Im Holzkörper der am Straßenrand zwischen Schadeck und Wirbelau gefällten Buchen ist die Krankheit deutlich erkennbar, wie der Runkeler Revierförster Ralf Heukelbach zeigt.
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Im Holzkörper der am Straßenrand zwischen Schadeck und Wirbelau gefällten Buchen ist die Krankheit deutlich erkennbar, wie der Runkeler Revierförster Ralf Heukelbach zeigt.

Runkels Revierförster zeigt die Problematik im Stadtwald

Erst die Fichten, nun die Buchen

Weiterhin zu wenig Wasser in den tiefen Schichten

Runkel -Auf dem Gebiet der Stadt Runkel mit ihren Ortsteilen stehen etwa 1300 Hektar Wald. Mehr als Dreiviertel davon gehört der Kommune, der Rest ist Staatswald oder befindet sich in Privatbesitz. Nachdem der Borkenkäfer den Fichten-Bestand nahezu vernichtet hat, zeigen sich nun auch immer mehr Schäden an Buchen.

"Wir können uns glücklich schätzen über die gute Bodenqualität", sagt Revierförster Ralf Heukelbach. Eine dicke Löss-Auflage mit feinem und nährstoffreichem Material in den Lahnauen sowie sehr gute und tiefgründige Böden im Runkeler Hauptwald böten ideale Bedingungen für Buchen und Eichen, die zusammen etwa 80 Prozent der Bäume ausmachen. Der fruchtbare Boden kann aber die fehlende Bodenfeuchtigkeit nicht kompensieren. Selbst jetzt, nachdem es im Winter relativ viel Niederschlag gab, seien nur die oberen 25 Zentimeter des Waldbodens gesättigt. In tieferen Schichten herrsche nach wie vor ein Wasserdefizit.

Die von Trockenheit und der daraus resultierenden massenhaften Vermehrung des Borkenkäfers besonders hart getroffenen Fichten im Runkeler Wald sind in den vergangenen drei Jahren fast alle abgestorben. Die meisten dieser toten Bäume wurden inzwischen gefällt und abtransportiert.

"Wo Fichten standen, sind nun insgesamt etwa 100 Hektar Freifläche entstanden", erklärt der Förster. Nicht überall greife der Mensch ein, damit dort wieder neuer Wald entsteht. Was sich "natürlich angesamt hat, wird übernommen und entsprechend gepflegt". Der Fachmann spricht hier von Naturverjüngung. Bei Buchen erkenne man die nachwachsenden Bäume beispielsweise daran, dass sie immer noch das trockene Laub des Vorjahres halten. Sollte sich auf den Freiflächen jedoch in erster Linie Fichten ansamen, sei das wenig zielführend. Denn dieser flachwurzelnde Baum habe unter den sich verändernden Klimabedingungen keine Überlebenschance.

Größter Teil wird

neu aufgeforstet

Auf dem Weg zum Ziel eines naturnahen Mischwaldes ist eine weitere Strategie, die natürlich nachwachsenden Bäume mit Baumarten zu ergänzen, die mit dem Klimawandel klarkommen, weil sie tief in den Boden hineinwurzeln. Unter den Nadelbäumen sind das unter anderem die Douglasie und die Küstentanne.

"Den größten Teil der Freiflächen forsten wir völlig neu auf", sagt Ralf Heukelbach. Das sei allerdings keine Sache von heute auf morgen, sondern ein Vorgang über mehrere Jahre. "Ich schätze, dass wir bis Ende 2021 nur etwa zehn Prozent geschafft haben."

Grenzen setzten nicht nur die Anschaffungskosten für die Jungpflanzen, sondern auch die menschliche Arbeitskraft - denn das Pflanzen der kleinen Bäumchen geschieht in Handarbeit. Zudem können Baumschulen nur begrenzte Mengen liefern. Wichtig sei, dass die Mutterbäume den forstlichen Qualitätsanforderungen entsprechen und das Saatgut zu den heimischen Bedingungen passt. "Für uns macht es keinen Sinn, eine Eiche zu pflanzen, die eigentlich nach Norddeutschland gehört", sagt Heukelbach.

Die Anpflanzung neuer Bäume wird vom Land Hessen mit 50 bis 85 Prozent gefördert. Dabei sollen vor allem heimische Baumarten verwendet werden und ein gutes Verhältnis von Laub- und Nadelholz entstehen. Das Schwierige dabei: Douglasie, Küstentanne, Lärche und Weißtanne sind zwar alles tiefwurzelnde und damit klimaresistentere Bäume, doch einige dieser Arten stammen ursprünglich aus Amerika.

Die Rotbuche ist die am häufigsten vorkommende Baumart im Runkeler Wald. Machte sie in den Trockenjahren 2018 und 2019 nur wenig Probleme, hat sich das Blatt nun gewendet. "Erschreckend viele Buchen sind krank. Ihr Holz wird von Pilzen angegriffen, die man bislang nur vom Totholz kannte", erläutert der Förster. Bei der sogenannten Buchenkomplexkrankheit werde der Holzkörper sehr schnell zersetzt. Sobald sich an der Rinde schwarze Schleimflussflecken zeigen, sterbe der Baum meist binnen weniger Wochen ab. An der Krone merke man dies zuerst. Die Folge: Schon bei leichtem Wind können starke Äste und ganze Kronenteile abbrechen.

"Wir können nicht ausschließen, dass bereits mehr als ein Viertel aller Buchen krank ist", konstatiert der 57-Jährige. Zwar bedeute das nicht zwingend, dass jeder kranke Baum auch tatsächlich stirbt. Doch stehe fest, dass diese Baumart stark gefährdet ist. "Wenn man bedenkt, dass Buchenwälder die ursprüngliche und natürliche Vegetation unserer Region darstellen, stimmt das sehr bedenklich."

Bäume an Straßen wurden gefällt

Besonders gefährlich sei dies an Straßen, Waldwegen und Eisenbahntrassen. Deshalb musste die Revierförsterei im Winter viele Buchen fällen. So geschah es beispielsweise an den Straße zwischen Runkel und Arfurt und zwischen Schadeck und Wirbelau. Der Förster betont, dass es natürlich überall im Wald von der Buchenkomplexkrankheit befallenen Bäume gibt. Deshalb bittet er Spaziergänger dingend, die Waldwege nicht zu verlassen. An windigen Tagen sei es sogar ratsam, den Wald komplett zu meiden.

Wenn einzelne Baumarten verschwinden - wie es bei der Fichte bereits der Fall ist - hat dies Auswirkungen auf das gesamte Ökosystem Wald. Denn mit der Fichte verschwinden auch Insekten und Vogelarten, die an diesen Baum gebunden sind. Zudem fehlt in den Bereichen, wo nun Freiflächen entstandenen sind, das typische Waldklima und damit der Lebensraum vieler Pflanzen und Tiere. Ralf Heukelbach, der seit 20 Jahren den Runkeler Stadtwald betreut, wünscht sich, dass sich viele Menschen mit den Problemen des Waldes auseinandersetzen. Dazu plant er einige Waldführungen. Kerstin Kaminsky

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