1. Startseite
  2. Region
  3. Limburg-Weilburg
  4. Selters

"Der Begriff Selters fehlt in keinem Lexikon"

Erstellt:

Kommentare

Über die Verleihung der Freiherr-vom-Stein-Ehrenurkunde beim Festakt zur 1250-Jahr-Feier von Niederselters freuten sich Dr. Norbert Zabel (von links), Dr. Rolf Faber, Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich, Michaela Schmidt-Illion, Landrat Michael Köberle, Ute Landwich, Thomas Pauli und Bürgermeister Bernd Hartmann.
Über die Verleihung der Freiherr-vom-Stein-Ehrenurkunde beim Festakt zur 1250-Jahr-Feier von Niederselters freuten sich Dr. Norbert Zabel (von links), Dr. Rolf Faber, Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich, Michaela Schmidt-Illion, Landrat Michael Köberle, Ute Landwich, Thomas Pauli und Bürgermeister Bernd Hartmann. © Ursula Königstein

Festakt mit Verleihung der Freiherr-vom-Stein-Ehrenurkunde

Niederselters -"Alles auf Erden ist Geschichte. Nichts ist denkbar ohne ein Vorher": So stelle die Beschäftigung mit der Vergangenheit, in der die heutige Gesellschaft tief verwurzelt sei, einen Zugewinn an Orientierung dar, aus dem sich Folgerungen für Gegenwart und Zukunft ableiten ließen, führte der Vorsitzende des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung, Dr. Rolf Faber, in seinem Festvortrag anlässlich eines Festakts zur Verleihung der Freiherr-vom-Stein-Ehrenurkunde aus. Mit dieser würdigte das Land Hessen die 1250-jährige schriftlich dokumentierte Geschichte von Niederselters.

Schwerpunkt seiner Darlegungen war die Bedeutung des Herzogtums Nassau für die Entwicklung der heutigen Demokratie und für den Brunnenort Niederselters. Gerade in nassauischer Zeit erlebte der Mineralbrunnen eine besondere Blütezeit, in der mehr als 100 Millionen Krüge mit dem Wasser aus der 1536 erstmals schriftlich erwähnten Seltersquelle gefüllt und in alle Welt verkauft wurden.

Dr. Faber erinnerte an die Gründung des Herzogtums Nassau in der napoleonischen Zeit, in der die Landkarte Europas grundlegend verändert wurde. Nassau ging 1806 aus dem Beitritt der beiden Fürsten Friedrich August von Nassau-Usingen und Friedrich Wilhelm von Nassau-Weilburg zum Rheinbund hervor. Dieser Landesgründung folgten zeitgemäße Gesetze und Verordnungen, die die Würde und Rechte der Untertanen anerkannten und den Boden dafür bereiteten, Schranken niederzureißen und den Weg zu einer modernen Gesellschaft zu ebnen. Als Beispiele nannte Dr. Faber die Aufhebung der Leibeigenschaft, die Einführung der Reise- und Niederlassungsfreiheit, eine grundlegende Finanzreform, die freie Verfügung über Grund und Boden, die Gewerbe- und Handelsfreiheit, größere religiöse Toleranz und die Aufhebung des Leibzolls für die Bürger jüdischen Glaubens.

Fortschrittliche Verfassung

Kernstück der Reformgesetzgebung sei, so Dr. Faber, der Erlass einer landständischen Verfassung von 1814 gewesen, an deren Formulierung der Reichsfreiherr Karl vom und zum Stein beteiligt war. Damit sei Nassau der erste deutsche Staat mit einer fortschrittlichen Verfassung mit bemerkenswerten liberalen Elementen gewesen, zugleich ein bedeutender Schritt hin zum modernen Parlamentarismus. Dadurch gelang es, beim Wiener Kongress nach dem Ende Napoleons die staatliche Existenz Nassaus zu sichern, nicht zuletzt auch durch Intervention des russischen Zaren Alexander, der jegliche Bestrafung der Rheinbund-Staaten ablehnte. Die deutschen Fürstentümer müssten erhalten bleiben, denn woher solle er sonst genug Prinzessinnen für sein Großfürsten nehmen, habe er sich zynisch gegenüber dem Freiherrn vom Stein geäußert.

Das Ende des Herzogtums Nassau kam 1866, nach dem, so Dr. Faber, von Otto von Bismarck regelrecht angezettelten Krieg, um "durch Blut und Eisen" für Preußen die führende Position in Deutschland zu erreichen. Ein souveräner Staat sei seiner Selbständigkeit beraubt und von einem anderen deutschen Staat mit einem Federstrich annektiert worden.

Wirtschaftlicher Aufschwung

Niederselters, in vielen Büchern beschrieben, habe eine lange und wegen der Seltersquelle besondere Geschichte, stellte Bürgermeister Bernd Hartmann fest, der die Gäste des Festakts namens der Gemeinde sowie des Kultur- und Geschichtsvereins und des Vereins "Mir sein Seldersch" als Mitausrichter willkommen geheißen hatte. Der Begriff "Selters" sei längs zum Bestandteil der Umgangssprache geworden, fehle in keinem Lexikon und sei in viele Sprachen übernommen worden. Bis ins 20. Jahrhundert hinein sei der Seltersbrunnen die Nummer Eins in Deutschland und insbesondere im Nassauer Land gewesen.

Auf die wichtigsten Epochen und Entwicklungen der Niederselterser Geschichte ging der Vorsitzende des Kultur- und Geschichtsverein, Dr. Norbert Zabel, ein, angefangen von den ersten urkundlichen Erwähnungen in der Stiftungsurkunde der Gräfin Rachild aus dem Geschlecht der Rupertiner vom 12. August 772, mit der sie ihren Besitz in "Saltrissa" und anderen Orten dem Kloster Lorsch vermachte, ebenso wie die Äbtissin Aba im Jahre 786 und der Schenkung der Gräfin Adaltrud zwischen 750 und 779 an die Abteil Fulda.

Untrennbar mit dem Brunnen, der damals und bis heute prominente Besucher anzog, verbunden ist der wirtschaftliche Aufschwung des Dorfes, wie Dr. Zabel anhand zahlreicher Beispiele darlegte.

Sein Bogen spannte sich von den Anfängen und dem 20. Jahrhundert mit dem Aufschwung in den Gründerjahren über die beiden Weltkriege und damit verbundenen dunklen Kapitel deutscher und Niederselterser Geschichte bis zur Gegenwart, in der sich das Dorf durch vielerlei Maßnahmen weiter positiv entwickelt und sich dabei gleichwohl seiner Vergangenheit verpflichtet zeigt. Und auch die jungen Niederselterser, so konstatierte Dr. Zabel, mögen ihre Heimat und ihre besondere Geschichte.

Wie zuvor Landrat Michael Köberle, der die Grüße des Kreises und seiner Gremien übermittelte, gratulierte auch Regierungspräsident Dr. Christoph Ullrich Niederselters zum 1250. Jubiläum. Gerade von einem Besuch in einem Aufnahmezentrum für ukrainische Flüchtlinge gekommen, verwies er auf den Krieg in der Ukraine nach 70 Jahren Frieden in Europa. Mit den Folgen werde noch lange zu kämpfen sein.

Auch Niederselters habe in Laufe seiner Geschichte immer wieder Kriege erlebt, doch hätten seine Bewohner ihren Ort immer wieder weiterentwickelt und mit Leben erfüllt. Gerade in der Gegenwart stünden, bedingt durch den großen Struktur- und gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahrzehnte, die Dörfer vor großen Herausforderungen, deren Bewältigung nicht ohne die vielen sich ehrenamtlich engagierenden Menschen zu meistern sei. Ihnen gebühre daher große Anerkennung und Dank, wie auch schon von Landrat Köberle zum Ausdruck gebracht worden war.

Der Vorsitzende von "Mir sein Seldersch", Thomas Pauli, dankte namens der Gastgeber allen, die zum Gelingen des Festakts beitrugen, der dritten Veranstaltung im Jubiläumsjahr. Als nächste folgen im Mai die Vorstellung des Jubiläumsbuchs, die große Dorfparty am 2. und 3. Juli mit über 100 Mitwirkenden, die Feier zum 120-jährigen Bestehen des Verschönerungsvereins sowie eine Sportwoche, die Selterser Nacht der Vereine und Führungen durch die Niederselterser Geschichte.

Auch interessant

Kommentare