Projektentwickler Stefan Siegmund von "Energiequelle" erläuterte den aktuellen Planungsstand.
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Projektentwickler Stefan Siegmund von "Energiequelle" erläuterte den aktuellen Planungsstand.

Infomarkt in der Stadthalle

Runkel: "Ein kritischer Standort für Windenergieanlagen"

  • Rolf Goeckel
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Projektierer, Gutachter und Naturschützer informierten über Windkraftprojekt in Arfurt und Seelbach

Runkel/Villmar -Mit einem Infomarkt in der Stadthalle haben die Stadt Runkel und das Bürgerforum Energiewende Hessen über die Windkraftpläne rund um den Steimelskopf auf Arfurter und Seelbacher Gemarkung informiert. Der Windkraftprojektierer Energiequelle, ein bundesweit tätiges Unternehmen mit Hauptsitz in Kallinchen bei Berlin, will dort bis spätestens 2025 sieben Windenergieanlagen errichten, wie Abteilungsleiter Projektentwicklung Stefan Siegmund erläuterte. Seit anderthalb Jahren verfolgt Energiequelle das Vorhaben; derzeit wird noch ein Vogelschutzgutachten erstellt. Voraussichtlich im kommenden Jahr solle ein Bauantrag eingereicht werden, so Siegmund.

Vier Anlagen sind auf Arfurter Gebiet geplant, drei in Seelbach. Der gesetzlich vorgeschriebene Mindestabstand von 1000 Metern zur geschlossenen Wohnbebauung werde von allen sieben Anlagen eingehalten, so Siegmund. Gebaut werden sollen Windenergieanlagen mit einer Nabenhöhe von rund 165 Metern und einer Gesamthöhe von 240 Metern. Anlagen, die speziell für Schwachwindgebiete wie in Arfurt und Seelbach konzipiert seien, so Siegmund. Denn mit einer geschätzten Geschwindigkeit von weniger als sechs Metern pro Sekunde sei die Windhäufigkeit vergleichsweise gering. Gleichwohl sei ein wirtschaftlicher Betrieb möglich, betonte der Projektentwickler - sofern eine Bedingung erfüllt werde. "Die Pacht darf nicht zu hoch sein."

Konkret bedeutet dies, dass der künftige Betreiber - ob das Energiequelle selbst oder ein anderes Unternehmen ist, steht nicht fest - pro Windrad 50 000 Euro Pacht pro Jahr an die ausschließlich privaten Grundstückseigentümer zahlen will. Auch die Stadt Runkel würde, wenn auch deutlich geringer, von den Windkraftanlagen profitieren. Denn sie ist Eigentümerin der Feldwege, die zu den einzelnen Standorten führen.

Ob die Anlagen genehmigungsfähig sind, muss nach gegenwärtigem Stand allerdings mit einem Fragezeichen versehen werden, wie auch Stefan Siegmund einräumte. Denn: "Es handelt sich um nicht ganz einfache Flächen, was den Artenschutz angeht." Eine Einschätzung, die auch die Biologin Dr. Julia Sommerfeld vom Büro für faunistische Fachfragen (BFF) in Linden teilte. Das Fachbüro wurde von Energiequelle mit der Erstellung eines Vogelschutzgutachtens beauftragt, das noch nicht abgeschlossen ist. Vorläufiges Ergebnis, so Dr. Sommerfeld: "Es müssen Maßnahmen zum Schutz der Vögel ergriffen werden." Das könnte beispielsweise bedeuten, dass automatische Abschaltvorrichtungen installiert werden müssen, damit gefährdete Großvögel wie Rotmilan oder Schwarzstorch von den Windrädern nicht zerschreddert werden. Aber auch längere Abschaltzeiten seien denkbar.

Bis zu zwölf Millionen Kilowattstunden Strom

Untersuchungen hätten gezeigt, dass das Gebiet rund um den 230 Meter hohen Steimelskopf ein "Dichtezentrum" für Großvögel ist. Gesichtet wurden in einem 1000-Meter-Radius zwei Rotmilan-Paare, in einem größeren Radius bis 4000 Meter weitere sechs Paare. Außerdem wurden Schwarzmilane, Uhus und Wespenbussarde festgestellt. Noch nicht geklärt ist, inwiefern Zugvögel von den Windrädern beeinträchtigt würden, erläuterte Julia Sommerfeld, die von einem "kritischen Standort" für Windenergieanlagen sprach. Immerhin: Weniger problematisch ist das Gebiet offenbar für Fledermäuse, deren Vorkommen ebenfalls untersucht worden ist.

Mögliche Abschaltzeiten wirkten sich auf Energieausbeute und Rentabilität aus, sagte Projektierer Siegmund. Nach Schätzungen kann jede Anlage bis zu zwölf Millionen Kilowattstunden (Kw/h) Strom pro Jahr erzeugen und damit rund 4000 Haushalte versorgen. Das Investitionsvolumen pro Windrad bezifferte Siegmund auf sechs Millionen Euro bei einer Laufzeit von 25 Jahren.

Auch über die raumplanerische Seite des Projektes konnten sich die rund 150 Besucher an einem Infostand des Regierungspräsidiums Gießen (RP) informieren. Demnach gehört das 152 Hektar große Projektgebiet zum Vorranggebiet Windenergie 1117 des Teilregionalplans Energie Mittelhessen, das der TÜV Süd schon 2011 als geeignet eingestuft habe, so Claudia Bröcker vom RP. "Das bedeutet aber nicht, dass Windenergieanlagen automatisch genehmigt werden." Im Gegenteil: "Der Bauantrag wird von uns genau geprüft."

Begutachtet wurden nicht nur Vogelflug und Fledermausaufkommen, sondern auch Schallemissionen und Schattenwurf. Ergebnis: Beide Parameter werden von den Anlagen eingehalten. Erlaubt ist in den Ortslagen Seelbach und Arfurt ein Schalldruck von 35 bis 40 Dezibel. Beim Thema Schattenwurf mache lediglich eine Anlage in der Ortslage Seelbach Probleme, wie Gutachter Jan Gronewald berichtete. "Hier ist wohl mit einer zeitweisen Abschaltung der Anlage zu rechnen", sagte er. Die übrigen Windräder seien "völlig unproblematisch". Dieser Einschätzung liegt die Annahme zugrunde, dass die Anlagen nicht mehr als 30 Minuten am Tag oder 30 Stunden pro Jahr Schatten werfen.

Auch der und für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) war mit einem Stand vertreten. Zwar stehe die Naturschutzorganisation der Windkraft grundsätzlich positiv gegenüber, sagte Kreisvorsitzender Gerd Zimmermann. Ob der BUND aber im Genehmigungsverfahren für diese Anlagen eine positive oder negative Stellungnahme abgibt, sei noch nicht entschieden.

In einem Grundsatzpapier zur Windkraft betont der BUND zwar die Bedeutung des Artenschutzes, stellt aber zugleich fest, dass nicht die Windkraft, sondern andere Faktoren für das Vogelsterben seit 1980 verantwortlich seien: die industrielle Landwirtschaft, der Mangel an Lebensraum und auch an Nahrung durch den massiven Rückgang der Insekten. Jedes Jahr, so der BUND, sterben jeweils Millionen Vögel in Deutschland durch Straßen- und Bahnverkehr, Glasscheiben, Hauskatzen, Jagd und Stromleitungen, aber "nur" 100 000 durch Windkraftanlagen.

Windkraftgegner nahmen nicht teil

Auch die Stadt Runkel hat sich zu dem Projekt Arfurt/Seelbach noch nicht positioniert. Bürgermeister Michel Kremer (parteilos) erklärte, dass er persönlich Windkraft für eine "gute, sinnvolle Sache" halte, die aber sicher nicht alle Probleme löse. Positiv sei, dass die Stadt Runkel mit der Verpachtung der Feldwege Einnahmen generieren könne, so Kremer.

Windkraftgegner waren der Veranstaltung trotz Einladung ferngeblieben. Nur Werner Eisenkopf aus Runkel verteilte vor der Stadthalle Infoblätter, die sich kritisch mit der Windenergie auseinandersetzen.

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