Umweltschützer Winfried Klein aus Runkel

Gewässerschutz: „Bis man mich tot rausträgt“

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„Bis zum letzten Atemzug“, so formulierte er es einmal, will Winfried Klein für sein Anliegen kämpfen. Dafür, dass die Lahn für Lachse wieder durchgängig gemacht wird. Ob er diesen Tag noch erleben wird, ist für den 72-Jährigen aber ungewiss.

Winfried Klein kennt in Hessen und Rheinland-Pfalz wohl jeder, der ein Wasserkraftwerk betreibt. Wenn der 72-jährige pensionierte Oberstudienrat Fischsterben durch fremden Einfluss wittert, ist er immer da, mit klarer Meinung und knackigen Briefen.

Der aus Arfurt stammende Wahl-Runkeler ist jemand, der polarisiert: Seine Freunde lieben ihn, seine Gegner hassen ihn. Klein ist kein Mann der faulen Kompromisse. „Ich will, dass die Lahn wieder komplett für Fische durchgängig wird“, sagt der Vorsitzende der IG Lahn deutlich. Wenn der Lachs als Galionsfigur der Lahnfische seinen Bestand irgendwann aus eigener Kraft halten könne, dann habe er sein Ziel erreicht. „Es wird kommen, aber ich glaube nicht, dass ich es noch erlebe“, sagt der Runkeler nachdenklich. Um energisch zu ergänzen: „Ich werde aber nicht aufhören, weiter dafür mit aller Kraft zu kämpfen, bis man mich tot die Tür rausträgt“.

Auf die Frage, ob seine Frau nicht irgendwann mal sagt, dass es reicht, meint Klein: „Nein, die kennt mich nur so.“ Und darum wird wohl auch in Zukunft bis spätabends das Licht in seinem Büro im Obergeschoss seines Wohnhauses brennen, wo er seine deutlichen Stellungnahmen an alle möglichen Behörden und Politiker verfasst.

„Unter der Hand“, erzählt Klein, sagen ihm Landesmitarbeiter, dass er in vielem recht habe. Wenn der Runkeler nicht ernst genommen würde, hätte ihm Volker Bouffier im April des vergangenen Jahres wohl nicht den Hessischen Verdienstorden verliehen. Davor gab es schon den Landesehrenbrief und das Bundesverdienstkreuz. Dennoch will der streitbare Runkeler nicht zum Establishment gehören. Er findet oft auch gegen Minister klare Worte, wenn nicht das umgesetzt wird, was er fachlich für richtig hält.

Wer die Kompromisslosigkeit des Pädagogen verstehen will, muss zurück in Kleins Kindheit gehen. Obwohl niemand in seiner von der Landwirtschaft geprägten Familie etwas mit Anglerei oder Gewässerschutz zu tun hatte, faszinierte den kleinen Arfurter Bub die Unterwasserwelt von Anfang an. Schon als Achtjähriger schlich er sich jeden Tag an die Lahn. „Da habe ich oft von meiner Mutter einen Riesenanschiss bekommen“, erinnert er sich zurück: „Solange ich nicht schwimmen konnte, war das schon gefährlich, was ich da gemacht habe.“ Am Fluss kam Klein häufig mit Anglern ins Gespräch und lernte viel von ihnen. Später, als er mit dem Zug zur Schule fuhr, lief er auf dem Weg zum Bahnhof morgens früh um 5.30 Uhr die Lahn entlang und genoss die einmalige Atmosphäre am Wasser. „Mit 14 Jahren habe ich mir gesagt, ich werde mal Gewässerwart, und dann bin ich es auch geworden“, berichtet Klein strahlend.

In jungen Jahren hat er von Naturschützer Theo Stahl auch viel über die Vogelwelt erfahren. Doch Klein wollte sich doch auf die Unterwasserwelt konzentrieren. „Du kannst normalerweise bei einem Gewässer nur bis zur Oberfläche schauen. Und genau das, was darunter war, das wollte ich entdecken“, berichtet das Ehrenmitglied des Fischereisportvereins Oberlahn. Das Wasser sei für ihn der faszinierendste Lebensraum überhaupt; dort wimmelt es voller Leben. „Es gibt alleine 300 verschiedene Sorten von Köcherfliegen“, weiß Klein.

1962 machte er seine Fischereiprüfung. Winfried Klein macht es wütend, wenn Menschen, die eigentlich die intelligentesten Lebewesen sein wollten, durch ihre Dummheit die Natur zerstören. „Es war alles gut, bis der Mensch eingegriffen hat“, sagte der Fischereibeauftragte des heimischen Landkreises. Gewässer wurden begradigt, in den 50er Jahren Chemie eingeleitet. Später waren es die ins Wasser gelangten Rückstände von Medikamenten, die nach Aussagen Kleins die Wasserqualität belasteten.

Wer verstehen will, warum Klein heute oft so kompromisslos und hart in der Sache agiert, muss wissen, dass das Präsidiumsmitglied im Verband Hessischer Fischer irgendwann an der Lahn stand und ansehen musste, dass an dem Dreck in dem heimatlichen Fluss fast alle Fische verendet waren: Rotaugen schwammen in Massen tot an der Oberfläche. Bilder, die Klein sein Leben lang nicht vergessen hat. Zum Glück kamen die Arten irgendwann wieder über den Rhein in die Lahn zurück.

Klein ist überzeugt davon, dass Fische mit ihren kleinen Gehirnen oft klüger als der Mensch seien. Wenn mittlerweile nachts zu wenig Sauerstoff in der Lahn vorhanden sei oder tagsüber so viel, dass die Kiemen der Tiere im Grunde platzen müssten, sollten sie eigentlich verenden. „Machen sie aber nicht“, sagt Klein, „weil sie genau wissen, wo sie in dem Moment zu schwimmen haben, nämlich an den Zuflüssen der Bäche.“ Der IG-Lahn-Chef ergänzt keineswegs im Scherz: „Wenn ich ein Karpfen wäre, ich würde ans Ufer springen und mich ersticken.“

Wegen der zahlreichen Wasserkraftwerke habe die Lahn kaum noch Struktur, kritisiert Klein. Es macht ihn wütend, wenn Werke zur Gewinnoptimierung immer noch häufig illegal Schwallbetrieb fahren, so dass Flussstellen phasenweise ohne Wasser seien und Millionen Kleinstlebewesen verendeten. Eigentlich hätte, wie Klein berichtet, laut Europäischer Wasserrichtlinie die Lahn bis 2015 für Fische wieder komplett durchgängig sein müssen. Sei sie aber nicht.

Der Naturschützer weiß, dass Fische künstliche Auf- und Abstiege meiden und noch immer vielfach in Wasserkraftwerken verenden. Winfried Klein ist aber guter Dinge, dass die Richtlinien aufgrund hoher drohender Strafen nicht dauerhaft ignoriert werden können. So kämpft er weiter für seinen Traum, dass irgendwann in der Lahn wieder eine sich selbst erhaltende Lachspopulation entstehen könnte.

Nachdem der letzte Lachs 1958 im Rhein gefangen worden war, kämpfen Klein und seine Mitstreiter seit 1993 dafür, diesen Fisch wieder heimisch zu machen. Die IG Lahn betreibt in Aumenau eine Lachszucht und hat auch 2016 wieder

10 000 junge Lachse

in den Lahn-Nebengewässern Weil, Dill und Elbbach ausgesetzt. Ein Jahr später würden dann die ersten Jungfische abwandern über den Rhein und den Rotterdamer Hafen in die Nordsee bis nach Grönland, wo sie sich von den Kleinkrebsen Krill ernährten. Diese geben dem Lachs durch das in ihnen enthaltene Karotin seine typische rote Farbe.

Seit 1997 wurden in Lahnstein, weiter kommen die Lachse derzeit nach Angaben Kleins nicht, 108 Rückkehrer gefangen. Viele seien dann 25 Kilo schwer. Mit einem zurückgekehrten Männchen und zwei Weibchen wurde in Aumenau letztes Jahr wieder gezüchtet. „Eigentlich müssten wir zum Bestanderhalt pro Jahr 100 000 junge Lachse einsetzen. Doch solange die Lahn für Fische nicht durchgängig ist, macht das wenig Sinn.“

War Kleins jahrzehntelanges Wirken damit sinnlos? „Wir haben das Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht“, sagt er: „Wir haben die Betriebe und Landwirte sensibilisiert, dass sie nicht alles ins Wasser einleiten.“ Klein ergänzt, dass ohne seine Arbeit viele Fischarten aus der Lahn verschwunden wären. Er habe auch 50 Lachswarte ausgebildet, damit die Arbeit nach ihm weitergehen könne.

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