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Andreas Gattinger fordert, den Boden ins Zentrum der Bewirtschaftung zu rücken. Dazu sollen Ackerbau und Viehhaltung wieder besser vernetzt werden.

Landwirtschaft

Klimaforscher und Bodenexperte Andreas Gattinger setzt auf eine bessere Integration von Landwirtschaft und Tierhaltung

Um Boden- und Klimaschutz im Ackerbau ging es beim Verein für Landwirtschaftliche Fortbildung im Nassauer Land. Was der Referent zu sagen hatte, schmeckte aber nicht jedem Landwirt.

Ein ungewohnter Anblick beim Verein für Landwirtschaftliche Fortbildung im Nassauer Land in Runkel-Schadeck: Ein volles Haus konnte Geschäftsführer Jürgen Dexheimer dort zur Eröffnung der neuen Vortragsreihe begrüßen. Auf dem Programm stand der von Professor Dr. Andreas Gattinger gehaltene Fachvortrag „Boden- und Klimaschutz im Ackerbau: Herausforderungen und Lösungen“. Warum aber der plötzliche Andrang? „In den vergangenen Jahren haben wir uns vor allem auf Vorträge über die Viehhaltung konzentriert. Nun ist das hier ein Vortrag, der auch für Getreidebauern interessant ist“, bot Dexheimer eine Erklärung.

Die andere ist, dass Andreas Gattinger aus dem Nassauer Land, genauer gesagt aus Selters-Eisenbach, stammt. „Mein Vater war Landwirt“, erklärte er bei der einleitenden kurzen Schilderung seines Lebenslaufes. Für ihn ging es mit einer Ausbildung zum Chemielaboranten aber beruflich erst einmal in eine andere Richtung. Eine Richtung, die ihn aber wunderbar auf sein aktuelles Fachgebiet vorbereitete: Andreas Gattinger hat eine Professur für ökologischen Landbau mit dem Schwerpunkt nachhaltige Bodennutzung an der Justus-Liebig-Universität Gießen.

An den Wandel anpassen

Von 2010 bis 2017 war er Leiter des Themengebiets Klimaforschung am Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) in Frick (Schweiz) und Frankfurt und als Dozent an der Uni Basel tätig. Er ist an zahlreichen internationalen und nationalen Forschungsprojekten zu Klimaschutz und Anpassung an den Klimawandel in der Landwirtschaft beteiligt. Außerdem ist er als wissenschaftlicher Leiter des Lehr- und Versuchsbetriebs Gladbacherhof der JLU Gießen in Villmar-Aumenau aktiv. Seine Forschungsschwerpunkte sind ökologische Boden-Pflanzen-Tier-Systeme sowie die Struktur und Funktion mikrobieller Lebensgemeinschaften.

Ein Grund für Landwirte, sich auch selbst über den Boden- und Klimaschutz im Ackerbau Gedanken zu machen, liegt im bedrohlich voranschreitenden Klimawandel: „Dieser ist neben Biodiversität und Stickstoffkreislauf der Wirkungsbereich, wo die planetaren Grenzen für ein sicheres Leben auf der Erde bereits überschritten sind“, betonte der Referent. Die Auswirkungen waren gerade im Jahr 2018 mit dem außergewöhnlich trockenen Sommer deutlich zu spüren. „Jedoch scheint dies nicht die Ausnahme zu sein, da Klimamodelle für die nächsten 50 Jahre bei einem ,Weiter-wie-bisher-Szenario‘ für Hessen bis zu 21 heiße Tage mehr pro Jahr vorhersagen.“

Wenn es um Klimawandel und Landwirtschaft geht, stellt der Boden eine Schlüsselressource dar. „Denn er ermöglicht Vegetation und steuert damit das Klima auf der Erde.“ So stellt er nach den Weltmeeren den zweitgrößten Kohlenstoffspeicher der Biosphäre. „In Humus und Bodenleben sind 1500 Milliarden Tonnen Kohlenstoff enthalten, das sind deutlich mehr als in Atmosphäre mit 760 Milliarden und in der Vegetation mit 560 Milliarden Tonnen“, betont Gattinger. Denn die Pflanzen bauen durch die Photosynthese aus atmosphärischem CO2 organische C-Verbindungen auf. Diese werden als Wurzelrückstände und -ausscheidungen sowie Pflanzenstreu an den Boden abgegeben. Im Boden wird der Kohlenstoff aus Pflanzenrückständen und organischem Dünger teils zu CO2 veratmet, teils zu Humus umgebaut. Humus besteht zu etwa 60 Prozent aus Kohlenstoff.

Kreislauf anwenden

Eine weltweit durchgeführte Analyse hat ergeben, dass die Humusvorräte in biologisch bewirtschafteten Böden im Schnitt um 6,1 Tonnen pro Hektar höher sind als in konventionell bewirtschafteten Böden. „Die erhöhten Humusgehalte werden vor allem auf Praktiken zurückgeführt, die für gemischt wirtschaftende Betriebe in Deutschland früher typisch waren“, sagt Gattinger. Dazu zählen zum Beispiel die Rückführung der organischen Substanz in Form von Mist, Gülle oder Kompost sowie durch den Anbau von mehrjährigen, tiefwurzelnden Futterleguminosen wie Klee oder Luzerne. Dieser Kreislauf der organischen Substanz sei zwar ein typisches Merkmal biologischer Wirtschaftsweise, könne aber auch im konventionellen und integrierten Landbau angewendet werden und auf diese zur Schonung des Klimas beitragen. „Die Ertragsleistung des ökologischen gegenüber konventionellen Landbaus ist jedoch deutlich geringer und macht im globalen Mittel rund 25 Prozent aus.“

Kann also der Boden- und Klimaschutz durch Ökolandbau befördert werden? „Trotz der Potenziale, die Ökolandbau und integrierter Landbau liefern, wird es nicht möglich sein, die Ziele bezüglich des Boden- und Klimaschutzes zu erreichen“, lautet die ernüchternde Einschätzung. Gattinger fordert daher, den Boden zukünftig ins Zentrum der Bewirtschaftung zu rücken, seine Prozesse und Ökosystemleistungen gezielt zu fördern und damit synthetische Zugaben, wie Dünger und Pflanzenschutzmittel, zu ersetzen. Erreicht werden soll das unter anderem durch eine bessere Integration von Landwirtschaft und Tierhaltung, so wie es in Form der traditionellen Gemischtbetriebe über Jahrhunderte die gängige Praxis war. Eine Forderung, die von den Zuhörern allerdings mit Vorbehalten registriert wurde. Schließlich hat sich die heimische Landwirtschaft aus wirtschaftlichen Gründen in den letzten Jahrzehnten stark spezialisiert. Selbst die von Gattinger geforderte Kooperation von viehhaltenden und getreideanbauenden Betrieben innerhalb eines Dorfes könnte wegen mangelnder Masse schwierig werden.

von JOHANNES KOENIG

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