Flucht vor der Pogromnacht

Das Schicksal der Familie Ackermann

Die Reichspogromnacht jährt sich in Kürze zum 80. Mal. Auch für viele Villmarer Juden bedeutete die Zeit des Nationalsozialismus ein tiefer Einschnitt, der für einige von ihnen tödlich endete.

Während der Zeit des Nationalsozialismus kämpften auch Juden in Villmar um ihr Überleben. Wie in ganz Deutschland wurden sie lange vor der physischen Vernichtung diskriminiert. So ist in den Protokollen der Gemeinde Villmar am 8. Februar 1938 nachzulesen: „Der Pachtvertrag der Gemeinde-Viehwaage wird gekündigt, da in dem neuen Vertrag, laut Kreisleitung der Vertrag, worauf der Verkehr der Gemeindebeamte mit Juden verboten ist, noch eingetragen werden muß“. Am 11. Februar 1938 folgte der Eintrag: „Da der Verkehr mit Juden immer noch nicht eingestellt ist, wird beschlossen, dass sämtliche Einwohner, welche wieder Handel oder freundschaftliche Beziehungen mit den Juden unterhalten von sämtlichen Gemeindenutzungen auf die Dauer von drei Jahren ausgeschlossen werden, ausgenommen für Handlungen, welche erforderlich werden, durch Absatz von Vermögenstücken von auswanderten Juden.“

In dieser Zeit planten Isaak Ackermann und seine Enkelin Gretel ihre Auswanderung in die USA zur Familie von Sohn Josef. Isaak Ackermann lebte damals in der oberen Grabenstraße in einem Wohnhaus mit Scheune und Nebengebäude. Er und seine Enkelin Gretel hatten von Angehörigen ein Visum für die USA erhalten und verließen am 12. Juli 1938 Villmar in Richtung St. Louis.

Nach der Pogromnacht 1938 und der zeitweiligen Inhaftierung von Josef und dessen Sohn Leopold in Diez verkaufte Josef Ackermann sein Anwesen 1939 an die Gemeinde und zog mit seiner Frau Berta und Leopold am 9. Oktober 1939 nach Mainz. Wie wir heute wissen, wurden sie von dort in ein deutsches Vernichtungslager nach Polen deportiert. Seitdem fehlt von ihnen jedes Lebenszeichen.

Das Wohnhaus der Ackermanns wurde später als NS-Kindergarten und als Heim für die Hitlerjugend genutzt. Diese Umnutzung brachte der NSDAP-Ortsgruppenleiter Heinrich E. auf den Weg, der mit seiner Familie im Oktober 1938 nach Villmar gekommen war und als neuer Hauptlehrer in der Volksschule arbeitete. In einer nicht öffentlichen Sitzung des Gemeinderats am 22. Oktober 1939 im Villmarer Rathaus beantragte Heinrich E. das jüdische Haus Ackermann als NS-Kindergarten und eventuell auch als HJ-Heim zu nutzen.

Die Mitglieder des Gemeinderats, die alle auch der NSDAP angehörten, kamen dem Antrag des Ortsgruppenleiters nach und verlegten das Hitlerjugend-Heim von dem alten Schulgebäude an der Kirche in das ehemalige jüdische Gebäude, das sich jetzt „Parteihaus“ nannte. Der dort eingerichtete NS-Kindergarten stand in Konkurrenz zum katholischen Kindergarten an der Pfarrkirche. Der NS-Kindergarten mit der nationalsozialistisch gesinnten Leiterin Anna Hirt aus Fürth im Odenwald wurde nur von einem Dutzend Kindern der Parteigenossen besucht. Auf Beschluss der NSDAP wurde der katholische Kindergarten im August 1940 geschlossen und von dem NS-Kindergarten bezogen.

In dem neuen „Parteihaus“ in der Grabenstraße wurden Villmarer Einwohner von der Gestapo verhört. Früher diente das Rathaus diesem Zweck. 1944 war das Gebäude außerdem Wohnstätte für Luftnachrichten-Helferinnen der Wehrmacht und Zufluchtsort für Ausgebombte. 1946 fanden hier Vertriebene aus dem Sudetenland Unterkunft. Nach dem Wiedergutmachungsgesetz erhielt 1951 die Erbin des Gebäudes Gretel Moses, geborene Ackermann, die 1938 in die USA geflüchtet war, das Elternhaus in der Grabenstraße von der Gemeinde für 800 Mark zurück.

Hauptlehrer Heinrich E., der zwar als Pädagoge geachtet, als NS-Ortsgruppenleiter und Judenhasser aber gefürchtet war, flüchtete vor der Besetzung Villmars durch die US-Armee. Seine Familie ließ er im Lehrerwohnhaus in der Lahnstraße zurück. Sie zog im Oktober 1945 nach Schmitten. Nach Kriegsende wurde Heinrich E. 1946 verhaftet und nach Zeugenermittlungen im Spruchkammerverfahren in die Gruppe 1 der Hauptschuldigen eingereiht. Er wurde zu zwei Jahren Gefängnis in der Haftanstalt Butzbach, Einziehung des Vermögens und Berufsverbot verurteilt.

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