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Geweihte Erde: Mehr als 50 Soldaten aus dem ersten Koalitionskrieg europäischer Monarchien gegen die junge französische Republik Ende des 18. Jahrhunderts fanden im Niederwald bei Niederselters ihre letzte Ruhestätte.

Eine seltsame Geschichte aus Niederselters

Kein Platz mehr: Soldaten im Wald beerdigt

  • vonUrsula Königstein
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Warum das Flurstück an der Karlseiche "Kirchhof" heißt

In diesen Tagen wird überall der Opfer der Kriege gedacht. Unbekannt, aber nicht vergessen, sind die fremden Soldaten, die vor über 200 Jahren in einem Waldstück am Rande von Niederselters ihre letzte Ruhe fanden. An sie erinnern der Gemarkungsname und die Aufschrift "Kirchhof" an einer alten Eiche im Niederwald.

Der Niederwald in der Gemarkung von Niederselters grenzt an Mittelberg und Dauborner Straße, flankiert von der Eisenbahnlinie und dem stark frequentierten Weg zwischen Niederselters und Oberbrechen. Doch auf den Flurkarten der Gemeinde wird vergeblich nach dem Niederwald gesucht. Vielmehr trägt der untere Abschnitt des Wäldchens seit 200 Jahren die Bezeichnung "Kirchhof".

Im Zuge des ersten sogenannten Koalitionskriegs zahlreicher europäischer Monarchien gegen das revolutionäre Frankreich (1792 bis 1797) besetzten 2000 französische Soldaten am 9. November 1792 den Brunnenort mit seinen rund 700 Einwohnern und verbreiteten dort Angst und Schrecken. Doch die Niederselterser hatten Glück, ihr Dorf wurde nicht gebrandschatzt. Der französische Kommandant respektierte den Schutzbrief, den sich der Hofkammerrat und Brunnenkommissar Heinrich Ludwig Schimper kurz zuvor in Mainz von General Custine hatte ausstellen lassen. Allerdings musste die Bevölkerung für die Verpflegung der Soldaten sorgen und ihnen große Mengen Brot und Branntwein abliefern, so die Recherchen des Vorsitzenden des Kultur- und Geschichtsvereins, Dr. Norbert Zabel.

Verwundete in

der Kaserne

Das in der kleinen Kaserne stationierte Wachkommando des Brunnens wurde gefangengenommen und nach Mainz gebracht. Die Brunnenkasse, in der sich die beträchtliche Summe von 2584 Gulden befand, nahmen die Franzosen mit, selbstverständlich gegen Quittung. Danach herrschte bis Mitte 1975 in Niederselters relative Ruhe vor den Wirren des Kriegs zwischen den deutschen Reichsfürsten, darunter der trierische Kurfürst Clemens Wenzeslaus, und der jungen französischen Republik. Jedoch wurden in der leerstehenden Kaserne verwundete Soldaten gepflegt. Die Bedrohung Frankreichs durch fast alle europäischen Monarchien war übrigens einer der Gründe für die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht in Form der "Levée en masse" im Jahr 1793, mit der in Frankreich alle unverheirateten Männer im Alter von 18 bis 25 Jahren zur Kriegsdienst verpflichtet wurden.

Ab September 1795 wurde das Dorf wieder in die kriegerischen Auseinandersetzungen verwickelt. Darüber verfassten Brunnendirektor Schimper, Schultheiß Johannes Bullmann sowie die Schöffen Adam Schickel, Jakob Lotterbach und Georg Schickel ein ausführliches Protokoll, das sie am 14. Juni 1799 unterschrieben und von den Amtmännern Amtmann Fuchs aus Limburg und Schütz zu Holzhausen aus Camberg gegengezeichnet wurde. Erstmals veröffentlichte der Postsekretär Gustav Becker diese Aufzeichnungen im Niederselterser Fremdenblatt Nr. 12 vom 19. September 1909. Diesem Bericht zufolge überfielen am 20. September 1795 40 Dragoner das Dorf und den Brunnen, raubten die Brunnenkasse, plünderten den Brunnen und die Wohnung des Brunnendirektors und verschwanden mit mehr als 6000 Gulden.

Wein und Fleisch

für die Soldaten

Im Oktober 1795 stürmten zuerst französische, dann kaiserliche Truppen Niederselters und ließen alles mitgehen, was sie transportieren konnten. Im Juni 1976 waren es kaiserliche Husaren, die das Dorf überfielen und alles raubten, was irgendeinen Wert besaß, und als sie versuchten, die Franzosen an die Lahn zurückzudrängen, mussten die Niederselterser den Soldaten große Mengen Brot, Wein und Fleisch mitgeben. Als im folgenden April die französische Armee durch den Goldenen Grund nach Frankfurt vorrückte, nutzten sie den verlassenen Brunnen und die Kaserne als Lazarett. Auch in den großen Gasthäusern wurden Verwundete versorgt. Im Juni wurde auf Anweisung des kommandierenden Generals Hoche der Brunnenbetrieb wieder aufgenommen, ein gewinnbringendes Geschäft.

Aber nicht nur die Franzosen, sondern auch Kurtrier nutzte die großen Brunnengebäude als Lazarett. Als der Regimentsarzt Teidenburg am 2. April 1795 am Lazarettfieber verstarb, wurde der Limburger Stadt- und Amtsarzt Dr. Wolff als Regimentsarzt zwangsverpflichtet, was er als große Belastung empfand, denn das Lazarett habe sich, so sein Bekunden, in einem vernachlässigten Zustand befunden.

Gesegnet im

Jahr 1795

Der kleine Friedhof an der alten Kirche war für die Beerdigung der vielen toten Soldaten nicht ausgerichtet, habe Pfarrer Lauer (1791 bis 1805) in den Pfarrakten notiert, vermerkte die Niederselterser Heimatdichterin und -historikerin Anna Kirschbaum in ihrer Dorfgeschichte von 1954. Daraufhin entschieden Schultheiß Bullmann, die Feldgerichtsschöffen, Brunnendirektor Schimper und Pfarrer Philipp Peter Lauer, die verstorbenen Soldaten außerhalb von Niederselters am Niederwald in Richtung Oberbrechen zu beerdigen. Pfarrer Lauer segnete den Soldatenfriedhof am 15. September 1795 ein.

Über 50 Soldaten wurden dort begraben. Die meisten sollen aus der Region um Trier gestammt haben. Aber auch französische Soldaten fanden sicherlich dort ihre letzte Ruhestätte. Ihre Namen wurden in den Pfarrakten vermerkt. Anna Kirschbaum vermutete den Soldatenfriedhof zwischen der "Karlseiche" und einer früher "Feldbergblick" genannten Bank. Und der Spaziergänger solle nicht vergessen, dass sich dort geweihter Boden befinden, meinte sie. Zur Erinnerung an die Opfer dieser Revolutionskriege wurde das Flurstück im Niederwald unweit der 1903 errichteten Mariengrotte einfach Kirchhof genannt.

URSULA KÖNIGSTEIN

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