1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg

Selbsthilfe ist systemrelevant

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Sabine Rauch

Kommentare

„Selbsthilfe ist nicht mehr wegzudenken“, sagt Michelle Bautz von der Selbsthilfekontaktstelle des Landkreises Limburg-Weilburg.
„Selbsthilfe ist nicht mehr wegzudenken“, sagt Michelle Bautz von der Selbsthilfekontaktstelle des Landkreises Limburg-Weilburg. © sbr

Nach zwei Jahren Pandemie-Pause ist es wieder möglich: Die Selbsthilfegruppen im Landkreis Limburg-Weilburg präsentieren sich und ihre Arbeit am 1. Oktober.

Limburg-Weilburg -Für die Krankenkassen sind sie eine sekundärpräventive Maßnahme und förderungswürdig, Kliniken weisen ihre Patienten spätestens bei der Entlassung darauf hin, wie wichtig die Arbeit der Gruppen ist, und die Pandemie hat es noch mal ganz deutlich gezeigt: Selbsthilfe ist systemrelevat. Denn zumindest die Gruppen für Menschen mit Sucht- und psychischen Erkrankungen durften sich auch in der Zeit treffen, in der soziale Kontakte eigentlich verboten waren.

„Selbsthilfe hat heute ein ganz anderes Standing als noch vor ein paar Jahren“, sagt Michelle Bautz von der Selbsthilfekontaktstelle beim Gesundheitsamt des Landkreises Limburg-Weilburg. Und trotzdem gibt es noch Menschen, die bei Selbsthilfegruppen an Stuhlkreise und Jammervereine denken, die gar nicht wissen, dass es heute für fast alle Erkrankungen und Probleme die passende Gruppe gibt, dass Selbsthilfe nicht nur Kraft gibt, sondern auch Lobbyarbeit betreibt. Um das zu zeigen, lädt das Gesundheitsamt einmal im Jahr zum Tag der Selbsthilfe - bis die Pandemie auch das verhindert hat. Aber nach zwei Jahren Pause können sich die Gruppen wieder zeigen. Am Samstag, 1. Oktober, wollen sie wieder auf sich aufmerksam machen - mit Infoständen, Vorträgen und einer Podiumsdiskussion.

So viele Experten

Knapp 50 Gruppen aus dem ganzen Landkreis Limburg-Weilburg machen diesmal mit. Von der Parkinson-Regionalgruppe bis zum Kreuzbund, vom Club der Geschiedenen bis zur Selbsthilfegruppe für Menschen mit Ängsten und Depressionen. Für manche sei es gar nicht so einfach, Gesicht zu zeigen, sich zu bekennen, und das nicht nur in der Gruppe, sondern auch nach außen, sagt Michelle Bautz. „Sie haben alle ein Päckchen zu tragen.“

Das ist ja auch der Grund, warum Menschen in Selbsthilfegruppen gehen: Weil sie dort merken, dass sie nicht alleine sind, weil sie sich verstanden fühlen, weil es nirgends so viele Experten gibt. „Allein das Wissen, das Menschen in Selbsthilfegruppen sammeln, ist sonst nirgendwo zu bekommen“, sagt Michelle Bautz. Die Gruppen formulieren es so: „Selbsthilfe trägt.“ Man komme in eine Gemeinschaft und stelle schnell fest, dass man schon allein dadurch anders mit der Erkrankung umgehen kann.

Natürlich habe die Pandemie die Arbeit der Selbsthilfegruppen behindert. „Selbsthilfe ist genau das, was nicht möglich war.“ Nicht nur in den Zeiten des Lockdowns. Schließlich sind vor allem Menschen mit chronischen Erkrankungen in den Gruppen, und die meisten wollen und müssen ganz besonders vorsichtig sein. Und das ist besonders problematisch, weil sich viele Menschen mit ihren Sorgen alleine gelassen fühlten. „Die Treffen wurden schmerzlich vermisst“, sagt Michelle Bautz. Aber die Gruppen sind kreativ geworden: Sie haben sich online getroffen, telefoniert, Briefe geschrieben. Und überhaupt habe sich gezeigt, dass der Umgang mit Krisen eine große Stärke der Selbsthilfe sei. „Menschen mit chronischen Erkrankungen sind krisenerfahren.“

84 Gruppen im Landkreis

Und davon gibt es eine ganze Menge. Und inzwischen gibt es eine ganze Menge Selbsthilfegruppen im Kreis: Als Michelle Bautz vor knapp vier Jahren in der Selbsthilfekontaktstelle anfing, gab es knapp 60 Selbsthilfegruppen, heute sind es 84 - und es werden immer mehr. „Selbsthilfe ist nicht mehr wegzudenken.“ Und vieles sei schon erreicht. In den sozialen Gremien würden längst auch Menschen mit Beeinträchtigungen gehört, Barrieren abgebaut. „Aber die Politik muss die Selbsthilfe auf dem Schirm haben“, sagt sie.

Deshalb ist „Von Selbsthilfe lernen“ das Motto der Podiumsdiskussionen am 1. Oktober. Und das können nicht nur Ärzte, indem sie ihre Patienten „auf Augenhöhe“ wahrnehmen, sondern auch Politiker: Unter dem Motto „Perspektivwechsel und Zukunftsblick“ sollen sie mit den Experten über die Bedürfnisse von Selbsthilfe sprechen. Und da wird es sicher nicht nur um Stufen und fehlende Blindenstreifen gehen. „Sensibilisierung ist noch bei vielen Themen wichtig“, sagt Michelle Bautz. Auch beim Thema Krankheitsbewältigung. Viele Krankheiten seien noch immer mit Scham behaftet. Aber nur wenn sie enttabuisiert würden, sei Heilung überhaupt möglich. Aufklärung tut Not. Auch dafür ist der Tag der Selbsthilfe da.

Ursprünglich habe sie befürchtet, dass diesmal kaum jemand mitmachen will, sagt Michelle Bautz. Ganz im Gegenteil: Fast allen Gruppen sei wichtig, sich nach dieser Pause endlich mal wieder öffentlich zeigen zu können. Deshalb ist das Angebot groß wie nie: Wo sonst können Selbsthilfegruppen ihr Expertentum zeigen?

Diskussionen, Vorträge und Infostände

Am Samstag, 1. Oktober, stehen die Stadthalle und der Europaplatz ganz im Zeichen der Selbsthilfe. In der Zeit von 10 bis 15 Uhr stellen rund 50 Gruppen und Beratungseinrichtungen sich und ihre Arbeit vor. Landrat Michael Köberle (CDU) als Sozialdezernent und Erster Kreisbeigeordneter Jörg Sauer (SPD) als Gesundheitsdezernent freuen sich, „dass die Veranstaltung von den Selbsthilfegruppen derart stark nachgefragt wird, dass wir einen Teilnahmerekord zu verzeichnen haben“. Es sei wichtig, dass endlich wieder ein Tag der Selbsthilfe stattfinde, sagt Tanja Gruschke von der Selbsthilfegruppe für Muskelerkrankte. Sonst hätte die Gefahr bestanden, dass viele Selbsthilfegruppen aus dem Gedächtnis vieler Menschen verschwinden.

Bernd-Rainer Volz von der Selbsthilfegruppe Thoracic-Outlet-Syndrom dankt dem Landkreis Limburg-Weilburg dafür, „dass er die Arbeit der Selbsthilfegruppen besonders wertschätzt und sie nach besten Kräften unterstützt“. Es sei wichtig, dass der Kreis bei Fragen eine eigene Kontaktstelle habe.

Freia Tiederle-Klann, Leiterin der Asperger-Selbsthilfegruppe, betont, dass der Kreis durch die kostenfreie Bereitstellung von Räumen die Arbeit der Selbsthilfegruppen bestens unterstütze. Ihr sei es wichtig, sich der Öffentlichkeit zu präsentieren, um Vorurteile abzubauen.

Das können die Besucher des Selbsthilfe-Tages zum Beispiel auch im Dunkelkaufhaus, im Alterssimulationsanzug oder auf einem Demenzparcours. Eröffnet wird der Tag um 10 Uhr im Foyer der Stadthalle. Im Konferenzraum wird im Anschluss mit Medizinern und Politikern diskutiert, außerdem gibt es dort Vorträge, zum Beispiel über Schwerbehinderung im Berufsleben oder Angststörungen. Im Kleinen Saal der Stadthalle rauen sich Experten aus den Selbsthilfegruppen ans Mikrofon. Da geht es zum Beispiel um ADHS bei Erwachsenen oder Hilfsmittel bei körperlichen Beeinträchtigungen. Und im Großen Saal und auf dem Europaplatz präsentieren sich die Gruppen und Beratungseinrichtungen, sind Ansprechpartner für alle Fragen. Mehr Infos zur Selbsthilfekontaktstelle und den Selbsthilfegruppen im Kreis Limburg-Weilburg und das komplette Programm des Tages gibt es im Internet unter www.selbsthilfe-limburg.-weilburg.de.

Auch interessant

Kommentare