scheint es, als wäre eine Mediation für das Domkapitel ausreichend, und man müsse nichts an der Situation ändern. Dass nun ein „Leitungsteam“ einberufen wurde, das aus Chorleiter, Stimmbildner und pädagogischem Leiter besteht, verbessert die Lage leider nicht, da die beiden Letztgenannten noch immer dem Direktor der Domsingknaben unterstellt sind. Auch die Probleme innerhalb der Elternschaft zu besprechen ist nicht möglich, da das Domkapitel dieses Thema bei der letzten Elternversammlung verboten hat. Es entsteht mehr und mehr der Eindruck, die hohen Domherren möchten diese missliche Lage aussitzen anstatt sie zum Wohle der Jungen zu verändern. Man entscheidet sich also entweder für Herrn Bollendorf als Leiter, dann wird der Chor vermutlich die nächsten Jahre Probleme im A-Chor hinsichtlich der Männerstimmen und vielleicht auch der Knabenstimmen bekommen, oder man entscheidet sich für die Knaben- und Männerstimmen. Beim Konflikt der Limburger Domsingknaben stehen zurzeit mehr als nur persönliche Befindlichkeiten auf dem Spiel. Es geht um das emotionale Wohl dutzender Kinder und Jugendlichen, es geht um das Vertrauen in die Institution Kirche und nicht zuletzt geht es um die Limburger Domsingknaben und ihre Musik.

Gezeichnet: Daniel Baumgärtner, Leo Bäumlisberger, Benedikt Blech, Anton Drossel, Jonathan Drossel, Johann Escher, Niclas Gehringer, Nils Gensior, Leonard Götz, Lars Greff, Matthias Hannappel, Emanuel Hecker, Sebastian Hecker, Luis Heep, David Höhler, Martin Höhler, Richard Kalbskopf, Sebastian Lampert, Jonas Mester, Lukas Müller, Laurenz Nettesheim, Brian Pott, Marc Rothhardt, Christoph Rudolph, Robert Schäfer, Ben Scherer, Paul Scherer, Jakob Sommer, Leon Streubel, Fabian Töppel, Luca Voll.

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