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Oberselters steckt voller Geschichten und Anekdoten

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Reinhard Pabst im Jahr 1981 mit seinem ehemaligen Kunstlehrer Peter Albrecht aus Runkel.
Reinhard Pabst im Jahr 1981 mit seinem ehemaligen Kunstlehrer Peter Albrecht aus Runkel. © privat

Wir veröffentlichen die Erinnerungen des Literaturexperten Reinhard Pabst

Oberselters -Meine früheste Erinnerung an Oberselters hat mit einem dramatischen und für mich geradezu traumatischen Ereignis zu tun. Am 16. Juni 1966 setzte ein Blitzschlag Scheune und Ställe des Bauernhofs von "Tonis Willi" in Brand. Damals war ich erst drei Jahre alt. Von dem, was da nahe beim Dorfeingang passierte, hätte ich wohl kaum etwas mitbekommen, wenn nicht ungefähr dort, wo heute das Bürgerhaus steht, zur gleichen Zeit ein kleiner Zirkus zu Gast gewesen wäre. Der plötzliche Abbruch einer Vorstellung, die ich mit meiner Mutter Waltraud (1941-1972) besuchte, die Panik des Publikums, das aus dem Zelt nach draußen stürmte und auf dem Nachhauseweg am Ort der Feuersbrunst vorbei musste: All' das, Angst und Schrecken dieses Katastrophennachmittags haben mich als Kind jahrelang bis in meine Träume verfolgt.

Wenn ich heute in Horressen, einem Stadtteil von Montabaur (wohin meine Frau und ich im Mai 2020 gezogen sind), an Oberselters zurückdenke, denke ich natürlich zuallererst an meinen verstorbenen Vater A. Josef Pabst. Den Vornamen seines Limburger "Pätters" Anton mochte er nicht, deshalb tilgte er ihn stets bis auf den Anfangsbuchstaben. Bis zuletzt hat er sich gewünscht, daheim in "Obernseldersch", wo er geboren wurde, auch sterben zu dürfen. Doch leider ist alles ganz anders gekommen.

Seine Heimat, "das (!) Ort", wie es im Volksmund heißt, war für ihn wie ein aufgeschlagenes Buch voller Geschichte(n) und Anekdoten. So lange er konnte, hat er uns mit seinen Geschwistern und deren Ehepartnern sehr gerne davon erzählt. Dabei gingen ihnen uralte Redensarten ("erschosse wäj Robert Blum") ebenso leicht über die Lippen wie die seit mehreren Jahrhunderten nachweisbaren Straßen- und Flurnamen ("die Hohl", "die Hostert"), die bedauerlicherweise immer mehr außer Gebrauch kommen.

Kollektive

Identität

Vor 25 Jahren erstellte mein Vater auf meine Bitte hin ein detailliertes Verzeichnis der von Generation zu Generation tradierten Oberselterser Hausnamen. Kein Chronist vor ihm hat sie je aufgeschrieben. In diesen Bezeichnungen, den meisten Einheimischen zwischen 60 und 90 noch immer geläufig, ist Vergangenheit - und damit ein wichtiges Stück kollektiver Identität des Dorfes - lebendig geblieben. Anders als die amtlich registrierten Schreibnamen ortsansässiger Familien geben die nur mündlich, also auf Platt überlieferten Hausnamen Auskunft über Berufe, die hier längst ausgestorben sind, und bewahren zugleich die Erinnerung an Menschen, die hier früher gelebt haben.

Im Alltag waren diese Hausnamen außerdem von praktischem Nutzen, dienten sie doch - besser als jeder Lageplan aus Papier - der raschen Orientierung. Wer etwa bei den vielen Oberselterser Trägern des Schreibnamens Schwarz den Überblick zu verlieren drohte, fand sich mit Hilfe ihrer verschiedenen Hausnamen (Schimmels, Sauersch, Treune, Kläre, Scholzehonnese oder Brunnemastersch) gut zurecht. Die 1997 von meinem Vater zusammengestellte Liste umfasst alles in allem fast 70 solcher Hausnamen. Einst waren sie in aller Munde, doch allmählich drohen sie in Vergessenheit zu geraten.

Tauf- oder

Rufnamen

Manche von ihnen können aus den Tauf- oder Rufnamen bestimmter Personen abgeleitet werden: Hoannoms (Johann Adam), Dinoase (Katharina), Stöffels (Christoph), Oammergridde (Anna Margaretha), Ewäse (Eva) oder Schackerts (Jaquette) zum Beispiel. Andere verweisen auf Tätigkeiten oder Professionen wie etwa Hommersch (Betreiber der Hammermühle), Schouwillems, Schouhonnese und Schousterpedersch (Schuhmacher), Monnemeechersch (Korbflechter), Kojerts (Kuhhirte) oder Metzjersch (Metzger), um nur einige wenige zu nennen.

Doch was mögen uns Heutigen rätselhaft erscheinende Hausnamen wie "Boubese", "Hoostjes" oder "Kumbiersch" bedeuten? Bei letzterem, auch andernorts dokumentiert, handelt es sich höchstwahrscheinlich um eine Verballhornung des französischen Begriffs "compère" (wörtlich: Gevatter/Taufpate), mit dem neben Verwandten besonders schlaue oder gewitzte Zeitgenossen bedacht wurden. Und "Simmsches Peder"? Der Peter, der sich, soviel ich weiß, mit Nachnamen eigentlich Deisel schrieb, verdankte diesen Beinamen seinem Wohnplatz "im Sümpfchen" ("en Simmsche") in der Nähe des Mineralbrunnens, durch das 1913 ein zweites Gleis für die Bahnstrecke zwischen Camberg und Niederselters gelegt wurde. Ungefähr um diese Zeit dürfte auch die Zeichnung entstanden sein, die mein ehemaliger Kunstlehrer mir geschenkt hat; das "Sümpfchen" ist am linken Bildrand zu lokalisieren.

Von wem sie stammt, konnte mir bisher niemand sagen, sogar "Abbes" Bastian nicht, der sich mit künstlerischen Arbeiten über Camberg und Umgebung auskennt wie kein zweiter. Neben dem "Talblick nach Süden" fertigte der Anonymus übrigens auch eine seltene Ansicht von Erbach im Taunus an.

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