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Fast 400 Zuschauer verfolgten in der Stadthalle eine spannende politische Diskussion der vier Bürgermeisterkandidaten.

Wahl

Vier Kandidaten beantworten in einer Podiumsdiskussion Fragen - Wer ist der beste Bürgermeister?"

Neue Baugebiete, Tourismus, die Verkehrssituation in Wirbelau und jede Menge Ärger in Ennerich - bei der NNP-Podiumsdiskussion zur Bürgermeisterwahl am 26. Mai hatten vier Kandidaten viel zu diskutieren. In vielen Fragen herrschte Einigkeit, es gab aber auch kritische Töne.

Runkel - Rund 400 Bürger haben am Dienstagabend auf Einladung der Nassauischen Neue Presse (NNP) die Möglichkeit genutzt, vier der fünf Runkeler Bürgermeisterkandidaten in einer Podiumsdiskussion zu erleben. Amtsinhaber Friedhelm Bender (SPD), Bernd Schäfer (CDU) sowie die parteilosen Michel Kremer und Christoph Bayer stellten sich zwei Stunden lang den Fragen von NNP-Redaktionsleiter Joachim Heidersdorf und Oberlahn-Redakteur Rolf Goeckel, aber vor allem der interessierten Runkeler Bürger. Der fünfte Kandidat, André Brandes (parteilos), hatte abgesagt.

Joachim Heidersdorf wollte zunächst von Friedhelm Bender wissen, warum er sich trotz seiner 64 Jahre noch für eine dritte Amtszeit bewirbt. "Ich bin 64, na und. Das ist doch kein Alter", meinte der frühere Polizeibeamte aus Wirbelau. Er verspüre nach wie vor große Lust am Amt. Es sei die letzten zwölf Jahre schon sehr viel gemacht worden, aber es gebe in Runkel auch noch viel zu tun. Warum man Bender wieder wählen sollte? "Ich habe eine langjährige kommunalpolitische Erfahrung, bin auch Kreistagsmitglied und war vor der Wahl zum Bürgermeister in Runkel Stadtverordnetenvorsteher".

Der NNP-Redaktionsleiter wollte anschließend von den Mitbewerbern wissen, was sie zu ihrer Kandidatur veranlasst hat. "Wenn hier alles gut laufen würde, würde ich nicht hier stehen", betonte Michel Kremer. Der Dozent an der Universität Gießen und Runkeler Ortsvorsteher hat den Eindruck, dass die Stadt sich schon länger auf der Stelle bewege, weil die politischen Akteure in unterschiedliche Richtungen zögen. Der Stadtverordnete ist überzeugt, dass er die politischen Akteure in Runkel wieder zusammenzuführen kann. Der Ennericher Unternehmer Christoph Bayer berichtete, dass er antrete, weil er den Eindruck gewonnen habe, Politik in Runkel sei gegenüber dem Bürger alles andere als transparent.

Der Dehrner Landwirt Bernd Schäfer hält sich wegen seiner Verwaltungserfahrung als stellvertretender Vorsitzender des Kreisbauernverbands, als Dehrner Ortsbeiratsmitglied und seines wirtschaftlichen Denkens als Selbständiger für den Bürgermeisterposten geeignet. Er habe den Eindruck, dass viele junge Menschen das Runkeler Stadtgebiet enttäuscht verlassen, dass Ehrenamtliche mehr unterstützt werden und Politik in Runkel transparenter werden müsse.

Rolf Goeckel sprach das Thema Bauland in Runkel an. Michel Kremer sagte, dass Landkommunen wie Runkel künftig gute Chancen hätten, Einwohner aus den Ballungszentren zu gewinnen, weil Mietpreise in Frankfurt für viele unbezahlbar würden. Für sinnvoll hält der Runkeler die Ausweisung von Neubaugebieten bei gleichzeitiger Stärkung der Ortskerne. Dem schloss sich Christoph Bayer an.

Bernd Schäfer vertritt die Auffassung, dass die Stadt dringend bezahlbare Wohnungen für junge Menschen benötige. Der Familienvater erwartet, dass sich beispielsweise in Dehrn in Sachen Neubaugebiet dringend etwas tun müsse. Er würde sich aber auch wünschen, dass von privaten Investoren alte Gebäude in den Stadtkernen saniert und zu bezahlbaren Preisen angeboten werden.

Bürgermeister Bender sah nicht in allen Stadtteilen eine große Nachfrage nach Bauplätzen. Auf dem "Kappesborder Berg" in Runkel habe es 20 Jahre gedauert, bis 58 der 61 Bauplätze vermarktet worden seien. Das Problem in Dehrn sei längst angepackt. Hier würden von einer Gesellschaft Flächen beplant und zu sozialverträglichen Preisen an Bauwillige veräußert. In Ennerich sei ein Baugebiet in Vorbereitung. Bender kritisierte, dass die Stadtverordneten ihm für 2019 lediglich 5000 Euro für Landankauf zur Verfügung gestellt hätten. Konkret habe er zwischen Schadeck und Runkel "etwas machen" wollen und es mangels Mittel nicht tun können. Bernd Schäfer widersprach Bender energisch. Das Stadtparlament habe klar gesagt, dass für konkrete Projekte die Mittel freigestellt würden.

Bei der nächsten Frage ging es um die Blitzer im Stadtgebiet. Friedhelm Bender stellte klar, dass die nicht in Runkel stehen, um der Stadt den Haushalt zu sanieren. Das sei bei Einnahmen von 50 000 Euro im Jahr bei einem 20-Millionen-Haushalt auch nicht möglich. Bei den Blitzern gehe es einzig und alleine um Prävention. Bernd Schäfer ist ebenfalls für Unfallvermeidung, wünschte sich aber, dass das Ordnungsamt auch mal "ein Auge zudrückt", wenn Leute kurz zum Einkaufen beim Bäcker oder Metzger parken. "Wir wollen schließlich Geschäfte erhalten und mehr Touristen", sagte er. Schnelle Strafzettel für Kunden seien kontraproduktiv. Michel Kremer ist ebenfalls für Prävention, betonte aber, um Bürger zum langsamer Fahren zu bewegen, reichten auch Geschwindigkeitsanzeigetafeln oder Hinweisschilder 100 Meter vor einem Blitzer.

Petra Weber-Lassmannaus Dehrn war enttäuscht, dass Menschen mangels Bauland abwanderten. Das nun angedachte Neubaugebiet bringe aber unnötigen Verkehr ins Wohngebiet. Bernd Schäfer sagte, dass die Kommunalaufsicht und das Land es genehmigt hätten, dass die Stadt ohne Investor selbst Bauland nach eigenen Vorstellungen hätte erschließen können. Elke Malzonavom Kappesborder Berg in Runkel ärgerte sich, dass in ihrem Wohngebiet zu viel gerast werde. Bender versprach, dort mal eine Geschwindigkeitsanzeigetafel aufstellen lassen. Zu Weber-Lassmann meinte Bender, dass ein Neubaugebiet ohne zusätzlichen Verkehr nicht funktioniere.

Frank Machfragte die Kandidaten nach ihren Visionen für Runkel. Michel Kremer meinte, Runkel sei ein wunderschönes Fleckchen Erde, es müsse aber mehr für junge Menschen und Familien getan werden, damit sie dauerhaft hier bleiben könnten. Um neue Bürger und Touristen für Runkel zu gewinnen, sei ein professionelles Stadtmarketing nötig. Man müsse den Leuten zudem etwas bieten. Beispielsweise sei der Runkeler Kultursommer eine tolle Sache, bei der künftig auch die anderen Stadtteile besser eingebunden werden sollten. Auch Bayer hält mehr Marketing für notwendig. Die beste Werbung sei aber, wenn die Menschen in Runkel zufrieden sind und die Stadt ihrem Bekanntenkreis weiterempfehlen. Schäfer meinte, junge Menschen und Senioren bräuchten Angebote. Älteren Menschen müsse die Möglichkeit erhalten, so lange wie möglich im gewohnten Umfeld wohnen bleiben zu können. "Ein Runkel-Tag könnte beispielsweise dazu beitragen, dass die Bewohner der verschiedenen Stadtteile sich besser kennenlernen", sagte Schäfer.

"Runkel ist sehr lebenswert und darf nicht zur reinen Schlafstadt werden", erklärte Bürgermeister Bender. Es sei aber gelungen, alle Kindertagesstätten und Schulen zu erhalten. Wichtig sei auch, dass es in den letzten Jahren geschafft worden sei, die Zahl der Arbeitsplätze im Stadtgebiet um 358 auf 1804 zu steigern. Bender ist sich sicher: "Arbeitsplätze vor Ort sind ein wichtiger Standortfaktor."

SPD-Stadtrat Franz Beckersprach die unbefriedigende Situation in Wirbelau an, wo die Bürger sich eine neue Kita und ein neues Bürgerhaus wünschten. Ebenfalls drohe ein Verkehrskollaps, wenn nach Eröffnung der neuen Brücke aus Richtung Gräveneck Schwerlaster die enge Ortsdurchfahrt passierten. Bender schilderte die aus seiner Sicht unerträglichen Zustände in der Kindertagesstätte und schlug einen Gemeinschaftsbau mit Bürgerhaus vor. Beim Schwerlastverkehr könne Bender keine Entwarnung geben. Hessen Mobil habe ihm mitgeteilt, dass die neue Brücke für Schwerlastverkehr zugelassen werde. Schäfer schlug vor, Vertreter von Hessen Mobil zu einer Bürgerversammlung nach Runkel einzuladen. Er sei ebenfalls der Meinung, dass Wirbelau einen ordentlichen Kindergarten braucht, die Stadthalle aber nicht zeitgleich erneuert werden müsse. Bayer ergänzte: "Ja, Wirbelau braucht einen neuen Kindergarten", fragte aber, warum in ein Gebäude Geld gesteckt worden sei, das dann abgerissen werden soll. Zu der drohenden Verkehrsbelastung für Wirbelau hielt es Bayer für unbegreiflich, dass Hessen Mobil solche unerträglichen Entwicklungen zulässt. Michel Kremer antwortete: "Bürgerhaus und Kindergarten für Wirbelau werden gebraucht." Allerdings müsse auf geringe Folgekosten geachtet werden. Auch der Runkeler Ortsvorsteher konnte über die Brücke nur den Kopf schütteln. "Dann stehen große Laster in Wirbelau und kommen nicht mehr weiter", befürchtete er.

Harald Machoifindet, dass es die meisten politischen Baustellen aktuell in Ennerich gebe. Natürlich brauche Ennerich Gewerbe und Bauplätze, aber der Ort solle lebenswert bleiben. Kremer hielt es für wichtig, bei allen Projekten in Ennerich den Ortsbeirat frühzeitig einzubinden. Denn der habe das Ohr am Bürger. Die Vermarktung des Ennericher Gewerbgebietes ist aus seiner Sicht auch nicht optimal gelaufen. Hätte die Stadt einen Großteil des Geländes nicht nur an zwei Interessenten veräußert, die es möglicherweise nur als Lageflächen nutzten, hätte es dort seiner Meinung nach wesentlich mehr neue Arbeitsplätze geben können. Bernd Schäfer kann es nicht nachvollziehen, dass in Ennerich ein Gewerbegebiet aufgelegt und dann von der Stadt jahrelang nicht vermarktet wird. Der CDU-Kandidat findet nicht nur für Ennerich: "Die Meinung der Bürger und der Ortsbeiräte muss in Runkel wieder mehr zählen." Friedhelm Bender erinnerte daran, dass das Ennericher Gewerbegebiet schon vor seiner Zeit nicht der Renner und insgesamt ein Minusgeschäft für die Stadt gewesen sei. Daher sei er froh, zwei Interessenten gefunden zu haben. Christoph Bayer hingegen behauptete, ihm liege Schriftverkehr vor, wonach es für die Gewerbeflächen andere Interessenten gegeben habe, mit denen die Stadt erst gar nicht verhandelt habe.

David Axaus Steeden fragte, wie die Kandidaten junge Menschen in Runkel halten wollten. Bisher werde für sie wenig getan. Michel Kremer sagte, junge Menschen bräuchten Jugendräume, die sie selbst gestalten können sollten. Auch die Spielplatzsituation in Runkel sei derzeit nicht optimal. "Wichtig sind auch Arbeitsplätze vor Ort, damit hier junge Familien wohnen können", sagte Christoph Bayer. Nötig sei, dass es genug Unternehmen vor Ort gebe, die jungen Menschen eine berufliche Chance ermöglichten. "Was junge Menschen und Unternehmen brauchen, ist schnelles Internet", meinte Bernd Schäfer. Außerdem schlug er vor, ein Jugendparlamentes zu gründen. Bender findet es nicht gut, Jugendliche sich selbst zu überlassen. Denn im Netz drohten Gefahren wie Pornografie und Kindermissbrauch. Der Bürgermeister ist überzeugt, dass es in Runkel schon ein gutes Angebot in Sachen Jugendräume gebe und in Sachen schnelles Internet alles Nötige für Privathaushalte wie Unternehmen in die Wege geleitet sei. Die sechs Kindertagesstätten seien mit einer Ausnahme voll, so dass hier überlegt werden müsse, das Angebot mit flexibleren Betreuungszeiten weiter auszubauen.

Steffi Pohlaus Ennerich ärgerte sich, dass Bürger auf Anfragen an die Stadtverwaltung oft keine Antwort erhielten und die Vereine bei Ausrichtung einer Kirmes mit der Bürgerhausmiete hoch belastet seien. Christoph Bayer meinte: "Eine freie Veranstaltung pro Runkeler Verein muss drin sei." Auch Bernd Schäfer ist der Auffassung, dass Runkeler Vereine in den Gemeinschaftshäusern Veranstaltungen kostenfrei durchführen sollten. Michel Kremer regte an, jedem Verein einen gewissen Jahresbonus zu bewilligen, für den er eine Halle mieten oder Dienste des städtischen Bauhofes in Anspruch nehmen könne. Sei das Budget verbraucht, müssten Hallenmieten bezahlt werden. "Kein Verein kann sagen, dass er von mir nicht voll unterstützt wird", meinte Bender. Es sei aber von den Mitbewerbern leicht, kostenfreie Hallen zu versprechen. Die Kommunalaufsicht mahne Runkel stetig, freiwillige Leistungen auf den Prüfstand zu stellen. Daher könne er keinen Verzicht auf Mieteinnahmen versprechen, mit der Konsequenz, dass das städtische Minus weiter steigen würde.

Kristin Duchschererklagte: "Ich fühle mich von der Stadt nicht ernst genommen". Sie forderte bei Entscheidungen mehr Transparenz für Bürger. "Was Sie sagen, zieht sich wie ein roter Faden durch Runkel", gab ihr Schäfer Recht. Er werde drei Mal im Jahr Vereinsvorstände und Ortsbeiräte zu Gesprächen einladen und häufiger zu Bürgerversammlungen einladen. "Bürger müssen bei Projekten von Anfang an beteiligt werden", ist Bayer überzeugt. So sei der Bebauungsplan für das Mischgebiet in Ennerich von Anfang an versaut worden. Kremer kündigte an, dass er in allen Stadtteilen Bürgersprechstunden anbieten würde. Bender äußerte den Verdacht, dass es in Ennerich Bürger gibt, die ihm schaden wollten. "Die Verwaltung hat für Bürger immer ein offenes Ohr", sagte er. Doch die Personalkapazität der Stadt sei begrenzt, so dass nicht immer alles von heute auf morgen erledigt sein könne.

Der Ennericher Ortsvorsteher Claus Kandels(Bürgerliste) wollte von den Kandidaten wissen, wo sie Runkel in zehn Jahren sehen. Bernd Schäfer riet, die Stadt müsse ihre Infrastruktur wie Bürger- und Feuerwehrhäuser pflegen. "Um Runkel voranzubringen, brauchen wir mehr Miteinander", sagte Bayer. Kremer sagte, dass beispielsweise vorausschauend überlegt werden müsse, wie Gefahren durch Hochwasser und Starkregen vermindert werden können. Bürgermeister Bender sagte, dass ein "Masterplan" auch Geld koste. Alle in Runkel bereits Vorhandene in Schuss zu halten, wäre schon einmal der richtige Weg. Einen Starkregen wie in Arfurt und seine Folgen könne eine Kommune aber nicht verhindern.

INFO

Welchen Ihrer Mitbewerber würden Sie gerne als Ersten Stadtrat wählen?, fragte NNP-Redakteur Rolf Goeckel. Michel Kremer hätte gerne Bernd Schäfer, Christoph Bayer Michel Kremer. Schäfer fragte, ob er nicht zwei Namen nennen dürfe, und Friedhelm Bender wich aus, indem er darauf hinwies, dass es bereits einen gewählten Ersten Stadtrat gibt. Was würden die Kandidaten machen, wenn sie bei der Wahl auf dem letzten Platz landen würden? Michel Kremer antwortete: "Wenn ich keine fünf Prozent holen würde, würde ich wegziehen. Ansonsten würde ich mich weiter kommunalpolitisch einbringen". Bernd Schäfer sagte: "Wenn ich Letzter würde, würde ich erst einmal ein Bier trinken und dann weiter Kommunalpolitik machen." Christoph Bayer versicherte: "Ich würde mich weiter kommunalpolitisch engagieren." Friedhelm Benders Antwort: "Ich würde nicht weitermachen, weil das ein Zeichen der Bürger wäre, dass sie etwas anderes wollen." rok

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