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Die Katzen waren ihre einzigen Gefährten: Vanessa Gerold war vier lange Wochen in Quarantäne - und dazu schwer krank. Die Folgen merkte sie noch Monate später.

Corona überstanden

Als Ärztin darf man nicht krank sein

  • Sabine Rauch
    vonSabine Rauch
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Vanessa Gerold aus Runkel hat sich vermutlich bei der Arbeit im Krankenhaus angesteckt.

Runkel – "Eigentlich fühle ich mich sicher", sagt Vanessa Gerold und lacht. Um dann gleich hinterher zu schieben, dass es natürlich keinen hundertprozentigen Schutz gebe und dass sich das Virus ja auch verändern könne. "Aber ich habe mich mega gefreut, als ich erfuhr, dass ich Antikörper habe." Ob die und damit vielleicht auch die Immunität irgendwann wieder weg sind, wisse man natürlich nicht. Und ob Menschen, die Covid-19 durchgemacht haben, sich noch einmal mit dem Virus infizieren können, "das ist Gegenstand der Forschung". Genau wie Vanessa Gerold selbst, sie nimmt an einer Studie zu Sars-Cov-2 teil. Schließlich soll ihre Erkrankung zu etwas nütze sein.

Am 31. März hatte sie ein bisschen Husten, der Husten wurde stärker. Erst hatte sie gedacht, dass es schon nichts Schlimmes sein wird, dann war sie sich nicht mehr so sicher und kämpfte um einen Test. Der war positiv, und es dauerte nicht lange bis sie richtig krank wurde, mit Husten, 39 Grad Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen, Schwindelanfällen, Verlust von Geruchs- und Geschmackssinn. "Ähnlich wie eine Grippe, aber schlimmer und es hat länger gedauert."

Den Urlaub abgebrochen

Wo sie sich angesteckt hat, wird Vanessa Gerold wohl nie herausfinden. Dass es in der Dominikanischen Republik passiert sein könnte, glaubt sie nicht. Mit einer Freundin hatte sie dort Urlaub gemacht und mitbekommen, wie dort ein Hotel nach dem anderen dicht gemacht wurde. "In der Woche, in der wir in der Karibik waren, ist in Deutschland alles drunter und drüber gegangen." Dort sei nichts von Corona zu merken gewesen, trotzdem hätten sie und ihre Freundin immer alles desinfiziert und den nötigen Abstand gehalten.

Am 19. März musste es dann ganz schnell gehen, wer nach Deutschland wollte, musste packen. Ihre restlichen Urlaubstage hat Vanessa Gerold zu Hause, in ihrer Wohnung in Dehrn, verbracht - ohne Kontakt zu anderen Menschen. Als der Urlaub vorbei war, ist sie wieder arbeiten gegangen - in der Klinik, in der sie als Ärztin in der Unfallchirurgie und Orthopädie tätig ist. Wahrscheinlich habe sie sich dort infiziert. Vermutlich in der Notaufnahme, bei einem ihrer 24-Stunden-Dienste. Ein Mund-Nasen-Schutz sei der einzige Schutz gewesen, den sie und ihre Kollegen hatten. Nur wer Kontakt zu den Covid-Patienten hatte, bekam die komplette Schutzausrüstung mit FFP2-Maske.

Insgesamt vier Wochen war Vanessa Gerold in Quarantäne. Das sei eine Katastrophe für die Kollegen gewesen. "An Krankenhäusern darf man nicht krank sein." Denn sonst müssen die Kollegen die Arbeit mitmachen. Also gingen viele Ärzte auch zum Dienst, wenn sie krank sind. Das hat Vanessa Gerold nicht gemacht. Das hätte sie auch nicht gedurft und sie hätte es auch nicht gekonnt.

Zwei Wochen sei sie richtig krank gewesen, nach einer Woche haben sie immerhin mal kurz aufstehen und frische Luft schnappen können. Das Gesundheitsamt habe jeden Tag angerufen und gefragt, ob sie etwas brauche, ihre Eltern haben für sie gesorgt - so gut es eben möglich ist, wenn man die Wohnung nicht betreten darf. Als sie endlich 48 Stunden lang symptomfrei war, ist sie das erste Mal seit langer Zeit wieder Auto gefahren - zur Teststation nach Beselich. Am Freitag war der Test negativ, der zweite Test, am Montag, war positiv. Also weiter Quarantäne.

Nach einer Woche ist sie dann wieder nach Beselich gefahren, wieder war der Test positiv. "Da bin ich so langsam wahnsinnig geworden. Ich wollte mal wieder jemanden sehen, ich wollte mal wieder vor die Tür." Sie versuchte, die Quarantäne abzukürzen, indem sie sich selbst Blut abnahm und an das Robert-Koch-Institut schickte. "Die Experten dort fanden Antikörper im Blut, aber der Rachenabstrich war weiter positiv." Also wieder eine Woche warten und dann wieder nach Beselich. "Die kannten mich dort schon."

"Es ist schlimmer, als ich dachte"

Und dann endlich das erwünschte Ergebnis. Und natürlich ist sie gleich am nächsten Tag wieder arbeiten gegangen. "Das war keine gute Idee." Schonung war nicht möglich: Eine Schlüsselbein-OP sei früher ein Klacks gewesen. Aber in der ersten Zeit seien anderthalb Stunden stehen mit den schweren Röntgenschürze nicht so einfach gewesen. "Man kann nicht so weitermachen wie vorher", sagt Vanessa Gerold. Ein paar Wochen lang hätte sie nach der Arbeit nur noch schlafen können, im August sei sie das erste Mal in den zweiten Stock gelaufen ohne richtig erschöpft zu sein. "Es ist schlimmer als ich dachte."

Sie ist froh, dass sie niemanden angesteckt hat. Das sei immer ihre größte Sorge gewesen, sagt Vanessa Gerold. In der Klinik seien alle Kollegen negativ getestet worden, ihre Freundin sei gesund, ihre Familie auch. Und weil sie will, dass das so bleibt, trägt sie weiterhin die Maske, "ich gehe mit guten Beispiel voran". Und sie hat kein Verständnis dafür, wenn sie auf der Straße, im Geschäft oder in der Klinik Menschen sieht, die gar keine vernünftige Maske tragen oder nur über dem Mund oder die Maske zum Reden runterziehen. Die hätten alle die Bilder von den Trucks vergessen, die voller Särge zum Friedhof fahren.

Und: "Sie haben alle nicht gesehen, wie es den Kranken geht." Junge Männer, die künstlich beatmet werden müssen zum Beispiel. Es gebe erstaunlich viele junge Männer mit schwerem Krankheitsverlauf. "Wir müssen das Virus weiter ernst nehmen", sagt Vanessa Gerold. Ihr graue schon vor dem Herbst. In ihrer Klinik gibt es längst Notfallpläne "für die nächste Corona-Welle". Vanessa Gerold weiß schon, wo sie eingesetzt wird: auf der Corona-Intensivstation. Jetzt hofft sie, dass es dann endlich genug FFP2-Masken gibt.

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