Der 55-jährige Agrarwissenschaftler Andreas Gattinger leitet das Feldexperiment in Selters, bei dem der Düngebedarf für Landwirte in hoher Präzision ermittelt werden soll.
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Der 55-jährige Agrarwissenschaftler Andreas Gattinger leitet das Feldexperiment in Selters, bei dem der Düngebedarf für Landwirte in hoher Präzision ermittelt werden soll.

Landwirtschaft

Selters: Damit Landwirte künftig effizienter düngen

  • vonTobias Ketter
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Wissenschaftliches Experiment erforscht Stickstoffverlustwege im Pflanzenbau

Selters -Wer in den kommenden Tagen und Wochen auf der Hessenstraße (L 3449) zwischen den Abzweigungen nach Eisenbach und Münster unterwegs ist, kann mitten im Feld einen weißen Lastwagen entdecken. Doch warum steht er an einer Stelle, wo sonst nur Traktoren oder Fußgänger vorbeikommen? Andreas Gattinger vom nahe gelegenen Tannenhof kennt die Antwort. "Dort wird derzeit ein Experiment durchgeführt, welches das Ziel verfolgt, den Düngebedarf für die Landwirte in hoher Präzision zu ermitteln", sagt er.

Der 55-Jährige Agrarwissenschaftler leitet das gemeinsame Feldexperiment der Justus-Liebig Universität Gießen und des Instituts für Meteorologie und Umweltforschung am Karlsruher Institut für Technologie. "Es wird auf zwei nebeneinanderliegenden Feldern gemessen, wie viel Stickstoff die Pflanzen aufnehmen und wie viel verloren geht", erklärt Gattinger.

Stickstoff ist für landwirtschaftliche Kulturen ein unverzichtbarer Nährstoff, der eine zentrale Rolle beim Pflanzenwachstum und der Ertragsbildung spielt. Jedoch treten bei der Stickstoff-Düngung häufig auch erhebliche Nährstoffverluste auf, die zu wirtschaftlichen Einbußen und zu Umweltschäden führen können.

Projekt dauert drei Jahre

Stickstoff kann nämlich in Form von Nitrat bis in das Grundwasser gelangen und die Gesundheit von Mensch und Tier gefährden. Außerdem können gasförmige Stickstoffformen, wie Lachgas und Ammoniak, aus dem Boden austreten. "Das wirkt sich dann negativ auf das Klima aus", sagt Gattinger. Aus ökonomischen und ökologischen Gründen bestehe deshalb ein großes Interesse, diese Stickstoffverluste zu minimieren.

Durch eine Steigerung der Effizienz könne eine ausreichende Stickstoff-Versorgung der Kulturpflanzen trotz geringerer Düngung sichergestellt werden, sagt der Agrarwissenschaftler. Das insgesamt drei Jahre andauernde Projekt soll dazu beitragen, die Stickstoffverlustwege im Pflanzenbau zu erkennen und Strategien zur Erhöhung der Nutzungseffizienz zu ermitteln.

In der Gemeinde Selters messen die Wissenschaftler nun jeweils die Stickstoffverluste auf einer ökologisch sowie herkömmlich bewirtschafteten Fläche. Auf dem ökologisch bewirtschafteten Feld wurden in den vergangenen zehn Jahr viermal Leguminosen, wie Luzerne oder Klee, angebaut. Diese sorgen laut Gattinger dafür, dass Stickstoff für die Pflanzen selbst hergestellt wird. Dadurch benötige man keine Stickstoff-Düngung und senke die Risiken der Nitratauswaschung und der Freisetzung gasförmige Stickstoffformen.

Röhren im Boden sammeln das Nitrat

Auf dem anderen Feld sind in den vergangen zehn Jahren keine Leguminosen gewachsen. Auf beiden Flächen wächst derzeit Grünroggen. Anschließend wird dort Mais angebaut. "Der weiße Lkw steht noch bis zur Maisernte, die Ende September durchgeführt wird, nahe der Hessenstraße", so Gattinger. In dem Fahrzeug befindet sich die Steuerungscomputer sowie Analysegeräte, welche die Versuchsdaten an die Forscher übermitteln. Bereits im September 2020 wurden Röhren in die Erde eingelassen, die das Nitrat im Boden sammeln. Außerdem wird der gasförmige Stickstoffverlust durch Messgeräte an der Oberfläche festgestellt. In etwa drei Wochen werde Gülle von einem regionalen Biogasbetrieb als organischer Dünger auf den Feldern verteilt, erklärt der Projektleiter, der mit einem achtköpfigen Team das Experiment betreut. "Aber nur so viel, wie die Pflanzen nach den ersten Erkenntnissen aus den Messungen benötigen." Anschließend sollen die Stickstoffverluste erneut ausgelesen und Bodenproben entnommen werden.

Doch warum wird das Experiment gerade in der Gemeinde Selters durchgeführt? "Wir benötigen für den Versuch zwei ebene Flächen, die hier zu finden sind", erklärt Gattinger. Darüber hinaus sei der Gladbacher Hof in Aumenau, der als Lehr- und Versuchsbetrieb der Uni Gießen genutzt wird, nicht weit von den beiden Feldern entfernt.

Der Versuch nahe der Hessenstraße kostet rund 400 000 Euro. Für das gesamte Projekt, zu dem auch eine Befragung von Landwirten in ganz Deutschland gehört, ist ein Budget von etwa 700 000 Euro vorgesehen. Im Frühsommer möchte Gattinger allen interessierten Bürgern eine Feldführung anbieten, um ihnen das Experiment genau zu erklären. "Die Messtechnik, die hier angewendet wird, ist europaweit einmalig", sagt der Agrarwissenschaftler stolz.

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