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Auf dem Friedhof in Niederselters fand der Viehhändler Johann Schütz, den die Nazis noch kurz vor Kriegsende ins KZ gebracht hatten, vor 75 Jahren seine letzte Ruhestätte.

Historisches

Selters: Das Schicksal des Viehhändlers Schütz

  • vonUrsula Königstein
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Der Viehhändler Johann Philipp Schütz aus Niederselters wurde noch kurz vor Kriegsende Opfer des Nazi-Terrors

Niederselters -Ettese Johann, wie Johann Schütz im Dorf genannt wurde, galt ein wenig als Sonderling. Am 14. Januar 1895 geboren, handelte er vorwiegend mit Geißen, aber auch mit kleinen Pferden und Geflügel. Er beteiligte sich nicht an irgendwelchen politischen Aktivitäten und Auseinandersetzungen, er gehörte jedoch zu den wenigen, die sich während der Nazi-Regimes nicht dem NS-Führer in Niederselters, Eduard Lutz, unterordneten. Vor allem weigerte er sich unter Berufung auf seine Kriegsverletzung und ärztliche Atteste, zum Katastrophendienst oder zur Mithilfe bei der Ernte anzutreten, wie Ulrich Eisenbach in dem Kapitel über die Weimarer Republik und die NS-Zeit in der Geschichte von Niederselters schreibt. Daher sann Lutz schon lange darauf, den renitenten Querulanten, wie er Schütz nannte, loszuwerden. Eine solche Gelegenheit bot sich dem selbsternannten Bürgermeister, als es zu Spannungen zwischen dem Viehhändler und der bei ihm 1944 einquartierten bombengeschädigten Frau mit vier Kindern aus Mainz kam. Die Frau beschwerte sich im September bei Lutz über Schikanen ihres Hauswirts. Er habe ihr unter anderem verboten, Wasser zu zapfen oder im Hof Holz zu hacken.

Die Gestapo in Limburg

Lutz nutzte die Gunst der Stunde und beantragte bei der NSDAP-Kreisleitung, Schütz müsse "auf einige Zeit an geeigneter Stelle längeren Anschauungsunterricht" erhalten, damit er "Zeit und Gelegenheit hat darüber nachzudenken, wie man sich einer deutschen Mutter von vier unmündigen Kindern und einer Soldatenfrau gegenüber zu benehmen hat." Als nichts geschah, machte Lutz im Dezember noch einmal Druck und forderte die Kreisleitung auf, Schütz wegen "fortwährend unsozialen Benehmens für einige Zeit unschädlich zu machen." Unter anderem habe er den Feldhüter, der ihn zu einer Arbeit aufforderte, grob beschimpft. Außerdem errege er durch seinen Widerstand viel Ärgernis und verderbe durch sein schlechtes Beispiel die Arbeitslust der noch Arbeitswilligen.

Diesmal hatte Lutz mehr Erfolg. Johann Schütz wurde am 28. Februar 1945 von der Gestapo in Limburg vorgeladen, in "Schutzhaft" genommen und wenige Tage später in das Gestapo-Gefängnis in Frankfurt überführt. Von dort aus wurde er in ein süddeutsches Konzentrationslager gebracht, was seine Frau Berta, geborene Weimer, erst viel später erfuhr. Das KZ überlebte er, doch starb er 50-jährig am 19. Juni 1945 an den Folgen seiner Haft im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in Straubing. Als Todesursache gab die Krankenhausverwaltung, die den Tod des Niederseltersers angezeigt hatte, Lungenentzündung an, so der Vorsitzende des Kultur- und Geschichtsvereins, Dr. Norbert Zabel.

Polizist Kaiser verurteilt

Johann Schütz wurde zunächst in Straubing beerdigt, doch fand er am 30. November 1945 auf dem Friedhof seiner Heimatgemeinde Niederselters seine letzte Ruhestätte. Im Zuge der Entnazifizierung war der Niederselterser Polizist Karl Kaiser, rechte Hand von Eduard Lutz und mitveranwortlich für die KZ-Einweisung des Viehhändlers, verurteilt worden, den Toten eigenhändig zu exhumieren und in Niederselters zu bestatten. Drei Niederbrechener, der Fuhrunternehmer Alwin Kramm und sein Fahrer Heinrich Schneider sowie der damals 15-jährige Alois Blum, die den Auftrag hatten, den gefallenen Niederbrechener Soldaten Valentin Diefenbach heimzuholen, nahmen Kaiser mit Kramms Milchlaster, einem Holzvergaser, mit auf die Reise nach Süddeutschland. Alois Blum hat diesen Vorgang schon vor Jahren ausführlich für das Gemeindearchiv geschildert. Neben den beiden Särgen für die Toten befanden sich auf der Ladefläche Säcke mit Brennholz, denn unterwegs musste regelmäßig Holz nachgefüllt werden, um den Laster am Laufen zu halten.

Erstes Ziel dieser ungewöhnlichen Reise, die Alois Blum und Karl Kaiser auf den Särgen sitzend absolvierten, war ein kleiner Ort in der Nähe von Nördlingen, wo Valentin Diefenbach gefallen und beerdigt worden war. Während der Jugendliche bei Verwandten in Nördlingen blieb, fuhren die anderen nach der Exhumierung Diefenbachs weiter nach Straubing. Hier auf dem Friedhof grub Kaiser den Leichnam von Johann Schütz aus und legte ihn in den zweiten Sarg. Zurück in Niederselters musste Kaiser unter Aufsicht auf dem Friedhof ein Grab ausheben und Johann Schütz dort zur letzten Ruhe betten.

Alois Blum aus Niederbrechen erinnert sich noch gut an die Fahrt nach Süddeutschland vor 75 Jahren zur Umbettung eines gefallenen Niederbrechener Soldaten und des Niederselterser Viehhändlers Johann Schütz, der nach seiner Haft in einem KZ in Straubing verstorben war.

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