Schreiben heißt, nicht stehen bleiben

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„Das wird schon“ hieß der erste Roman von Barbara Kunrath, den sie vor drei Jahren im E-Publishing-Verfahren veröffentlichte. Inzwischen hat die Autorin aus Ennerich ihr zweites Buch, „Freier Fall“, geschrieben, das ebenfalls als E-Book zu erhalten ist.

„Ich bin nicht Thea Brandner“, sagt die zierliche Frau freundlich, aber bestimmt. „Thea Brandner ist die Protagonistin in meinem Buch, nicht in meinem Leben.“ Allenfalls ein paar Berührungspunkte gibt es, räumt die Autorin ein, und es gibt ihre Vorstellungskraft, mit der sie sich in das Leben der Thea Brandner einfühlt. Die Autorin heißt Barbara Kunrath. Ihr Buch, in dem das bewegte und bewegende Leben von Thea Brandner geschildert wird, ist Kunraths zweiter, als E-Book im Selbstverlag veröffentlichter Roman. „Freier Fall – Spuren der Angst“: Thea, eine sozial und wirtschaftlich abgesicherte 50-jährige Frau zerbricht an dem Druck ihres selbst verordneten Perfektionismus. Sie muss ihr Leben neu zusammensetzen, doch je mehr sie darum kämpft, desto deutlicher werden schaurige Details ihrer Vergangenheit. Nein, wiederholt Barbara Kunrath, „es ist keine Autobiographie“.

Aber Parallelen wie die Migräne-Anfälle, gegen die Barbara Kunrath jahrelang ankämpfte, gibt es doch. Zehn bis zwölf Migränetage habe sie im Monat gehabt, erzählt sie, habe Schmerzmittel genommen, um die Wirkung der „Explosionen im Kopf“ zu dämpfen. Aber eine Lösung war das nicht. Dann, vor vier Jahren, schickte ihr Arzt sie für einige Wochen zur psychosomatischen Therapie in eine Klinik nach Thüringen. Dort begann Barbara Kunrath zu schreiben. Ihr erster Roman „Das wird schon“ entstand. „Dieses Buch ist voll biografisch. Jedes beschriebene Ereignis hat tatsächlich so stattgefunden“, sagt sie. Das Schreiben bekam eine therapeutische Qualität. Es wurde zum Projekt.

Sie brauche immer ein „Projekt“, erzählt die 54-Jährige aus Ennerich. Früher habe sie Klavier gespielt, aber irgendwann eingesehen, dass aus einer Pianistenkarriere nichts werden würde. Dann konzentrierte sich Barbara Kunrath aufs Reiten. „Als ich 40 Jahre alt wurde, hatten die Pferde bei mir oberste Priorität.“ Doch aus gesundheitlichen Gründen mussten die Pferde aufgegeben werden. Das neue Projekt hieß „Schreiben und Veröffentlichen“. Eine ihrer Töchter habe ihr dazu geraten, berichtet Kunrath. „Sie las in meinem Reha-Tagebuch und fand, das müsste unbedingt veröffentlicht werden.“

Nur, so einfach ist das mit dem Veröffentlichen eines Romans nicht, fand die Autorin heraus. Wenn man die Kosten für Produktion und Vertrieb selbst übernimmt, findet man vielleicht ein Unternehmen. Aber das kam für Barbara Kunrath nicht in Frage. Sie musste feststellen, dass sie „keine literarische Basis“ hatte. Die gelernte Industriekauffrau konnte ein abgebrochenes Architekturstudium, ein paar schriftstellerische Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit einem Weinjournalisten und eine mehrjährige Tätigkeit als Grußwortautorin und Vereins-Schriftführerin vorweisen. „Mir wurde klar, dass man ohne Protektionen nicht in den Literatur-Betrieb reinkommt“, sagt Barbara Kunrath. Also entschied sich die Ennericherin für den Fernstudiengang „Schule des Schreibens“ an der Universität Hamburg.

Die Mehrheit aller Kommilitonen sind Frauen ihres Alters, hat Barbara Kunrath herausgefunden. Den meisten gehe es darum, nicht stehen zu bleiben, sondern noch mal irgendetwas im Leben zu bewegen. Das Gefühl, nicht allein zu sein, tat ihr gut. Drei bis vier Monate hatte sie am Grundgerüst von „Freier Fall“ geschrieben, hatte die Charaktere entworfen und deren Lebenslinien gezeichnet. Danach wurde umgeschrieben, überarbeitet und immer wieder einem sehr kleinen Kreis ausgewählter Zuhörer vorgelesen. Aber die Zweifel blieben.

Sie wollte mehr Sicherheit, eine professionelle Rückmeldung zu ihrem Buch. Also beauftragte sie eine Lektorin, eine Probe ihres Werks zu beurteilen. Drei Wochen Bearbeitungszeit habe die Lektorin beansprucht. Aber bereits nach zwei Wochen habe sie sich gemeldet und gesagt, sie könne das Buch nicht mehr aus der Hand legen. „Das hat mich unheimlich aufgebaut.“ Barbara Kunrath begann, ihr Buch als elektronisches Druckerzeugnis anzubieten. Rund 100 Bücher wurden bislang heruntergeladen. Und mindestens 100 Mal ist die Autorin Barbara Kunrath gefragt worden, ob sie Thea Brandner ist.

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