Kultur trifft Handwerk: Pia Henrich macht Kerstin Heiligtag die Haare schön.
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Kultur trifft Handwerk: Pia Henrich macht Kerstin Heiligtag die Haare schön.

Auf schwierige Situation der Künstler hinweisen

Runkel: Ein abendlicher Friseurbesuch mit Kulturgenuss

  • vonRobin Klöppel
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Ungewöhnliche Idee des Veranstalters Dieter Buroch: Haare schneiden in der Zehntscheune

Runkel -Künstler haben es in der aktuellen Corona-Zeit besonders schwer. Seit einem Jahr können kaum noch Veranstaltungen stattfinden, auch in der Runkeler Zehntscheune der Burg nicht. Da hatte der Macher des Runkeler Kultursommers, Dieter Buroch, eine besondere Idee. Da Künstler aktuell durch das Veranstaltungsverbot nicht auftreten können, Friseure seit 1. März wieder ihre Läden öffnen dürfen, lag es für den Wahl-Runkeler nahe, Friseure und ihre Kunden einfach zu Künstlern in der Zehntscheune zu machen. "Ich wollte mal wieder etwas Schräges machen", sagt Buroch. Für die Friseurinnen sei die Inszenierung eine gute Übung, bevor Montag der Hochbetrieb in den Salons losgehe.

Fünf Frauen als Kundendarstellerinnen hatte Buroch schnell gefunden. In Burochs Inszenierung am Sonntagabend (siehe unten stehenden Text) wurde ein Friseurbesuch dargestellt. Fünf Friseurinnen des örtlichen Salons von Pia Henrich schnitten den Freiwilligen die Haare.

Die Situation der Künstler

Für Buroch hat der künstlerische Akt auch einen persönlichen Positiveffekt: "Jetzt muss ich mich nicht um einen Friseurtermin bemühen, sondern bekomme hier auch noch selbst die Haare gemacht." Hauptgrund des "kleines Stückes Wahnsinn" (so Buroch) in der Zehntscheune sei es aber, die Öffentlichkeit auf die Situation der Künstler und der Gewerbetreibenden hinzuweisen. In Runkel würden, alle Akteure zusammenhalten, wie Buroch weiß. Da ließen sich Künstler und Friseure eben nicht nach dem Motto gegeneinander ausspielen: "Warum darf der schon öffnen und ich nicht"? Neiddiskussionen führten zu nichts. Der Lockdown treffe jeden.

Die Aktion solle ein kreatives Signal nach außen senden, dass das normale Leben irgendwann weitergehen müsse. Es gelte, mit Spaß so lange die schwere Corona-Zeit zu überstehen. Während ihres Haarschnitts wurden die Friseurbesucher musikalisch von der Schadecker Sängerin Tatjana Trommershäuser unterhalten. Live-Publikum war in Runkel nicht zugelassen, jedoch soll zeitnah ein Video der Aktion auf facebook geteilt werden. "Damit wollen wir auch der schwierigen Zeit etwas Humor entgegensetzen, zu kreativen Ideen während der Pandemie anregen und natürlich etwas Werbung für die Kulturmetropole Runkel machen", so Buroch.

Sämtliche Termine bereits ausgebucht

Kerstin Heiligtag verrät, warum sie bei dem ganzen Theater mitmacht. Sie wolle auf die schwere Lage der Kultur in der Corona-Zeit aufmerksam machen. Die Runkelerin hat aber noch eine zweiten Grund: "Wenn man nicht zum Friseur gehen kann, dann leidet man." Sarah Linn hingegen versichert, dass es ihr beim Mitmachen nicht darum ging, dass die eigenen Haare wieder richtig liegen. "Mir geht es nicht um mich selbst, sondern darum, auf die allgemeine Situation und die Probleme der Kultur in der Corona-Zeit hinzuweisen", so die Dehrnerin.

Friseurmeisterin Pia Henrich hat Burochs Anfrage sofort zugesagt, "weil es eine gute Aktion ist, um auf die Friseure aufmerksam zu machen". Für sie sei es eine Freude, dass sie mit ihrem Salon Montag wieder "los dürfe". Für die kommenden dreieinhalb Wochen seien sämtliche Termine bereits ausgebucht. Sie verzichte sogar auf die freien Montage und schneide die nächsten Wochen von 8.30 bis 19.30 Uhr durch. Zum Glück sei sie, wie Henrich betont, schon lange im Geschäft und habe Rücklagen. Aber sie denke, dass es in der Region einige Friseure gebe, die ihr Geschäft nicht wieder aufmachen würden. Gerade junge Friseure, die erst vor kurzem Geld investiert hätten, um einen neuen Salon zu eröffnen, bekämen sicher Probleme. Denn Kredite müssten ja auch in Corona-Zeiten zurückgezahlt werden. In zehn Wochen Geschäftsschließung würden pro Kunde zwei bis drei Haarschnitte durch die Lappen gehen, weiß Henrich. Das sei durch ein besseres Geschäft die kommenden Wochen nicht auszugleichen. Pia Henrich hat aber auch bei der Aktion in der Zehntscheune mitgemacht, um die regionalen Künstler zu unterstützen, die mangels Auftritten schon seit Monaten lahmgelegt seien. Und von denen haben die wenigsten Rücklagen . . .

"Das muss kontrovers diskutiert werden"

Eigentlich war an alles gedacht. Der Raum war groß genug, die Hygienevorschriften wurden beachtet, Frisörinnen und die Kunden trugen medizinische Masken, und an Desinfektionsmittel wurde auch gedacht. Nur einen Haken hatte die Sache: Die Veranstaltung war einen Tag zu früh, denn die Frisöre hatten eigentlich erst am 1. März grünes Licht für ihre Tätigkeit, und das Konzert mit dem ungewöhnlichen Publikum ging am Sonntag sogar wortwörtlich über die Bühne.

Der Grund dafür: Dieter Buroch musste einen Termin für seine Veranstaltung finden, an dem alle Akteure auch Zeit hatten und zudem wollte er auch zeitnah auf die Problematik aufmerksam machen - und da kam nur der Sonntag in Betracht. Und sowieso müssten die Friseurinnen nach der wochenlangen Pause schließlich auch erst wieder trainieren, bevor gestern die Kundschaft vor der Tür steht, sagte er verschmitzt.

Sollte der Termin nun nachträglich zum Problem werden, würde er sich "dem Konflikt stellen". Und das auch mit einer gewissen Angriffslust: "Das muss kontrovers diskutiert werden, und ich übernehme die Verantwortung." mg

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