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Mann aus Selters vor dem Limburger Landgericht

Kindesmissbrauch: Sieben Jahre hinter Gitter

Richter geht über Antrag der Staatsanwaltschaft hinaus

Selters/Limburg Sieben Jahre Haft, so lautet das Urteil nach vier Verhandlungstagen im Fall schweren sexuellen Missbrauchs in mehreren Fällen. Der Angeklagte ist beschuldigt, seine eigenen vier Töchter ab dem Kindergartenalter zwischen 2008 und 2016 zum Oralsex gezwungen zu haben, seine älteste Tochter über einen längeren Zeitraum. Mit diesem Urteil hat der Vorsitzende Richter der Ersten Großen Jugendkammer des Limburger Landgerichtes, Marco Schneider, eine längere Haftstrafe verhängt als von der Staatsanwaltschaft gefordert. Deren Vertreterin Michelle Krämer hatte eine Haftstrafe von insgesamt sechs Jahren für zehn Fälle von schwerem sexuellem Missbrauch an den Mädchen beantragt. Der Antrag beinhaltete ein Jahr Haft für den Tatbestand einer schweren Körperverletzung am Sohn des Angeklagten. Ihn soll der Vater mit einem Stromkabel verletzt haben. Die Vertreterin der Mutter als Nebenklägerin, Rechtsanwältin Katja Boderke, hatte eine Gefängnisstrafe von insgesamt zehn Jahren gefordert.

Zu Beginn des vierten Verhandlungstages hatte der Sachverständige Rainer Gliemann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie aus Gießen, sein bereits vorgelegtes forensisch-psychiatrisches Gutachten ergänzt. Er habe nun anhand verschiedener Quellen geprüft, ob eine Persönlichkeitsstörung des 45 Jahre alten Mannes aus Niederselters vorliege, sagte er, und trug verschiedene Merkmale und Definitionen für eine derartige Störung vor.

Die Selbstwahrnehmung, auch die Wahrnehmung anderer und seiner Umwelt sei bei dem Angeklagten erheblich gestört, führte Gliemann aus. Der Mann wirke naiv, nicht erwachsen. "Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass seine Taten eine Schädigung der Kinder sind", sagte er. Zur zwischenmenschlichen Beziehungsfähigkeit des Angeklagten sagte der Psychiater, sie sei stark auf das Sexualverhalten reduziert. Typisch bei solchen Menschen sei, dass sie selbst an ihrer Persönlichkeitsstörung nicht litten, nur die Anderen.

Schwankungen

der Launen

Gliemann zitierte auch einen Psychiater der Universität Madrid, der Kriterien für eine Persönlichkeitsstörung beschrieben hat. Dieser fasst diese Störung als eine "Achterbahnfahrt" der Gefühle zusammen. Betroffene litten an einer enormen emotionalen Instabilität mit konstanten Schwankungen der Launen. Innerhalb weniger Minuten könnten Stimmungen komplett kippen. Betroffene seien wenig reflektiert, hätten einen mangelnden Realitätssinn, geringe Willenskraft, definierten keine Ziele für sich selbst und seien so auch nicht in der Lage, sich ihre Zukunft zu gestalten. Gliemann sagte, er gehe davon aus, dass beim Angeklagten eine Persönlichkeitsstörung existiere.

Bereits in einer vorherigen Verhandlung hatte er für einen Maßregelvollzug plädiert, weil dort die Behandlungsvoraussetzungen für eine Therapie deutlich besser seien als im Gefängnis. Rechtsanwalt Jens Uwe Altmann, der Strafverteidiger des Angeklagten, gab zu Bedenken, dass sein Mandant sich bei seinen Kindern entschuldigen wollte. Das zeige ihm, dass er sich mit seiner Schuld auseinandergesetzt habe und auch Reue zeige. "Er hat sich aber nicht so damit auseinandergesetzt, dass er es gelassen hat", entgegnete Gliemann und ergänzte: "Auch weniger intelligente Menschen wissen, dass so etwas Unrecht ist."

In ihrem Abschlussplädoyer fasst Staatsanwältin Krämer die einzelnen Vorwürfe zusammen. "Es ist meine Überzeugung, dass der Angeklagte voll schuldfähig ist", sagte sie. "Seine Steuerungsfähigkeit ist nicht eingeschränkt, er hat aus einem unwiderstehlichen Zwang heraus gehandelt." Mit seinen Taten habe er seine älteste Tochter dauerhaft geschädigt.

Rechtsanwältin Boderke sagte: "Der Angeklagte hat sich schuldig gemacht. Insbesondere seine älteste Tochter hat er über Jahre missbraucht, hat ihr damit ihre Kindheit geraubt. Das ist Mord an der Seele des Kindes", betonte sie. Diese habe mehrere Suizidversuche infolge der Taten hinter sich. "Sie wird ihr Leben lang daran leiden."

"Alle Kinder sind

Opfer geworden"

Mit der Staatsanwältin teile sie die Frage nach der vollen Schuldfähigkeit, das Gutachten Gliemanns habe sie hingegen nicht überzeugt. Rechtsanwalt Altmann räumte ein, dass sein Mandant die Taten von Anfang an gestanden und sich bei den laufenden Ermittlungen kooperativ verhalten habe. Auch bei der Begutachtung habe er mitgearbeitet. Seine Art der Entschuldigung sei allerdings kläglich. Auch er glaube, dass seinem Mandanten das Unrecht bewusst und er voll schuldfähig sei. Das Strafmaß liege nun im Ermessen des Gerichtes.

Der Angeklagte, der das Schlusswort hatte, sagte nur: "Ich schließe mich den Worten meines Verteidigers an." Alsdann verkündete Richter Schneider das Urteil: Sieben Jahre Haft. Eine eingeschränkte Steuerungsfähigkeit sei bei dem Angeklagten nicht auszuschließen, darin gebe es ja auch eine Übereinkunft bei allen Beteiligten. Diese Einschränkung sei seiner Meinung nach aber nicht erheblich, führte er in seiner Urteilsbegründung aus. "Alle Kinder sind Opfer geworden, die älteste Tochter über einen längeren Zeitraum."

Sieben Jahr seien eine schuldangemessene Strafe. Eine Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus halte er nicht für nötig, Therapiemöglichkeiten gebe es auch in Haft. Zum Angeklagten sagte er: "Sie werden an sich arbeiten müssen, therapeutische Angebote sollten Sie auch wahrnehmen".

andreas e. müller

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