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Michel Kremer, parteiloser Ortsvorsteher, möchte am 26. Mai Bürgermeister von Runkel werden. 

Bürgermeister-Wahlen in Runkel

Dieser Mann möchte am 26. Mai Runkels neuer Bürgermeister werden

Michel Kremer, parteiloser Ortsvorsteher und jüngster Kandidat, möchte am 26. Mai Bürgermeister von Runkel werden.

Runkel - Die langen Haare, die will sich Michel Kremer vorerst nicht abschneiden lassen. Und auch der Vollbart soll bleiben. „Es wäre unglaubwürdig, wenn ich mein Äußeres nur für eine Kandidatur verändern würde“, sagt er. „Wenn ich aber zum neuen Bürgermeister von Runkel gewählt werde, dann überlege ich mir das. Vielleicht kann man die Haare ja für einen guten Zweck versteigern“, lacht der 33-Jährige. 

Wahlplakate, auf denen er Sakko trägt, werde es nicht geben. Talent und Ideen – damit will er die Runkeler überzeugen. Michel Kremer entspricht ganz und gar nicht dem Klischee eines Politikers. Nicht nur äußerlich. Seine Liebe gilt den schönen Künsten, der Schauspielerei und der Literatur. Schon als Schüler der Limburger Tilemannschule hat er auf den „Brettern, die die Welt bedeuten“, gestanden. 

Michel Kremer ist begeisterter Hobby-Schauspieler

Ein Hobby, das er als Zweiter Vorsitzender des Jugendwanderbunds „Lahngold“ bis heute pflegt. Mit großer Hingabe, denn bis zur Premiere in diesem Sommer muss die Hauptrolle in Molières Komödie „Der eingebildet Kranke“ sitzen. „Ich habe 370 Einsätze zu spielen“, erzählt Kremer. „Das ist eine echte Herausforderung.“ Schauspielerisches Talent hat der Runkeler schon mehrfach gezeigt, so etwa in der Rolle des Pyramus in Shakespeares Komödie „Ein Sommernachtstraum“. 

Die vielleicht größte Rolle seines Lebens steht Michel Kremer aber womöglich noch bevor: Er will Bürgermeister von Runkel werden. Auf den Geschmack an der Politik ist der 33-Jährige vor drei Jahren gekommen. Als parteiloses Mitglied der SPD-Fraktion wurde er nicht nur ins Stadtparlament von Runkel gewählt, sondern auch noch gleich zum neuen Ortsvorsteher der Kernstadt. In dieser Zeit hat er gelernt: 

Michel Kremer vermisst Konsens in der Stadtpolitik von Runkel

„Man kann viel bewegen – wenn man sich einig ist.“ Diese Einigkeit jedoch vermisst er in der Stadtpolitik – ein Zustand, für den er zu einem guten Teil auch den aktuellen Bürgermeister Friedhelm Bender (SPD) verantwortlich macht. „Ich würde gerne die Polarisierung im Parlament überwinden“, sagt Kremer. „Man muss miteinander reden, um zu gemeinsamen Lösungen zu finden“, ist er überzeugt. 

Überzeugt ist der 33-Jährige auch davon, dass er der Richtige ist, um die Parteien an einen Tisch zu bekommen. „Ich bin rhetorisch nicht allzu ungeschickt, kann gut mit Menschen reden, und eine gewisse Empathie würde ich mir auch zusprechen“, sagt er. Lösungen wolle er nicht vorgeben, sondern gemeinsam mit anderen finden. Probleme habe Runkel genug, findet Michel Kremer. Und über allen stehe der demografische Wandel, also der Rückgang der Bevölkerungszahl. 

Michel Kremer möchte junge Menschen für Runkel gewinnen

„Runkel hat in den letzten Jahren die Einwohnerzahl von Hofen verloren“, sagt er. „Dem können wir nicht länger zusehen, sondern müssen entgegenwirken.“ Jeder Stadtteil brauche ein Neubaugebiet, um junge Familien in die Stadt zu bekommen. Auch neue Gewerbeflächen seien notwendig. Ausbauen will Kremer die digitale Infrastruktur, die aus seiner Sicht bisher stiefmütterlich behandelt wurde. Es könne nicht sein, dass beispielsweise in Wirbelau und Eschenau Handy-Empfang nach wie vor schlecht sei. 

Besseres Marketing für Runkel, fordert Ortsvorsteher Michel Kremer

Wichtig sei auch ein besseres Marketing für Runkel. „Da muss was passieren“, sagt Kremer. „Runkel ist schön, es muss nur bekannter werden.“ Der Wettbewerb unter den Kommunen ist aus Kremers Sicht in vollem Gange. Die Frage müsse daher lauten: „Warum zieht ein Neubürger nach Runkel und nicht nach Oberbrechen oder Villmar?“ Die Erfahrung des Kultursommers im vergangenen Jahr habe eines deutlich gemacht:

„Runkel hat noch Potenzial.“ Ein solches Event könne er sich alle paar Jahre vorstellen, wobei auch die Ortsteile eingebunden werden sollten. Von Kultur versteht Michel Kremer etwas, hat sie doch sein bisheriges Berufsleben bestimmt. Er hat deutsche und englische Literatur sowie Kulturwissenschaften an der Justus-Liebig-Universität Gießen studiert und mit dem Master abgeschlossen. 

Kremer schreibt an seiner Doktorarbeit

Derzeit schreibt er an seiner Doktorarbeit, die er aber wegen des aktuellen Wahlkampfes zunächst auf Eis gelegt hat. An der Uni Gießen nimmt er einen Lehrauftrag wahr, außerdem arbeitet er an diversen Schulen als Ersatzlehrer. „Ich habe eine pädagogische Ader und kann gut erklären“, sagt Michel Kremer. Schon als Schüler habe er Nachhilfestunden gegeben. 

Doch nicht nur für Literatur und Kultur interessiert sich der 33-Jährige, auch Physik, Mathematik und Naturwissenschaften faszinieren ihn. „Ich bin sehr neugierig und ein großer Fan des Lernens“, sagt er. Zu seinen Lieblingsautoren zählt beispielsweise Edgar Allan Poe. „Am besten abends alleine, dass sich einem die Haare aufstellen“, sagt er. 

Früher spielte er Fußball beim FSV Runkel

Ebenso liebt er Hermann Hesse, besonders den Roman „Demian“, dessen Sprachmelodie für ihn „ein einziger Genuss“ sei. Michel Kremer ist aber nicht nur ein Mann des Geistes, für den die Politik die „Umwandlung von Nichtsein in Sein“ ist, sondern auch jemand, der gerne in Bewegung ist. Als Jugendlicher spielte er lange Zeit Fußball im FSV Runkel – in der Position des Liberos und Stürmers – bis er Probleme mit dem Knie bekam. 

Kremer fühlt sich Runkel verbunden

Heute hält sich der 33-Jährige mit Tischtennis und Badminton fit. Verbundenheit zur Heimat ist ein weiterer wichtiger Aspekt in Kremers Leben. Nicht nur, dass er regelmäßig nach Gießen pendelt. Vor vier Jahren, erzählt er, habe er sich bewusst dafür entschieden, sein Leben in Runkel zu verbringen. Dazu gehört neben dem Theaterspiel auch, dass er alljährlich als Betreuer am Zeltlager des Turnvereins Runkel mitwirkt. Die Kinder und Jugendlichen kennen Michel Kremer als Moderator des bunten Abends und als Betreuer einer Spielegruppe. 

Der jüngste Bürgermeisterkandidat von allen

Seit seinem neunten Lebensjahr nimmt er an den Zeltlagern des Vereins teil. Dass er unter allen Bürgermeisterkandidaten der mit Abstand jüngste ist, sieht Michel Kremer nicht als Nachteil – im Gegenteil. „Wenn ich noch 40, 50 Jahre mit jetzt getroffenen Entscheidungen leben muss, zwingt mich dies, besser darüber nachzudenken“, sagt er. Und weitere sechs Jahre auf eine Kandidatur warten, das habe er mit seinem Gewissen nicht vereinbaren können. Angesichts der Probleme in Runkel fühle er sich zu seiner Bewerbung geradezu verpflichtet“, sagt Kremer.

Von Rolf Goeckel

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