Jazzklassiker und Folklore

Michael Sagmeister und Antonella D’Orio geben ein besonderes Konzert

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Ein sehr spezielles wie auch besonderes Konzert haben die „Frankfurter Gitarrenlegende“ Michael Sagmeister und seine frischgebackene Ehefrau Antonella D’Orio beim Runkeler Kultursommer geboten. In der Zehntscheune zeigten die beiden vor leider nicht ausverkauftem Haus hochwertig viele Facetten des Jazz.

Wer Jazz liebt und die Biografie von Michael Sagmeister kennt, der muss einfach hingehen, wenn der Musiker zu kleinem Preis in der heimischen Region spielt. Doch der Saal in der Runkeler Zehntscheune – in dem es insgesamt 150 Plätze gab – war leider nur zu zwei Dritteln gefüllt, als der zu Europas besten Jazzgitarristen zählende Frankfurter in Runkel loslegte.

Für seinen alten Freunde Dieter Buroch, Künstlerischer Leiter des Kultursommers, hatte Sagmeister für kleines Geld extra seinen 59. Geburtstag geopfert, um mit seiner frischgebackenen Ehefrau Antonella D’Orio an die Lahn zu kommen. Wobei das der falsche Begriff ist, denn der große Künstler liebt es nach eigenen Angaben, in kleinerem Rahmen vor einem interessierten Publikum zu spielen, das ihm alle Freiheiten lässt.

Was Sagmeister macht, ist unzweifelhaft auf höchstem Niveau. Ob es schnelle oder langsame Stücke sind: Sagmeister trifft jeden Ton perfekt. Moderatorin Daniella Baumeister vom Hessischen Rundfunk erzählte am Anfang des Konzerts, dass Michael Sagmeister bereits als Kind täglich mehr als zehn Stunden probte, um einer der besten Gitarristen zu werden.

Fleiß und Leidenschaft

haben sich ausgezahlt. Er hat es geschafft, gilt er doch in der Szene als eine der größten Koryphäen.

Der Künstler weiß aber selbst, dass das, was er da spielt, kein radiotauglicher Mainstream ist, der wie bei Geiger David Garrett Zehntausende zu Konzerten lockt. Diejenigen, die an diesem Tag in die Zehntscheune kamen, wussten aber überwiegend, was sie bei Sagmeister erwartet und genossen jedes Werk. Antonella D’Orio erwies sich nicht nur wegen der privaten Bande als ideale Bühnenpartnerin. Sie ließ ihrem Mann viel Raum für seine ausschweifenden Soli, zeigte aber auch immer wieder, dass sie ebenso Großes leisten und eine perfekte sängerische Ergänzung zu Sagmeisters Gitarrenspiel sein kann.

In D’Orios Heimat Italien sind die italienischen Klänge der beiden Musiker schon eher massenkompatibel. „Wenn wir da Festivals spielen, dann singen die Leute die Texte der alten Volkslieder alle mit, die wir in unseren gemeinsamen Werken verarbeitet haben“. Sagmeister meint, dann könnten die Zwei einfach von der Bühne gehen, warten bis die Leute zu Ende gesungen hätten und dann nur noch den Applaus ernten.

In Runkel war das anders. Da musste oder durfte Sagmeister bis aufs Äußerste improvisieren, zwei Mal tolle 40 Minuten lang. Mit Antonella D’Orio arbeitete Sagmeister erstmalig 2010 zusammen, als sie als Gast auf seiner CD „True to The Moment“ mitarbeitete. Die Künstlerin ist nicht nur Sängerin, sondern auch Songwriterin. Und da Songs oft am schönsten sind, wenn sie auf wahren Gefühlen basieren, setzte D’Orio der Liebe zu Sagmeister mit „Non te l’ho mai detto“ ein Denkmal. Es bedeutet: „Ich habe dir nie gesagt, wie viel du mir bedeutest“. Neben Jazzklassikern und Eigenkompositionen bot das Duo zudem italienische Folklore aus dem 18. Jahrhundert.

Daniella Baumeister hat schon vor 40 Jahren die ersten Alben von Sagmeister gekauft, als Platten noch Platten waren und sie die weltoffene Musik dieses liebenswerten und bescheidenen Charakters mit seinem so unglaublichen Talent bewegte.

Beide haben beim Hessichen Rundfunk schon einige Musikprojekte zusammen umgesetzt, jetzt auch hier. „Er und seine Frau finden Runkel superschön“, meinte Baumeister. „Ich möchte einfach Spaß haben wie hier in Runkel“, sagt Sagmeister. Dann legt er los. Die Ballade „Don’t know how love is“ widmete er ausgerechnet US-Präsident Donald Trump, „obwohl ich eigentlich keine politischen Statements mehr abgeben wollte“. D’Orio stimmt in die langsamen Klänge ein. Bei „Sommer“ wünscht sich Sagmeister in der Schwüle des Abends einen Fächer. Später gibt er Richtig Gas auf seiner Gitarre. Nach dem „Night Moment“ verrät er, dass das erste, was seine Partnerin ihn fragte, war, ob er auch Hochdeutsch spricht. Antonella beweist, dass sie in Hessen angekommen ist und antwortet „Geh fort“. Aber das bisschen Frotzeln gehört zur Spannung einer Beziehung, zum Programm.

Es folgt weitere Weltmusik von zwei Weltbürgern und Klassekünstlern mit Bodenhaftung, denen das Musizieren in Runkel genauso viel gibt wie das größte Jazzfestival der Welt.

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