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Seit dem Mittelalter hatte die Stadt Runkel eine Zentralfunktion für die umliegenden Ortschaften. Daran knüpfte die neue Stadt Runkel bei der Vereinigung der Jahre 1970 bis 1974 an.

Gebietsreform

Wie vor 50 Jahren die neue Stadt Runkel entstand

  • Rolf Goeckel
    vonRolf Goeckel
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Jubiläum der Fusion im Jahr 1970: Später folgte dann noch das Drama um Dehrn.

Runkel -Sang- und klanglos ist in diesen Tagen ein Jubiläum verstrichen, das in Nicht-Corona-Zeiten vermutlich Anlass für ein größeres Fest geboten hätte: Vor 50 Jahren, genauer am 1. Dezember 1970, wurde im Zuge der damaligen Gebietsreform die neue Stadt Runkel aus der Taufe gehoben. Die bisher selbstständigen Gemeinden Schadeck, Steeden und Ennerich schlossen sich mit Runkel zur neuen Stadt Runkel zusammen. Am 31. Dezember folgten in einem zweiten Schritt die Gemeinden Hofen, Eschenau, Arfurt und Wirbelau. Als letzter Stadtteil folgte am 1. Juli 1974 die Gemeinde Dehrn.

Die Vereinigung hautnah miterlebt und selbst mitgestaltet hat der damalige Bürgermeister von Runkel, Herbert Klos, der im Jahr 1967 von der Stadtverordnetenversammlung zum Amtsnachfolger des verstorbenen Robert Bärenfänger gewählt worden war. Klos gehörte damals den Freien Wählern an, später wechselte er zur SPD, der der 82-Jährige bis heute angehört. Schon in seiner Bewerbungsrede von 1967, erinnert sich Klos, habe er die Gründung einer neuen Stadt Runkel im Blick gehabt - zu einer Zeit, als die Gebietsreform zumindest offiziell noch gar kein Thema der Politik gewesen sei. "Aus dem historisch begründeten Mittelpunkt muss ein neuzeitliches Zentrum werden", sagte Klos damals.

Den Bau der Mittelpunktschule in Runkel sah der damals 29-Jährige als einen ersten Schritt auf diesem Weg. Der nächste Schritt folgte bereits ein Jahr später. "Gemeindevertreter aus Schadeck kamen auf mich zu, ob ich nicht auch Bürgermeister von Schadeck werden wollte", erzählt Herbert Klos. Hintergrund war, dass der ehrenamtliche Schadecker Bürgermeister Otto Mannes schon alt war und viele Schadecker einen Wechsel und den Aufbau einer modernen, hauptamtlichen Verwaltung wünschten.

Allerdings sollten beide Kommunen zunächst ihre Parlamente und auch das Budgetrecht behalten. Ende 1968 führten die Gemeinde Schadeck und die Stadt Runkel einen gemeinsamen Gemeindevorstand und eine gemeinsame Verwaltung ein. "Diese Regelung war nach dem Gesetz über kommunale Zusammenarbeit möglich und geeignet, andere umliegenden Gemeinden vom Nutzen und Sinn einer verstärkten Zusammenarbeit zu überzeugen", berichtet Klos. Bei dieser "Fusion light" blieb es zunächst, obwohl es in beiden Kommunen Bestrebungen zu einem vollständigen Zusammenschluss gab. Doch konnten sich die Schadecker 1969 noch nicht zu einem vollständigen Zusammenschluss durchringen.

Für die Fusion

gab's eine Prämie

Der kam wenig später, nachdem die hessische Landesregierung eine Gebietsreform angekündigt hatte. Freiwillige Zusammenschlüsse sollten finanziell honoriert werden. Anders als in manchen anderen Kommunen war von Anfang an klar, so erinnert sich Herbert Klos, dass schon aus historischen Gründen das ehemalige Amt Runkel Zentrum der neuen Stadt sein würde. In vielen Dörfern sei damals zudem die Einsicht gewachsen, dass es vorteilhaft sein würde, die bisher ehrenamtliche in eine hauptamtliche Verwaltung zu überführen.

In Bürgerversammlungen, so berichtet Herbert Klos, wurden die Fusionspläne vorgestellt und diskutiert. Größeren Widerstand habe es damals nicht gegeben, zumal die finanziellen Vorteile eines freiwilligen Zusammenschlusses gegenüber einer von der Landesregierung angeordneten "Zwangsehe" auf der Hand lagen. Noch gut kann sich der Runkeler Alt-Bürgermeister an eine Episode in Schadeck erinnern, die er auch in seinem Beitrag zum Buch "850 Jahre Stadt Runkel" (2009) beschrieben hat: "Mitten in der Diskussion ertönte ein nicht zu überhörender Knall. Robert Schreiber hatte ihn durch ein Zusammenschlagen der Hände ausgelöst. ,Ich habe sie gefangen, die letzte Runkeler Mücke', rief er als Erklärung. Schallendes Gelächter antwortete ihm. Danach war die Stimmung gelockert."

Alle künftigen Runkeler Stadtteile, mit Ausnahme Dehrns, das im benachbarten Kreis Limburg lag, stimmten im Herbst 1970 dem Zusammenschluss und dem Grenzänderungsvertrag zu, so dass der Oberlahnkreis dem Innenministerium in Wiesbaden die Beschlüsse zur Genehmigung vorlegen konnte. "In dieser Zeit wurde ich sieben oder acht mal zum Bürgermeister gewählt", erinnert sich Klos, der bis heute eine dicke Mappe mit Urkunden, Zeitungsausschnitten und Redemanuskripten von damals besitzt.

Lediglich in Arfurt hakte es kurzzeitig etwas. "Viele Arfurter wären lieber mit Villmar zusammengegangen", erzählt Klos. Das Thema hatte sich dann aber erledigt, als klar wurde, dass es keinen Brückenneubau über die Lahn geben würde, der Arfurt mit Villmar verbunden hätte.

Für Aufregung sorgte schließlich noch einmal das letzte Kapitel in der Geschichte der Bildung der neuen Stadt Runkel: Der Zusammenschluss mit Dehrn. Voraussetzung war der angestrebte Zusammenschluss des Oberlahnkreises mit der Kreisstadt Weilburg mit dem Kreis Limburg zum neuen Landkreis Limburg-Weilburg im Jahr 1974. Zunächst sprach vieles dafür, dass Dehrn der Stadt Limburg zugeschlagen würde: So sah es ein 1973 eingebrachter Gesetzesentwurf der Landesregierung vor, und auch eine knappe Mehrheit der Dehrner Gemeindevertretung (8:7 Stimmen) und der Limburger Kreistag stimmten für die Fusion mit der Kreisstadt.

Pfeifkonzert für

den Bürgermeister

Auf der anderen Seite stand ein einstimmiges Votum der Stadtverordnetenversammlung Runkel: "Die Stadtverordnetenversammlung (. . .) hält es aus sachlichen Gründen für notwendig, dass die Gemeinde Dehrn der Stadt Runkel zugeordnet wird." Unterstützung erhielt die Stadt Runkel vom Kreistag des Oberlahnkreises, der sich ebenfalls dafür aussprach, Dehrn in die Stadt Runkel einzugliedern.

In den darauffolgenden Wochen folgte ein politisches Tauziehen, deren wichtigste Akteure der Runkeler Stadtrat Heinz Freiling, der Vorsitzende der FDP-Fraktion Otto Wilke und vor allem der hessische Finanzminister Heribert Reitz (SPD) aus Limburg waren. Sie alle sprachen sich für eine Zuordnung Dehrns zur Stadt Runkel aus, die der hessische Landtag dann am 3. Januar 1974 im Zuge der Neugliederung der Landkreise gesetzlich verfügte. Am 1. Juli wurde der Beitritt Dehrns zur Stadt Runkel vollzogen.

Ein Schritt, der in Dehrn auf reichlich Gegenwind stieß, wie sich Herbert Klos erinnert. "Bei einem Empfang für den Fußballweltmeister von 1974 Bernd Hölzenbein in der alten Turnhalle seiner Heimatgemeinde wurde ich von einem riesigen Pfeifkonzert empfangen", erzählt Herbert Klos. "Erst als ich darauf hinwies, dass sich die Pfiffe auch gegen Bernd Hölzenbein richteten, wurde es ruhig."

Für Herbert Klos brachte die Eingemeindung von Dehrn beinahe das Ende seiner Bürgermeisterkarriere, die er sieben Jahre zuvor begonnen hatte. Mit nur einer Stimme Mehrheit gewann der Runkeler im September 1974 gegen den Kandidaten Edwin Stahl aus Dehrn. Herbert Klos sollte der bis heute am längsten amtierende Runkeler Bürgermeister bleiben. Erst 1995 schied er aus dem Amt.

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