NPS_EisenbachBio2_031220
+
Ursula Bausenwein und Andreas Gattinger lieben ihren Biobetrieb in Eisenbach.

Selbst anbauen in Eisenbach

Lieber genau auf die Herkunft der Lebensmittel schauen

  • vonRobin Klöppel
    schließen

Warum die Corona-Pandemie positiven Einfluss auf den Tannenhof hat

Die Corona-Pandemie hat dazu geführt, dass viele Verbraucher wieder mehr regional kaufen. Das sagt Prof. Dr. Andreas Gattinger, der in Eisenbach mit seiner Frau Dr. Ursula Bausenwein, einer Biologin, ökologisch im Nebenerwerb den Tannenhof bewirtschaftet und zudem Professor für Ökolandbau der Justus-Liebig-Universität Gießen ist.

Prinzipiell sei regional zu kaufen, eine gute Tendenz, wie der 55-jährige Eisenbacher findet, weil es Sinn mache Produkte saisonal zu verzehren und lange Transportketten zu vermeiden. Gattinger sagt aber auch, dass die Bezeichnung "Regional" nicht immer unbedingt etwas über die Qualität einer Ware aussagen müsse. Von daher rät Gattinger den Verbrauchern, schon darauf zu achten, von wo sie die Ware beziehen und wie dort produziert werde.

Diejenigen, die nicht direkt in Hofläden kaufen, kann der Eisenbacher Fachmann nur ermuntern, am Marktstand, an der Metzgerei-Theke oder im Supermarkt nachzufragen, von welchen Betrieben die als "Regional" ausgezeichnete Ware stamme. Gute Händler würden den Namen des Herkunftsbetriebes direkt anschreiben oder auf Nachfrage zumindest nennen. "Regional" könne auch ein dehnbarer Begriff sein, denn der Taunus sei beispielsweise groß.

In manchen Fällen sollte man, so Gattinger, auch auf Kleinigkeiten achten, beispielsweise ob ein in der Region geschlachtetes und vermarktetes Schwein auch aus einer regionalen Zucht stamme oder zugekauft sei. Es stelle sich auch die Frage, ob zum Beispiel das für die Viehhaltung verwendete Futtermittel ebenfalls aus der Region stamme. Da sein Vater Josef (86) den Tannenhof ja auch noch nach alten Prinzipien bewirtschaftete, kennt Andreas Gattinger die herkömmlichen Bewirtschaftungspraktiken sehr gut und verdammt diese nicht. Er sagt, dass das Klima zwischen konventionell und ökologisch wirtschaftenden Landwirten mittlerweile auch deutlich entspannter als noch in den Anfangszeiten sei.

Dennoch weist Gattinger darauf hin, dass die ihm gestellte Frage, ob Regional das neue Bio sei, dass für ihn das Optimum Regional und Bio sei. Denn Regional alleine könne trotzdem bedeuten, dass das Ei von einer Henne in Käfighaltung stamme oder dass der Anbau mit chemischem Pflanzenschutz durchgeführt werde, was bei einem zertifizierten Biobetrieb ausgeschlossen sei.

Regelmäßige Überprüfung

Zertifizierte Betriebe würden, wie der Professor weiß, regelmäßig geprüft. Alles müsse genau dokumentiert werden, um zu erkennen, ob die geschäftlichen Aktivitäten eines Betriebes nachvollziehbar seien. Wenn jemand viel mehr Biogetreide verkaufe, als auf seiner Fläche erzeugt werden kann, dann müsse man natürlich genauer hinschauen.

Wissenschaftlich kann durchaus mittlerweile für viele unverarbeitete pflanzliche und tierische Lebensmittel die geographische Herkunft ermittelt werden oder festgestellt werden ob konventionell oder ökologisch gewirtschaftet wurde. Gattinger ist sich aber sicher, dass die meisten Betriebe der Region hochwertige Ware anbieten würden.

Regionale Produkte zu konsumieren, findet er auch gut, um die Verbundenheit der Menschen zu ihrer Region zu stärken. Andererseits müsse nicht aus der Region stammend genauso nicht bedeuten, dass eine Ware minderwertiger sein müsse. Denn in vielen Ländern außerhalb der EU würden die europäischen Bio-Richtlinien als Zertifizierungsgrundlage gelten. Dass dennoch vielen mittlerweile wichtig sei, den Betrieb genau zu kennen, woher ihre Produkte stammen, zeigt sich aber an der Tatsache, dass sich der Umsatz im Hofladen des Gladbacherhofs in Villmar (ökologisch bewirtschafteter Lehr- und Versuchsbetrieb der Uni Gießen) im Corona-Jahr verdoppelt habe.

Andreas Gattinger und Ursula Bausenwein müssen nicht vom Erlös des Tannenhofes alleine leben, freuen sich aber trotzdem, dass durch Corona ihr Saisongarten auf dem Hof gefragter denn je sei. 15 Personen oder Familien haben aktuell dort eine Fläche gepachtet, wo Bausenwein im Frühjahr Gemüse anpflanzt, dass die Pächter dann pflegen und für ihren Eigenbedarf ernten können.

Selbst Gemüse

anbauen

Natürlich gibt die Fachfrau ihren Kunden gerne Tipps, wenn es sich um Anfänger handelt, die vorher nie daheim selbst Gemüsebau betrieben haben. Rebecca Bittner war auch eine solche blutige Anfängerin, als sie bewusst mit ihrem Mann aus Frankfurt raus aufs Land gezogen ist. Die Wahl-Bad Cambergerin hörte dann von Ursula Bausenwein und findet gut, dass sie hierher immer einen kleinen Ausflug zum Abschalten machen und die Gartenarbeit strikt von ihrem Privatleben daheim trennen kann. Sie sagt, dass es ihr für Körper und Gesundheit gut tue, sich von Biogemüse zu ernähren. Sie betreibt den Saisongarten für 130 Euro die Saison gerne, nicht nur, weil ihr die Gartenarbeit Freude macht und Ausgleich bringt. Sie ist auch überzeugt von einem System ohne lange Wege und ohne unerwünschte Rückstände im Gemüse. Ein System, aus dem die Ware ihrer Meinung nach viel besser und frischer schmeckt, als das, was man üblicherweise in den Großmärkten geboten bekommt.

Wenige Selbstversorger

Andreas Gattinger sagt, dass der 2020 eingesetzte Run auf regionale Produkte auch mit der Angst zu tun habe, das durch die Corona-Pandemie irgendwann die aus dem Ausland importierten Lebensmittel knapp werden könnten. So horteten viele ähnlich Klopapier Mehl und Getreide. Gattinger denkt nicht, dass in Deutschland die Lebensmittel knapp werden, weist aber auch darauf hin, dass im Goldenen Grund, obwohl die Böden hochwertig seien, der Selbstversorgungsgrad an Gemüse unter drei Prozent liege. Und was auch nicht vergessen werden dürfe, sei, dass viele deutsche Betriebe bei der Ernte auf ausländische Erntehelfer angewiesen seien. Von daher findet es Andreas Gattinger schade, dass viele Bürger in Deutschland den Gartenbau zur Selbstversorgung längst vernachlässigt haben und diese Aufgabe dem professionellen Agrarbereich überlassen haben und ihre Produkte aus anonymer Produktion beziehen. Nachdenklich macht ihn, dass im Schnitt Deutsche nur zehn Prozent ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, jedoch viel mehr Geld in Lifestyle, Autos, Urlaub und Kleidung stecken. robin klöppel

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare