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Jens Kristen gründete zusammen mit seinem Freund Uwe eine Selbsthilfegruppe für Menschen die unter Angststörungen leiden, unter Panikattacken und Schmerz.

Selbsthilfe

So lebt es sich mit Angststörungen und Panikattacken

Seit August vergangenen Jahres treffen sich in Selters jeden Monat Menschen in einer Selbsthilfegruppe, in der es um Angststörungen, Panikattacken und Schmerz geht.

Angst ist ein Gefühl, und es ist völlig normal, Angst zu verspüren. Es ist ein Mechanismus, der uns vor Gefahren schützt, der unsere Sinne schärft, uns aufhorchen lässt, unsere Aufmerksamkeit erhöht und somit dafür sorgt, dass wir aus einer riskanten Situation heil herauskommen.

Aber bei manchen Menschen verselbständigt sich dieses Gefühl. Es tritt nicht mehr nur in einer Gefahrensituation auf, sondern in allen möglichen Momenten und in unangemessener Weise. Betroffene haben starke Symptome: Herzrasen, Schweißausbruch, Atemnot, Schwindel, Zittern, Todesangst… So geht es auch Jens Kristen. Seit 30 Jahren leidet er an einer Angststörung und erlebt regelmäßig Panikattacken.

„Jeder hat Angst“, sagt der 49-Jährige. „Das weiß ich. Aber die Ängste, die ich habe, sind extremer… Sie führen zu Panikattacken, zu starken körperlichen Symptomen und zu einem erheblichen Leidensdruck. Sie belasten mich, weil sie in weiten Teilen mein Leben bestimmen.“ Angefangen habe das in seiner Kindheit, erzählt er. Er war Epileptiker. Das sei sehr belastend gewesen. Deshalb bekam er mit der Zeit Angst, einen solchen Anfall zu bekommen. Inzwischen ist die Epilepsie weg, aber die Angst vor den Anfällen – die ist geblieben. Fotografieren mag er nicht, bis heute – wegen des Blitzlichts. In die Disko habe er sich nicht getraut – wegen des flackernden Lichts. Lichtflackern und Blitzlicht gelten als mögliche Auslöser für epileptische Anfälle. „Ich hab mich immer mehr zurückgezogen, wurde zum Einzelgänger, weil ich auch andere nicht damit belasten wollte.“ Immer häufiger habe er auch Verabredungen abgesagt. „Jede Aktion ist für mich mit Ängsten verbunden. Etwas allein zu unternehmen, ist ein Problem.“

„Als Dreijähriger hatte ich meinen ersten epileptischen Anfall“, erzählt Jens Kristen. Insgesamt habe er zwar nur fünf größere Anfälle gehabt, aber seine Eltern seien sehr vorsichtig gewesen und haben auch ihn dazu erzogen. Er sei in einem etwas überbesorgten Elternhaus aufgewachsen, sagt er rückblickend. „Das war der Grundstein für meine Ängste und die Panik. Und die Angst ist immer da“, beschreibt er seinen Alltag. „Es gibt keinen Tag, an dem ich nicht Angst habe.“ Inzwischen hat er aber nicht nur Angst vor epileptischen Anfällen, sondern auch vor schweren Krankheiten überhaupt, die tödlich oder mit Kontrollverlust enden könnten. Und er hat Angst vor dem Tod, vor dem Sterben… – und Angst vor der Angst. Es ist eine Spirale, die einmal losgetreten, immer weitergeht… Und wenn mehrere Sachen zusammenkommen, sich einiges aufgestaut hat, entladen sich seine Ängste in einer Panikattacke, als Reaktion – vor allem nachts. Dann habe er einen extrem hohen Herzschlag, schwitzt, hat Fluchtgedanken…

Im vergangenen Jahr habe er sich schließlich in eine Psychiatrische Klinik einweisen lassen. Dort sei man den Ursachen auf den Grund gegangen. Dabei sei herausgekommen, dass die Hauptursache in den epileptischen Anfällen in seiner Kindheit liegt. Der Klinikaufenthalt sei ein Wendepunkt gewesen, sagt er. Er habe Entspannungsübungen gelernt und könne mit Situationen jetzt viel besser umgehen. In der Klinik in Weilmünster habe er auch einen Freund gefunden, der unter starken chronischen Schmerzen leidet. „Wir haben uns viel unterhalten. Und dabei festgestellt, dass das Reden hilft“, erzählt er weiter. Und so sei noch in der Klinik die Idee entstanden, eine Selbsthilfegruppe zu gründen, sich regelmäßig auszutauschen und so auch anderen die Gelegenheit zu geben.

„Gespräche mit anderen Betroffenen bringen viel mehr als mit Angehörigen oder Freunden“, sagt Jens Kristen. „Die verstehen die Probleme oft nicht – wahrscheinlich weil sie täglich damit zu tun haben, mittendrin stecken – es nicht nur jeden Tag hören, sondern auch miterleben.“ Und das sei schwer auszuhalten. Denn während einer Panikattacke könne einem niemand helfen, weil fast nichts zum Betroffenen durchdringt, erklärt er. Für Angehörige sei diese Situation sehr belastend, weil sie nur hilflos daneben stehen und zusehen können. Der Austausch mit Betroffenen tue gut. „Denen geht es ja genauso“, sagt er. „Die haben das eine oder andere auch, und manche haben Strategien entwickelt, auf die man selbst noch nicht gekommen ist. Andere Betroffene haben auch mehr Verständnis.“ In der Gruppe habe man sich schon über viele gute Tipps ausgetauscht. Wenn er heute merkt, dass sich in ihm etwas zusammenbraut, was in einer Panikattacke gipfeln könnte, mache er Entspannungsübungen. „Oder ich singe, vor allem im Auto: schön laut und falsch. Aber das ist ja egal. Manchmal lese ich auch, um mich abzulenken oder mache Kopfrechnen. Auch das hilft.“

Die meisten, die zu den Gruppentreffen kommen, haben existenzielle Ängste. Sie alle haben auch Erfahrungen mit Depressionen gemacht. Betroffene mit Phobien sind nicht in der Gruppe. „Wir sind kein Therapie-Ersatz“, fügt er hinzu. „Wir sind keine Psychologen, nur selbst Betroffene. Wir können niemanden auffangen, nur unsere Erfahrungen weitergeben.“ Und alles, was in der Gruppe besprochen wird, werde selbstverständlich nicht weitergetragen.

Die Selbsthilfegruppe SAP bietet Erfahrungsaustausch, Gesprächsrunden, auf Wunsch gemeinsame Aktivitäten, Spieleabende und Hilfestellungen. SAP steht dabei für „S“ wie Schmerz, „A“ wie Angst und „P“ wie Panik. Die nächsten Treffen sind am 12. Juli und am 2. August. Treffpunkt ist in Niederselters, Am Schwimmbad 7, Vereinsheim des SV Niederselters, gegenüber des Penny Markts.

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