Jochen Weeber lebt mit seiner Frau Thidar Swe Tin und seinem Sohn Merlyn Alexander in New Jersey.
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Jochen Weeber lebt mit seiner Frau Thidar Swe Tin und seinem Sohn Merlyn Alexander in New Jersey.

Kreativerer Krisenbewältigung

"In den USA wartet niemand auf einen Impftermin"

  • VonTobias Ketter
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Selters: Auswanderer Jochen Weeber berichtet von seinen Erlebnissen - Kritik an Corona-Politik in Deutschland

Münster/Guttenberg -Ausgangssperren, strenge Kontaktbeschränkungen und digitaler Schulunterricht. Die Corona-Pandemie beeinflusst nach wie vor das Leben der Menschen in ganz Deutschland und damit auch im Landkreis Limburg-Weilburg. In vielen anderen Staaten hat die Krise ebenfalls das Leben der Bürgerinnen und Bürger auf den Kopf gestellt. Doch die verschiedenen Länder gehen ganz unterschiedlich mit der derzeitigen Ausnahmesituation um. Besonders in den USA gelten andere Regeln als in Deutschland.

Jochen Weeber, der im Selterser Ortsteil Münster aufgewachsen ist und schon seit mehr als sieben Jahren in den Vereinigten Staaten lebt, berichtet von seinen Erfahrungen in Zeiten der Corona-Krise.

Der 42-Jährige wohnt mit seiner Frau Thidar Swe Tin und dem gemeinsamen Sohn Merlyn Alexander in Guttenberg im Bundesstaat New Jersey. Die Liebe hat ihn auf die andere Seite des Atlantiks verschlagen. Er lernte seine Ehefrau während seiner Tätigkeit bei einem Finanz-Technologie-Unternehmen kennen. Beide arbeiteten für die gleiche Firma. Weeber in Deutschland und Thidar Swe Tin für die "Singapur-Branche" des Betriebes. Als sie von der Firma ein Jobangebot in Nordamerika bekam, hat sich Weeber für eine Versetzung entschieden, so dass beide gemeinsam in die USA zogen. Heute arbeitet der 42-Jährige aus Münster im elektronischen Wertpapierhandel für eine Großbank.

Sein fünfjähriger Sohn geht in die Dwight-Englewood-School. Er besucht dort den sogenannten Vorschulkindergarten. "Nach dem Ausbruch der Pandemie im Frühjahr des vergangenen Jahres wurde der Unterricht zunächst in virtueller Form durchgeführt", erinnert sich Weeber. Doch bereits nach den Sommerferien habe die Schulleitung auch Präsenzunterricht angeboten. "Die Eltern durften wählen, ob ihre Kinder vollständig virtuell oder vor Ort unterrichtet werden sollen", sagt der 42-Jährige. Er und seine Frau entschlossen sich, Merlyn Alexander in den Präsenzunterricht zu schicken. "Wenn ein Schüler in der Klasse dann an Corona erkrankte, mussten die Kinder umgehend einen Test machen und zeitweise in den virtuellen Unterricht wechseln", so Weeber. "Mein Sohn war in diesem Schuljahr rund 80 Prozent der Schulzeit im Präsenzunterricht."

Jeden Tag Temperatur messen

Die Sicherheit in der Dwight-Englewood-School sei der Leitung besonders wichtig. "Durch die Neuaufteilung der Klassenräume können die empfohlenen Abstände gut eingehalten werden", sagt der Vater des Fünfjährigen. Außerdem gebe es Anlagen zur Luft-Aufbereitung und die Erziehungsberechtigten müssten an jedem Vormittag die Temperatur ihrer Kinder messen und in eine App eintragen. "Damit bestätigen wir, dass unser Junge gesund ist", berichtet Weeber. An der Schule werde dann nochmals Fieber gemessen und einmal pro Woche müssten alle Kinder einen Corona-Test machen. Darüber hinaus nutze jeder Heranwachsende im Vorschulkindergarten nur sein eigenes Spielzeug und es gebe eine Maskenpflicht.

Während der digitalen Unterrichtsphasen habe sich gezeigt, dass die Lehrer offen für diese neue Form seien. "Es wurden beispielsweise virtuelle Yoga-Stunden für die Kinder angeboten", sagt der Auswanderer. Auch der Umgang mit der Website laufe meist reibungslos. "Man muss nur die betreffende Klasse anklicken und schon kann es losgehen." Nach anfänglichen Schwierigkeiten funktioniere das gesamte Konzept mittlerweile sehr gut.

Auch die Impfkampagne im Kampf gegen das Coronavirus läuft in den USA anders ab als in Deutschland. Zunächst habe sich Weeber zwar im Internet registriert und die Menschen seien in Priorisierungsgruppen eingeteilt worden. Doch seit Anfang April werde in den Vereinigten Staaten die Massenimpfung ohne Priorisierung durchgeführt. "In den USA wartet niemand auf einen Impftermin", sagt der 42-Jährige. Die Leute würden stattdessen oft ohne Termin die Krankenhäuser, Impfzentren, Ärzte und Apotheken aufsuchen. Dort gebe es mitunter lange Schlangen, die vom Militär und der Polizei überwacht werden. "Es laufen Menschen mit Laptops herum, die Termine an die Personen vergeben, die noch keine haben", erklärt der 42-Jährige. Meist bekämen diese Bürger ihre erste Impfung dann noch am selben Tag. Weeber und seine Frau sind bereits zweimal mit dem Vakzin von Biontech geimpft worden. Trotz der Schlangen gebe es keine allzu langen Wartezeiten und das Impftempo sei enorm.

Keine Kontaktbeschränkung

In den vergangenen Monaten wurde das gesellschaftliche Leben in Teilen der Vereinigten Staaten nicht so stark heruntergefahren wie in Deutschland. Laut Weeber habe es in New Jersey keine Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren gegeben. "Die Politik weiß, dass sich die Leute sowieso nicht daran halten würden. Deshalb wurden solche Regeln erst gar nicht erlassen", so der Auswanderer. Dies hänge auch mit der Mentalität der Bevölkerung zusammen. Unmittelbar nach dem Ausbruch der Pandemie habe es eine Panik gegeben. "Es ist zu Masseneinkäufen gekommen und ein Lockdown wurde verhängt." Viele Läden seien zur Schließung gezwungen worden, doch der Verkauf habe oft "unter der Hand" weiter stattgefunden. "Seit Juli des vergangenen Jahres sind alle Restaurants, Kneipen und Geschäfte aber wieder offen", sagt Weeber. In vielen öffentlichen Gebäuden gebe es nun "Fiebermessstationen".

Die Abstandsregeln werden den Angaben des 42-Jährigen zufolge meist eingehalten. Seit dem Start der Massenimpfung seien aber vermehrt Menschen ohne Maske unterwegs. "Home-Office ist sehr verbreitet", berichtet der Familienvater. Nahezu alle Mitarbeiter seines Betriebes würden diese Möglichkeit nutzen. Als Weeber kürzlich aufgrund seiner Tätigkeit ins Büro zurückkehren sollte, musste er zuvor einen Corona-Test vor laufender Laptop-Kamera machen. "Diese Idee meines Arbeitgebers soll die Sicherheit am Arbeitsplatz erhöhen", sagt er.

Weeber blickt kritisch auf die Corona-Politik in Deutschland, in Hessen und auch im Kreis Limburg-Weilburg. Es werde zu wenig gemacht. "Nur Verordnungen, die teilweise nicht kontrollierbar sind, reichen nicht." In den USA probiere man viel mehr aus. Die Umsetzung von Konzepten, wie beispielsweise an den Schulen, gehe bedeutend schneller. Der Staat und die Bevölkerung seien kreativer. Oftmals werde erst gehandelt und dann nachgefragt. Dies sei eben die Mentalität der Amerikaner. "Inzidenzen, die in Deutschland eine wichtige Rolle spielen, werden hier kaum beachtet", so Weeber.

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